Musik

Interview mit Nina Hagen

Sie war Punkrock-Diva, schrille Stilikone, UFO-Sichterin und spirituelle Heilsbringerin. Nina Hagen war alles und ist es immer noch, hier in Berlin. Mittlerweile 57 Jahre alt und am grünen Stadtrand zu Hause, zieht es die gebürtige Friedrichshainerin dorthin, wo etwas passiert.

Frau Hagen, lassen Sie uns über Berlin sprechen. Mein Berlin ist mein Bethlehem, mein Jerusalem und mein Nazareth!

Und wo ist derzeit ihr Berlin? Mein Berlin ist im warmen Otto, im Haus der Demokratie und Menschenrechte in der Greifswalder Straße, bei den Psychiatrie-Erfahrenen, bei meinen Freunden. Ich habe Freunde in allen Stadtbezirken. Mein Berlin ist – genau wie damals – überall. Früher bin ich überall mit Rollschuhen hin. Das möchte ich bald wieder machen.

Vom Stadtrand aus, wo Sie wohnen? Ich wohne überall und nirgends. Meine Anschrift ist Berlin, egal ob ich nun links oder rechts, vor oder hinter dem ehemaligen Todesstreifen wohne. Ich bin immer noch in Berlin.

Zieht es Sie auch noch ins kulturelle Zentrum? Na klar! Um rauszugehen und zu gucken. Einfach drauf los!

Wie erleben Sie das derzeit? Wie eh und je. Ich habe so viele süße Leute, die ich gerne besuche, denen ich helfe und die ich bemuttere. Manchmal bin ich auch inkognito unterwegs. Ich bin nicht immer nur die schrille Person, die man mir so anhängt. Ich bin einfach nur ein Mensch.

Das Schrille wird von Ihrer Generation ja derzeit in der Berliner Musikszene oft vermisst … Ich weiß nicht, wo der Schuldige zu suchen ist. Mir fällt nur Dieter Bohlen ein. Was er der gesamten deutschen Musikszene angetan hat und immer noch antut, ist ein Trauerspiel.
Wie kam es dazu? Früher hatten wir den „Beatclub“, darauf haben wir hingefiebert, jeden Samstag. Wir waren so inspiriert von Leuten aus aller Welt, die zu uns gekommen sind. Dann wurden wir auch kreativ, haben uns bunt angezogen und sind singend durch die Straßen gelaufen. Das war einfach eine tolle Zeit.
Und dann änderte sich das Programm … Wenn solche Atom-U-Boote wie Bohlen so eine Pop-Diktatur innehaben, versaut das die Kreativität der Menschen, die ihnen angeboren ist. Der malt da ein Bild, das so dermaßen gekünstelt, an den Haaren herbeigezogen, unter der Gürtellinie, Schutzbefohlenen gegenüber ungerecht und die Menschenwürde ständig missachtend ist, dass es kein Wunder ist, wenn die jungen Leute keine natürlichen Musikgeschmäcker mehr haben.
Vor 20 Jahren haben Sie in Ihrem Song „Berlin“ über die Schnelllebigkeit und berauschende Stimmung der Stadt gesungen. Worüber würden Sie heute singen, wenn es um Berlin gehen soll? Ich würde darüber singen, wie Martin Luther King 1964 Berlin besucht hat. In Ost-Berlin hat er in der St. Marienkirche am Alex gepredigt, in West-Berlin in der Waldbühne. Die Themen seiner großartigen Rede würde ich mit denen der DDR-Bürgerrechtsbewegung zusammenbringen und einen Song darüber machen, was für eine Power wir haben. Darüber, wie die Menschen eine Stadt zusammenhalten können, wenn sie sich als Bürger einer Stadt verstehen. Und was man dann für tolle Sachen machen und verändern kann.