INTERVIEW

»Wir wollen unsere eigenen Klassiker kreieren«

Der Theatermacher Milo Rau über das Hineinversetzen in Verbrecher und die Rekonstruktion eines Mordes in seinem Stück „Die Wiederholung“

Vier junge Männer foltern und ermorden einen Schwulen. Warum? – Foto: Hubert Amie

Interview: Tom Mustroph

Milo Rau geht dahin, wo es weh tut. Ob Genozid in Ruanda, Bürgerkrieg und Neokolonialismus im Kongo oder Kindesmissbrauch in Europa – Rau stellt das Grauen nach und regt zum Nachdenken über Machtverhältnisse, über die Feigheit und den Reiz des Zuschauens an. Zur Spielzeiteröffnung der Schaubühne zeigt Rau, seit dieser Spielzeit Intendant im belgischen Gent, „Die Wiederholung“ – ein Stück über den brutalen Mord an einem jungen Schwulen in Lüttich.

Herr Rau, darf man so etwas machen: einen Mord, der tatsächlich geschehen ist, in allen Einzelheiten ausleuchten, die Motive von Tätern herausdestillieren und die Lebensgeschichte des Opfers Ihsane Jarfi und seiner Familie an die Öffentlichkeit bringen? Wie stark ist da der Ausbeutungs­aspekt?
Das stimmt, man muss sehr sensibel vorgehen und eng mit den Betroffenen zusammenarbeiten. Dann ist das eher ein Akt der Solidarität und des Respekts als der Ausbeutung Das Theater, wie ich es schon länger mache, kreist ja um die Frage, wie kann man sich in etwas, das einem fremd ist, einfühlen – als Macher, als Publikum –, es vielleicht sogar verstehen. Ob sich das wie in der „Europa Trilogie“ in Europa abspielt oder wie in „Mitleid“ im Kongo, ist da erst mal weniger wichtig. Für „Five Easy Pieces“, den „kleinen Bruder“ gewissermaßen von „Die Wiederholung“, haben wir Kinder die Verbrechen von Marc Dutroux nachspielen lassen.

… die Taten des belgischen Mörders und Sexualstraftäters …
Die Herausforderung ist: Wie kann man sich in so etwas hineinbegeben? Und was bedeutet es für die Schauspieler?

Und? Was bedeutet das für die Spieler, sich in die Tragik echter Leben und nicht fiktiver Rollen einzufinden?
Für die „Wiederholung“ haben wir viel recherchiert, sehr eng zum Beispiel mit dem Ex-Freund von Ihsane Jarfi gearbeitet. Auch der Vater des Opfers war bei einigen Proben und teilweise beim Casting dabei. Über einen Verteidiger – er war der Präsident in der Produktion „Das Kongo Tribunal“ – hatten wir Kontakt zu einem der Täter. Und dann werden ja mehrere Rollen von Bürgern aus der Stadt gespielt, in der das Verbrechen geschehen ist. Wir nehmen deren Hinweise alle sehr ernst. Gleichzeitig ist unser Stück kein Dokumentarstück, es leistet etwas anderes, als den Fall zu erzählen. Wir denken über Theater, über Darstellung insgesamt nach. Was ist eigentlich Trauer? Wie geht man mit Verlust um? Ist ein Mord, ist extreme Gewalt überhaupt „wiederholbar“? Was heißt das: mit „den Toten in Dialog treten“, wie es Heiner Müller vom Theater fordert?

Streitbar: Milo Rau – Foto: IIPM / Thomas Mueller

Sie haben jetzt in Gent als Intendant eines städtischen Theaters angefangen. Wie weit weg sind sie dort von den „KZ-Lagerleiter“-Manieren, die Sie beim Theatertreffen im deutschen Stadttheaterbetrieb kritisiert haben?
Der Vergleich war natürlich übertrieben, aber damit meinte ich eine Art des Umgangs mit Texten und Künstlern. Ich habe manchmal den Eindruck, dass in einem sich immer schneller drehenden Betrieb eine relativ kleine Zahl von Klassikern und Bestsellern immer schneller adaptiert werden, ohne dass etwa die Schauspieler wirklich an der Entwicklung beteiligt sind. Sie sind oft nur Material im Regiekonzept, die Stücke touren nicht, es gibt kaum Austausch mit der realen Welt. Wir versuchen dagegen, mit „Die Wiederholung“ und in Gent überhaupt eine Arbeitsform zu etablieren zwischen freier Szene und Stadttheaterlogik.

Sie haben dazu zum Beginn ihrer Intendanz am NTGent zehn Regeln aufgestellt, die unter anderem die wörtliche Adaption von Klassikern verbieten.
Wir wollen unsere eigenen Klassiker kreieren, aus unserer eigenen Zeit. Weshalb wir eher wenig produzieren, in langen Produktionszeiträumen, und dabei eben alle Beteiligten als Autoren ernst nehmen. Ästhetisch wollen wir ein breites Feld abdecken: zur Eröffnung zum Beispiel haben wir ein Stück der Genter Performancekünstlerin Miet Warlop, eines des kongolesischen Choreografen Faustin Linyekula und eines von mir. Luk Perceval, Monster Truck, Lies Pauwels, Ersan Mondtag oder Renzo Martens, deren Ansätze nichts miteinander zu tun haben, entwickeln bei uns neue Arbeiten. Wir wollen ein demokratisches, globales Theater. 

1.–4.9., 20 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Regie: Milo Rau; mit Tom Adjibi, Sara De Bosschere, Suzy Cocco, Sébastien Foucault, Fabian Leenders, Johan Leysen. Eintritt 11–48, erm. 9 €