INTERVIEW

»Boulevard ist Großstadttheater«

Der Regisseur und Intendant Martin Woelffer über die Erfahrungen nach
der ersten Spielzeit seiner Ku’dammbühne im Schillertheater, längst überholte E- und U-Einteilungen, seine Premiere „Ab jetzt“ und Roboter auf der Bühne

In dritter Generation Intendant der Komödie am Kurfürstendamm, derzeit im Schillertheater: Martin Woelffer, 55 – Foto: Michael Petersohn

Interview: Friedhelm Teicke

Herr Woelffer, Alan Ayckbourns Farce „Ab jetzt“ hatte 1989 im Theater am Kurfürstendamm seine deutschsprachige Premiere, inszeniert von niemand geringerem als Peter Zadek. Sie waren damals sein Regieassistent. Was hat Sie bewegt, die düstere Zukunfts-Farce 30 Jahre später nun neu und selbst zu inszenieren?

„Ab jetzt“ ist eine wunderbare Komödie aus der Prä-Internetzeit der 80er-Jahre, die eine erstaunliche Aktualität hat. Und sie hat mich nie ganz losgelassen. Aber ich traute mich lange nicht ran: Zadek hatte sie inszeniert, das war natürlich ein Nimbus, ­Susanne ­Lothar und Otto Sander haben gespielt. Aber ich habe nun erneut gemerkt, was in dem Stoff noch alles drinsteckt, was damals noch gar nicht gesehen wurde oder nicht gesehen werden konnte, weil es eben noch vor der digitalen Zeit war.

Die Vereinzelung des Menschen in der digitalen Welt, die zunehmende Unfähigkeit zur direkten Kommunikation – all das steckt bereits in dem Stück. Ist das Ihr neuer Ansatz?

Das Spannende ist, dass die damalige Zukunft nun bereits stattgefunden hat, sogar noch mehr als es sich der Autor damals ­vorstellen konnte, obwohl er schon ziemlich visionär war. Etwa wenn das ganz Stück hindurch immer wieder der Anrufbeantworter angeht und Sensation: Man telefoniert per Bild! Videotelefonie ist für uns inzwischen selbstverständlich. Wir verlegen das Stück nun noch weiter in die Zukunft, die digitale Zeit ist schon wieder überwunden. Wir siedeln es im Berlin des Jahres 2040 an, alles ist hochtechnologisiert, aber das Hypermoderne ist schon wieder Schrott, so wie in Filmen wie „Brazil“ oder „Soylent Green“. Die digitale Ära ist bereits vorbei, man geht wieder zurück zum Analogen, was wir in einigen Bereichen wie der ­Renaissance von Vinyl-LPs ja auch schon heute beobachten.

Kürzlich betitelte das HAU sein Festival zum 20. Jahrestag des Postdramatischen Theaters mit „Alles ist Material“. Auch in „Ab jetzt“ macht der Protagonist Jerome, ein Musiker, alles in seinem Umfeld zum Material für sein kompositorisches Werk: jedes Wort, jedes Lachen, jedes Liebesseufzen. Ist er damit nicht geradezu ein Vorreiter der Postdramatik?

Vor allem ist es ein Extrem dessen, was ­viele von uns heute tun, wenn sie zum Beispiel ihr Essen fotografieren und das Bild per Instagram mit der Welt zu teilen. Wir alle sind ständig irgendwie kreativ, nehmen unsere Umgebung als Social-Media-Material. Doch in der digitalen Inszenierung des Selbst vereinzelt und vereinsamt man gleichzeitig, ohne dass man sich das bewusst macht. Auch Jerome ist total einsam, er lebt völlig zurückgezogen in irgendeinem Berliner Viertel, das von Banden beherrscht wird, ein ­rechtsfreier Raum, aus dem sich die Polizei längst zurückgezogen hat. Auch die Tochter, um deren Sorgerecht er kämpft, braucht er vor allem als Inspirationsquelle seiner Kunst.

Er ist eigentlich eine traurige Figur.

Gleichwohl ist es eine wunderbare Komödie im archaischen Sinne, weil sich daraus wie beim traurigen Clown eine komische Fallhöhe ergibt. Da ist Alan Ayckbourn ein wirklicher Meister aus einem ernsten Thema eine Komödie zu ­bauen, die natürlich über die absurden Situationen funktioniert. Dazu trägt freilich auch der Roboter bei, der ja nur nach bestimmten Mechanismen, auf Schlüsselworte regiert und funktioniert. Das provoziert Komik.

Jerome hat eine Haushaltsroboterfrau, die ihm beim Sorgerechtsstreit helfen soll.

Aber der Roboter hier ist eher funktional, er hat anders als in anderen Zukunfts-Dystopien nicht vor, die Weltherrschaft zu übernehmen. Er steht in dem Stück für die Sehnsucht nach der Perfektion eines Mitmenschens, die er weitgehend liefert. Aber eben nur weitgehend. Wenn es um Gefühle und Liebe geht – die Suche nach Liebe hört anscheinend auch in der Zukunft nicht auf – hat der Roboter ganz klar seine Grenzen, auch wenn er alles andere sehr viel „perfekter“ macht als ein Mensch.

Oliver Mommsen, Zoe Moore und Nicola Ransom (v. l. n. r.) spielen in der düsteren Zukunfts­komödie „Ab jetzt“ – Foto: Michael Petersohn

In Asien werden schon länger humanoide Roboter entwickelt, etwa für die Alten­pflege oder als Sexpartner. Mit Holo­graphien als Schauspieler wurde auch am Ku’damm-Theater schon experimentiert. Werden auf der Bühne einst Roboter den Schauspieler ersetzen?

Ich glaube, das Theater immer davon leben wird, dass es live ist und von Menschen gemacht ist. Theater wurde schon so oft totgesagt, aber das Bedürfnis echte Menschen live auf einer Bühne zu sehen, wird es immer geben. Das erleben wir trotz aller Digi­talisierung ja auch heute. So kaufen die Leute zwar keine CDs mehr, aber sie suchen weiterhin das Liveerlebnis und gehen in die Konzerte. Interessanterweise halten viele Leute dabei ihr Handy hoch, um den Moment mitzuschneiden. Es wird der Livemoment gesucht, aber gleichzeitig als Material behandelt. Man hat etwas dazwischengeschaltet – und ist so gleichzeitig anwesend und abwesend, nämlich auf seinem Facebook-Profil oder wohin man die Clips auch immer postet.

Die Deutsche Uraufführung von „Ab jetzt“ war vor 30 Jahren auch eine Durchbrechung der nachkriegsdeutschen E- und U-Zweiteilung, von Ernster und Unterhaltungs-Kultur. Die Regietheaterlegende Zadek inszenierte, Otto Sander von der Schaubühne und Susanne Lothar vom Schauspielhaus Hamburg spielten im Boulevard-Theater am Ku’damm.

Zadek hat diese merkwürdige Unterscheidung nie gekümmert. Und zum Glück gerät die heute zunehmend ins Wanken. So scheren sich auch Barrie Kosky an der Komischen Oper und Herbert Fritsch an der Schaubühne überhaupt nicht um diese snobistische deutsche Feuilleton-Einteilung, Fritschs „Amphitryon“ ist pures Boulevard, da geht es eigentlich nur noch um den Gag. Auch „Don Quijote“ am Deutschen Theater ist reines Boulevardtheater.

Nun, das Publikum lässt sich das gern gefallen.

Die Zuschauer haben die Trennung zwischen E und U längst überwunden, die gibt es eigentlich nur noch im deutschen Feuilleton. Für angelsächsische Kritiker ist diese nachkriegsdeutsche Trennung schon gar nicht nachzuvollziehen, wie erst kürzlich ein ­irischer Kritiker in der „Zeit“ anlässlich der Pollesch-Inszenierung im Friedrichstadt-­Palast verwundert beschrieben hat.

René Pollesch sagt, dass diese deutsche Einteilung Folge des unterschiedlichen Verwertungsdruck zwischen subventionierten Stadttheatern und freifinanzierten Privattheatern ist, die dem Erkenntnisprozess immer Zucker beimischen müssen.

Das ist richtig, da wir uns vor allem über die Abendkasse finanzieren, müssen wir stets Verkaufsargumente suchen, weshalb auch gern die Zugkraft von Stars genutzt wird. Aber ich glaube, auch an der Schaubühne laufen die Produktionen mit Nina Hoss oder Lars ­Eidinger ja am besten.

»Dass man „Keine Macht für Niemand“ am
Boulevardtheater singen kann, wäre vor einigen Jahren noch nahezu undenkbar gewesen.«

Martin Woelffer

Die E- und U-Trennung ist also längst obsolet geworden?

Ja, und da haben wir glaube ich einen Teil mit zu beigetragen. Weil wir Boulevard als etwas nehmen, das nicht irgendwelchen Mechanismen folgt, sondern als das, was ein großstädtisches Publikum heute sehen möchte – denn Boulevard ist Großstadttheater.

Was auch auffällt ist, dass Sie die tempo­räre Bühne des Schillertheaters erkennbar mehr für Wagnisse nutzen, etwa mit „Unterleuten“, einer dreistündigen Adap­tion des Juli-Zeh-Romans, eher ernst und ohne Stars inszeniert. Ungewöhnlich für ein Boulevardtheater, das lange im Slogan „Stars und Vergnügen“ versprach. Wie nimmt Ihr altes Publikum das an?

Durchaus gut. Es ist ja ein Stück, basierend auf einem Bestseller, der hier in unserer Region spielt, ein heutiges Thema behandelt – also passt es absolut in unsere Ausrichtung. Ich hatte mich sehr gewundert, dass die Rechte für Berlin noch frei waren, dass sich also keines der Berliner Stadttheater dafür interessiert hat, etwa das BE, wo es hätte hingehören müssen.

Das große Schillertheater ermuntert Sie so auch zur Boulevard-Erneuerung?

Ja, denn der Weg ist richtig zu fragen, was interessiert hier und heute? Seit 15 Jahren, also bereits am Ku’damm, arbeite ich ja an einer Modernisierung des Boulevardthea­ters. Das kann natürlich schiefgehen, aber gleichzeitig kann es einen auch nach ­vorne bringen. So ist das bei „Unterleuten“ gelungen und vor allem auch mit unserer Rio-Reiser-Inszenierung, auf die ich mindestens ebenso stolz bin. Dass man „Keine Macht für Niemand“ oder „Macht kaputt was Euch kaputt macht“ am Boulevard­theater bringen kann, das wäre vor einigen Jahren noch nahezu undenkbar gewesen.

Sind die Wilmersdorfer Witwen im Publikum nicht sowieso längst weggestorben und von Charlottenburger Alt-68ern abgelöst worden?

Auch das. Und wir beobachten auch, dass die klassischen Komödien, die niemandem wehtun, mit bekannten Schauspielern, die am Ku’damm immer funktioniert hatten, hier fürs Schillertheater nicht mehr passen. Unsere Zuschauer erwarten heutige Stoffe an einem Abend, der sie unterhält, bei dem nicht unbedingt durchgehend gelacht werden muss, der aber vielleicht nachdenklich berührt, und aus dem man gutgelaunt raus geht. So hat uns wohl auch der Ortswechsel geholfen, weil nun auch die Leute kommen, die vielleicht einen Ku’damm-Dünkel hatten und uns nun offen und neugierig neu entdecken.

„Ab jetzt“, 26.1., 18 Uhr (Premiere), weitere Vorstellungen bis 8.3., Di-Sa 20 Uhr (außer 29.1.), So 18 Uhr, Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Regie: Martin Woelffer; mit Oliver Mommsen, Nicola Ransom, Zoe Moore, Nellie Thalbach, Joachim Paul Assboeck.
Eintritt 15–47 €, www.komoedie-berlin.de