»Niemand hat dich gezwungen!«

Interview mit Maurice Summen von „Die Türen“

Ein Musiklabel mitten im Gleim-Kiez in Prenzlauer Berg. Hinter der alten Wohnungstür gegenüber befindet sich eine bilinguale Kita. Im Flur unterhalten sich ein Vater und eine Mutter über ihre „awesome“ Spielideen für eine geplante Kinder-Geburtstagsparty. Im Büro des Labels Staatsakt trifft Journalist Maurice Summen den Labelbetreiber Maurice Summen und den Künstler Maurice Summen zu einem Gespräch über Pop, die Geschäftswelt und die damit verbundenen Rollenkonflikte.

v.l.n.r. Maurice Summen, Maurice Summen, Maurice Summen Foto: Lena Ganssmann
v.l.n.r. Maurice Summen, Maurice Summen, Maurice Summen Foto: Lena Ganssmann

 

Schön, dass Sie sich die Zeit für unser Gespräch nehmen. Wo steckt der Künstler?
Labelchef: Der dürfte jeden Augenblick hier sein, wir können aber gerne schon mal ohne ihn anfangen. (Murmelt in seinen Backenbart) Auf sein Geschwafel kann ich heute ganz gut verzichten.

War es aus Labelsicht nicht etwas riskant, das Album „Wir sind der Mann“ von Der Mann mitten im Weihnachtsgeschäft zu veröffentlichen? Geht so eine Veröffentlichung da nicht leicht unter?
Labelchef: Es gibt heute nicht mehr den optimalen Veröffentlichungstermin für ein Pop-Album. Denken Sie nur an D’Angelo. Auf dessen neues Album haben alle Jahrzehnte gewartet und dann hat er die Veröffentlichung von „Black Messiah“ mitten ins Weihnachtsgeschäft hineinplatzen lassen. Hat ihm auch nicht geschadet.

Der Künstler Summen betritt den Raum
Labelchef: Auch schon da, Herr Künstler?
Künstler: Entschuldigt die Verspätung. Wo seid ihr denn gerade?!
Labelchef: Ich bin gerade dabei, dem Herrn Journalisten zu erklären, dass der Zeitpunkt für eine Album-Veröffentlichung heute egal geworden ist. Weil die Leute in unseren Längen- und Breitengraden eh immer online sind. Und ständig neues Infotainment wollen.
Künstler: Keine Ahnung, ödes Thema! Ich mache mir über solche Konsumfragen schon lange keine Gedanken mehr. Ich bin Künstler!

Aber Sie werden doch nicht abstreiten, dass es Werbestrategien gibt und auch geben muss, um die Menschen da draußen mit Ihrer Musik zu erreichen.

Künstler: Das mag sein, aber um Frank Spilker von Die Sterne zu zitieren: „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen.“
Labelchef: Solche Sprüche kann ich echt nicht mehr hören. Ist ja sowieso klar: Wird es ein Hit, war es der Song. Wird es ein Flop, dann ist die Plattenfirma schuld.
Künstler: Dafür werdet ihr Typen doch auch bezahlt!
Labelchef: Ach, komm! Du brauchst doch bloß jemanden, dem du den Schwarzen Peter zustecken kannst. Die Plattenfirma als Repräsentant der ekelhaften Geschäftswelt, von der der feine Herr Künstler angeblich nichts wissen will – solange er Miete, Strom, Gas und die Gin Tonics an der Bar bezahlen kann.

Aber im Falle von Der Mann dürfte es noch keinen Grund für solche Schuldzuweisungen geben, oder? Künstler: Für mich war es einfach nur großartig, mit den alten Weggefährten Ramin Bijan und Gunther Osburg mal wieder ein Album aufzunehmen. Und dass es den Leuten gefällt – obwohl es ja schon etwas anderes ist als ein Album unserer alten gemeinsamen Band Die Türen –, freut mich umso mehr. Allein, weil die beiden ja erstmalig auch als Sänger zu hören sind. Und es scheint sich auch ganz gut zu verkaufen, aber da fragst du besser meinen Boss …
Labelchef: Nun, die erste Single „Menschen machen Fehler“ ist gleich gut eingeschlagen, das Album verkauft sich auch sehr gut, dabei sind wir mit unserer Kampagne lange nicht am Ende angelangt.

Es gibt ihn also doch – den Masterplan?
Künstler: Für uns steht jetzt erst mal die Tournee an. Und die Live-Band ist mit so tollen Typen wie Carsten „Erobique“ Meyer, Andreas Spechtl von Ja, Panik und Chris Imler wirklich so gut besetzt, wie man es sich nur wünschen kann.
Labelchef: In der Tat, für eine Plattenfirma wäre das eine mehr als wünschenswerte Besetzung für eine Album-Aufnahme!
Künstler: Ich finde es gut, dass es diese Live-Band so nur auf Tournee geben wird.
Labelchef: Aus Live-Sicht ist das sicher spannend, aber aus Plattenfirmensicht totale Energieverschwendung. Für ein paar Auftritte so einen Aufwand zu betreiben. Totaler Quatsch! Man braucht Bands mit Ausdauer. Und einer Perspektive, die über ein Album hinausgeht. Das Rock’n’Roll-­Geschäft ist keine Gala-Veranstaltung.
Künstler: Hey! Niemand hat dich gezwungen, unser Album herauszubringen! Außerdem arbeitest du mit jedem der Musiker, die auf dieser Tour dabei sind, als Label zusammen. Wenn die Tour den Musikern Spaß bringt, dann wird sich das auch für deine Arbeit auszahlen. Und wenn es nur dem Sachverhalt geschuldet ist, dass alle bestens gelaunt nach Hause kommen …
Labelchef: … oder mit einer schweren Post-Tour-Depression, sodass sie erst mal monatelang nichts mehr zustande kriegen.

Apropos Männer: Wieso denn jetzt eigentlich Der Mann und nicht mehr Die Türen?
Künstler: Wir werden ja ein paar Türen-Stücke spielen auf dieser Tour. Deswegen lautet das Motto ja auch „Die Türen spielen Der Mann“. Aber die Zeiten der klassischen Band im Sinne einer Gang, Clique oder vielleicht sogar Ersatzfamilie sind ja bei uns lange vorbei. Wissen Sie, bestenfalls entwickelt sich so ein Bandname im Laufe der Jahre zu einer guten Marke. Die Türen waren aber nie so groß, dass sie uns ein exquisites Einkommen beschert hätten.

Warum eigentlich nicht?
Labelchef: Zwischen dem relativ erfolgreichen Album „Popo“ und dem Folge­album mit dem noch beknackteren Titel „ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ“ hat die Band fast fünf Jahre verstreichen lassen. In so einem Zeitraum schließen junge Leute heute ihr Bachelor-Studium ab UND gründen eine Familie …
Künstler: Genau! Und wenn diese jungen dynamischen Helikopter-Eltern dann abends entnervt am Wickeltisch stehen, entdecken sie im Radio plötzlich Der Mann und können endlich durchatmen. Wäre jammerschade, wenn stattdessen immer noch die Berufsjugendlichen von Die Türen mit ihrem Agitprop zu Werke gingen.

Der Mann spielt also Musik für Mama Macchiato und Papa Ciabatta?
Künstler: Um in der Metaphorik zu bleiben, sind wir wohl eher das Comeback des Filterkaffees! Und ja, unsere Konzerte sind durchaus familienkompatibel: Wir fangen schön früh an und spielen nicht zu lang. Das hält der Rücken noch aus.

Maurice Summen, 41, ist Musiker.

Als Sänger der 2002 gegründeten Band Die Türen erreichte er Kultstatus.
Nachdem das Projekt Die Türen einige Jahre auf Eis lag, wurde es kürzlich unter dem Namen Der Mann wiederbelebt. Das neue Album „Wir sind der Mann“ ist erschienen bei Staatsakt/Rough Trade.
Maurice Summen ist auch Plattenfirmenboss. Seit 2003 betreibt er Staatsakt, das sich mit Platten von Die Türen, Bonaparte, Andreas Dorau, Jens Friebe, Dieter Meier, Die Sterne, Chuckamuck, Christiane Rösinger, Chris Imler oder Ja, Panik einen Ruf als eines der innovativsten und mutigsten Berliner Labels erarbeitet hat. Daneben arbeitet Summen auch als Journalist. Als solcher hat er für uns seine beiden anderen Alter Egos interviewt.

Foto: Lena Ganssmann
[Fancy_Facebook_Comments]