»Im Hawaiihemd unter Ledertypen«

Interview mit Maximilian Lenz aka Westbam

Maximilian Lenz kam in den 80er-Jahren als Punk aus Münster nach Berlin, wo er als Westbam einer der ersten DJ-Stars wurde. In einem Buch blickt er zurück auf wilde Jahre Interview: Jannis von Oy

Herr Lenz, Sie werden in diesen Tagen 50 Jahre alt. Sind Sie im Herzen Punker, Raver oder doch schon Spießbürger? Die Prägung in der Teenagerzeit ist sehr stark. Und ich habe das Gefühl, dass der Punk als Lebensgefühl geblieben ist. Im weitesten Sinne: wir gegen die Spießer. Natürlich wird man erwachsen, hat Kinder, muss eine Autoritätsperson sein, hat eine große Bude und ein Auto vor der Tür – das ist nicht sehr Punkrock. Aber das, was ich bei Alt-Hippies oft wahrnehme, die die CDU rechts überholen, das ist mir erspart geblieben.

Westbam Foto: Promo

Als Sie das erste Mal in Berlin waren, merkten Sie sofort: Das ist meine Stadt. Woran machten Sie das fest? Wir kamen mit dem Zug am Bahnhof Zoo an. Wir fragten einen Passanten: „Wo geht es denn zum Ku’damm?“ „Mensch, ihr steht jenau druff“, meinte er. Dann liefen alte Ladys vorbei. Und die würdigten einen keines Blickes. In Müns­ter waren wir die exakt einzigen beiden Punks, da hätte sich jede Oma umgedreht, da war das ein Schocker. Berlin hat dagegen Coolness ausgestrahlt.

Wo war in Berlin die Brutstätte dessen, was später ravende Gesellschaft genannt wurde? Die Brutstätte der ravenden Gesellschaft lag eindeutig und völlig klar am Nollendorfplatz: im Metropol. Es war ein prägendes Erlebnis, wie ich als Teenager erstmals in diese Energie reinkam. Das war damals eine Schwulensache, das gab es in der Heterowelt nicht. Ich war der einzige in einem Hawaiihemd unter lauter Ledertypen.

Sie beschreiben detailliert die damalige Zeit. Dabei haben Sie viele Drogen genommen. Können Sie sich überhaupt erinnern? Ja, mein Gedächtnis ist gut. Aus meiner Drogenerfahrung kann ich sagen: Das Schlimmste fürs Gedächtnis ist es, Alkohol mit Ecstasy zu mischen. Da sind dann ganze Abende weg. Für jemanden wie mich unerfreulich. Viel meiner Kunst kommt daher, komplexe Zusammenhänge herzustellen zwischen Dingen, an die ich mich erinnern kann. Dass mein Gehirn sie im rechten Moment präsentiert.

Sie begründeten die erste Love Parade 1989 mit. Gab es damals schon eine ­Ahnung, wie groß das werden könnte? So konnte man das nicht wissen. Denn ohne den Mauerfall ein halbes Jahr später wäre die Love Parade niemals die Veranstaltung der 90er-Jahre geworden. Aber es gab 1989 bei diesem kleinen Häuflein an Leuten schon eine Weltgeschichte-wird-geschrieben-Stimmung. Es war auch klar: Das machen wir jetzt jedes Jahr.

Sie waren vor der Wende in Ost-Berlin. Wie haben Sie das empfunden? Wir dachten, wir kommen ins Elend, nur Abbruchhäuser. Aber nein: der Alexanderplatz, Karl-Marx-Allee, achtspurige Riesenstraßen, Hochhäuser, Fernsehturm – dagegen wirkte der Westen eher popelig.

Anfang/Mitte der 90er-Jahre war die Hochphase des Booms, auch für Sie persönlich. Kamen da Allmachtsgefühle auf? Klar gab es diese Momente, wo der Rückenwind enorm ist. Wenn etwas ungeheuer läuft und Sachen, die zuvor keine 2.000 Mal gekauft worden wären, sich plötzlich 200.000 Mal verkaufen. Aber das menschliche Emotions-Wahrnehmungsvermögen ist da nicht besonders groß. Wenn ich früher eine 2 in Mathe geschrieben habe, hatte sich das genauso angefühlt.

Ihnen wurde, etwa mit den Mayday-Partys oder dem Promoten von Technopopschlagern wie Marushas „Over the Rainbow“, der Ausverkauf des Techno vorgeworfen. Im Nachhinein ein berechtigter Vorwurf? Den Vorwurf gab es, ja. Ausverkauf ist aber das falsche Wort. Das bedeutet, da ist ein Laden und du verkaufst alles und dann ist der Laden leer. Das widerspricht aller Realität. Hier hat die Kultur mehr geblüht als woanders. Der Laden war nicht leer, in Deutschland am allerwenigsten.

Gibt es Elemente der ravenden Gesellschaft der 90er noch? Die Frage ist: War das eine Utopie oder eine Zustandsbeschreibung? Ich bin da nicht so romantisch. Für mich war das eine Zustandsbeschreibung des Moments. Wo sich tatsächlich die Musik in der Gesellschaft gespiegelt hat. Aber ist Techno heute verschwunden? Nein, es ist so allgegenwärtig, dass es nicht mehr auffällt. Die Leute haben immer das Gefühl: In den frühen 90ern war so viel los. Na ja, da gab es vielleicht zwei, drei Läden in Berlin und überhaupt keine Läden auf dem Lande – und wenn es irgendwo mal in einer Disse­ ’ne Technoparty gab, sind die Leute da 100 Kilometer hingefahren. Heute gibt es das an jeder Straßenecke, in jeder Reklame und aus jedem Auto kommt dieser Beat.