„Provokation mit Herz“

Interview mit Oliver Rihs

Oliver Rihs, Jahrgang 1971, lebt seit vielen Jahren in Berlin und schenkte seiner Wahlheimat 2006 die etwas andere Hommage, den schwarzhumorigen Episodenfilm „Schwarze Schafe“. Ähnlich derb geht es auch in seinem neuen Film „Affenkönig“ zu, in dem vier Freunde sich nach vielen Jahren zu einer Feier in der Provence wiedersehen und die Situation immer mehr aus dem Ruder läuft.

Herr Rihs, hat es Sie mit 44 also auch erwischt? Stichwort „Midlifecrisis“. Wieviel Autobiografisches steckt in Ihrem neuen Film „Affenkönig“? Eine ganze Menge. Vor etwa zwei Jahren bin ich morgens aufgewacht und habe gemerkt, dass vieles sich nicht mehr gleich lustig oder leicht anfühlt wie Jahre zuvor. Ich habe eine Familie, eine Firma und ich mache Filme, alles doch wunderbar … aber es fühlt sich ein bisschen leer an. Wo ist die Leidenschaft, wo die spielerische Leichtigkeit?

Ist es wirklich so schlimm? Routine hat ja auch ihre Vorzüge. Es fühlte sich verwirrend und deprimierend an. Ich habe nach Gesprächen mit Freunden festgestellt, dass das ziemlich vielen so geht und es nicht wirklich einen Ausweg gibt – dies ist einfach eine Lebensphase, die man durchzustehen hat. Es ist das störrische Ego, das einem im Wege steht.

Das ist Leiden auf hohem Niveau, oder? Das ist ja das Gemeine, dass ich im Grunde nichts zu meckern habe. Und ein Grund, wieso ich über dieses Thema so eine böse Komödie machen wollte. Wenn man die Probleme in der Welt sieht – Flüchtlinge, Kriege, Umweltverschmutzung – dann sitzt man doch in einem sehr bequemen Boot. Von daher war mir klar: In einer Komödie über das Leiden der gutbürgerlichen Deutschen werde ich nicht allzu liebenswert mit ihnen umgehen. So wollte ich auch mit mir selbst umgehen. Mich also von außen betrachten und sehen: Was für einen Wahnsinn kann man mit Figuren in so einer Lebensphase durchziehen?

Oliver Rhis
Oliver Rhis
Foto: Port au Prince

Hat denn die Therapie geholfen, diesen Film zu machen? Ja. Vor allem, weil ich sehr frei damit umgegangen bin. Als ich in die Offensive gegangen bin, haben sich auch andere geöffnet. Wie die Schauspieler, die plötzlich von sich erzählten. Es geht um Wehleidigkeit von Männern, Selbstmitleid, nicht mehr die gleiche feurige Energie, nicht mehr die gleiche sexuelle Lust. Viele Männer zwischen 35 und 50 – gerade in Großstädten wie Berlin – strengen sich enorm an, das zu vertuschen und versuchen mit Alkohol oder anderen Drogen, sich in den alten Lebensmodus zurück zu würgen, was oft fatal nach hinten losgeht.

Wie gehen sie mit dem Vorwurf um, Sie seien ein Misanthrop? Ich bin ein großer Moralist, versuche meine Moral aber künstlerisch umzusetzen. „Affenkönig“ und „Schwarze Schafe“ vermitteln eigentlich an den Menschen glaubende Grundsätze. Aber ich finde es nicht schlimm, wenn diese Moral nicht gleich erkannt wird.

 Sie bieten keine Identifikationsfiguren an. Ihre Charaktere haben bemitleidenswerte Züge, aber man gönnt Ihnen auch ihr Leid. Die Figuren sind alle deformiert und zugleich bemitleidenswert, trotzdem denke ich, dass sich jeder ein wenig in den einzelnen Charakteren wiedererkennen kann. Ich glaube nicht, dass ein Spielfilm eine klare Sympathiefigur braucht. Eine Komödie muss in erster Linie Spaß machen, man muss die Figuren greifen können, es dürfen keine Marionetten sein. Ich habe mit viel Liebe daran gearbeitet, dass, egal wie daneben die Figuren sich benehmen, man mit ihnen mitgehen kann.



Woher kommt Ihre Lust an der Provokation? Ich hatte von klein an das Gefühl, dass die Menschen sich an gesellschaftliche Normen klammern. Ich mag Menschen, die diese Normen brechen ebenso wie das Narrentum, das Fassaden einreißt. Schon früher in der Schweiz mit meiner Punkband konnten wir mit Provokationen entweder große Begeisterung auslösen – oder wir haben auf die Schnauze bekommen. Bei dem Berlinfilm „Schwarze Schafe“ und jetzt bei „Affenkönig“ habe ich das wieder so erlebt. Ich liebe eben die „Provokation mit Herz“.

Welche Haltung steht hinter Ihrem Film? „Mach euch mal locker“? Ich würde das stärker ausdrücken: „Werde wieder zum Tier, werde trieblastig, verfolge deine Sehnsüchte ohne Rücksicht auf Verluste, und lerne so, wer du eigentlich bist!“ Meine Figuren lassen wirklich los, sie gefährden ihre Ehen, ihre Jobs – und werden dann doch wieder beschränkt, weil sie wieder näher an ihr eigenes Wesen heranrücken.

Am Anfang tragen ja die Männer im Film dicke Masken, die dann verrutschen. Einige Typen treffen sich nach längerer Zeit wieder, sitzen an einem Tisch, und dann wird immer zuerst dieses Maskengeplänkel vorgeführt. Ich habe das ins Groteske überzogen. Der Film erzählt, wie Männer und auch Frauen ein Ich nach außen tragen, das nicht standhält, wenn man sie länger zusammenlässt als einen Abend. Für eine böse Komödie ist das ein sehr schönes Element, um damit zu spielen.

Wie sind die größtenteils Berliner Schauspieler an ihre Rollen herangegangen? Man muss ja bei solchen Figuren viel von sich preisgeben. Ich glaube, einige der Schauspieler haben abgefeiert, weil ich sie antitypisch besetzt habe. Wie Oliver Korittke als angeblicher Feminist und Informatiker oder Hans-Jochen Wagner als Wildsau und Halbstarker. Das ist eine völlige Gegenbesetzung. Dadurch war die Lust bei den Schauspielern da, sehr viel zu geben. Auch Hässlichkeit. Hans-Jochen hat am vierten Tag gesagt, dass er schon so viel hat rauslassen können wie die letzten 10 Jahre nicht.

Oliver Rihs
Oliver Rihs
Foto: Port au Prince

Gibt es für Sie Grenzen der Provokation? Ich bin weder Misanthrop noch Zyniker. Letztendlich will ich dem Zuschauer ein positives Erlebnis schenken. Ich führe meine Figuren hart vor, habe aber meine Grenzen.



 

Dann ist die aber ziemlich hoch, wenn man etwa an die zwei Jungs mit der Oma in „Schwarze Schafe“ denkt. Ein paar Tage habe ich Angst gehabt, dass mich der Blitz von oben trifft. Ich habe schon eine abergläubische Tendenz. Ich führe dann innere Monologe, bis ich soweit bin und sage: Doch, ich kann das zeigen.

Was hat Sie denn damals nach Berlin gezogen? Ich bin zu meinen Punkrockzeiten kurz nach der Wende aus der Schweizer Provinz nach Berlin getrampt. Ich habe in besetzten Häusern gelebt und Berlin komplett mein Herz geschenkt – bis heute.