»Humanisiert Euch!«

Interview mit Philipp Ruch

Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit, der derzeit bekannteste Politkünstler aus Deutschland, über Brückenbau im Mittelmeer, sein Buch Wenn nicht wir, wer dann? – und die angeblich letzte Utopie Interview: Raimar Stange

Herr Ruch, Sie sind 2015 im Mittelmeer unter die Brückenbauer gegangen? So ist es. Im Mittelmeer sterben Jahr für Jahr mehr Menschen als im gesamten Zeitraum des Kalten Krieges am Eisernen Vorhang. Das muss sofort aufhören. Deshalb haben wir eine Brücke entwickelt, die von Europa nach Afrika reichen soll. Unnötig zu erwähnen, dass sie unseren Enkelkindern ermöglicht, auch unseren Kontinent in Richtung Afrika zu verlassen, wenn das einmal nötig sein wird.

Wie viele Rettungsplattformen haben die Teams bis jetzt zu Wasser lassen können? Eine. Es fehlen jetzt nur noch 999 als ­Be­kennt­nis zur europäischen Humanität.

Philipp Ruch Sein Pathos erinnert an Schiller, sein Provokationpotenzial an Beuys: Philipp Ruch, 34, ist Gründer des Zentrums für Politische Schönheit. Die seit 2010 medienwirksam tätige Aktionsgruppe soll 2015 unter dem Motto „Die Toten kommen“ eine aus Syrien geflüchtete Frau auf dem Friedhof Gatow bestattet haben, 2014 entsandte sie Gedenkkreuze, die den temporär entwendeten vom Mauerstreifen ähnelten, in Flüchtlingcamps an EU-Außengrenzen. Foto: Jessica Wahl
Philipp Ruch
Sein Pathos erinnert an Schiller, sein Provokationpotenzial an Beuys: Philipp Ruch, 34, ist Gründer des Zentrums für Politische Schönheit. Die seit 2010 medienwirksam tätige Aktionsgruppe soll 2015 unter dem Motto „Die Toten kommen“ eine aus Syrien geflüchtete Frau auf dem Friedhof Gatow bestattet haben, 2014 entsandte sie Gedenkkreuze, die den temporär entwendeten vom Mauerstreifen ähnelten, in Flüchtlingcamps an EU-Außengrenzen.
Foto: Jessica Wahl

Und wann wird es tatsächlich eine Brücke zwischen der italienischen Insel Agrigento und Tunesien geben? Wir beginnen spätestens 2020 mit dem Bau. Geplante Fertigstellung ist 2030. Wie bei ­allen Großprojekten der öffentlichen Hand kann es zu Verzögerungen kommen.

In Ihrem Buch „Wenn nicht wir, wer dann?“ fordern Sie von Politikern „Visionen“. Wo aber werden bei dem „moralischen Heizen des Zentrums“, bei Ihrem „aggressiven Humanismus“, wie Sie es nennen, die Visionen sichtbar? Ich würde eine Brücke, die von Europa nach Afrika führen soll, einen Humanismus, der das Erbe des Mauerfalls an den EU-Außengrenzen wiederholen will, oder eine würdige Bestattung entrechteter Flüchtlinge nicht als visionslos bezeichnen. Es geht jedes Mal um mehr. Es geht darum, dass die letzte verbliebene Utopie der Menschheit, das Streben nach Humanität, endlich geträumt und gelebt wird. Dafür brauchen wir eine Revolution. Das Buch hätte auch heißen können: „Humanisiert Euch!“ Was sind uns die Menschen eigentlich wert, die gerade an unseren Außengrenzen ertrinken? Was sind wir uns selbst wert?

Wer soll das Buch lesen außer denen, die sowieso schon überzeugt sind? Das Buch richtet sich an alle, die noch ­etwas vorhaben in ihrem Leben. Die sich noch nicht in den bestehenden Verhältnissen eingerichtet haben. Die sich vielleicht abends mal dabei ertappen, dass sie denken: „Ach, auf mich kommt es doch gar nicht an. Auf der Erde leben sieben Milliarden Menschen, soll es doch einer der anderen richten.“

Also haben Sie die Hoffnung, dass sich Leser doch noch an die Verantwortung des Einzelnen erinnern? Die Geschichte von der Rettung der Humanität wurde stets von Einzelnen geschrieben. Es kommt auf jeden Einzelnen an und zwar in einem fast schon unvorstellbaren Ausmaß. Daneben führt das Buch auf den Grund unserer Seelen und der Anschauungen, die uns von Innen hässlich machen. So hässlich ist der Mensch gar nicht, wie wir ihn oft beschreiben. Wer depressiv ist, der sollte sich das Buch zulegen. Es wirkt besser als die ganzen Anti-Depressiva.

Das Brücken-Projekt knüpft an Ihre Aktion „Erster europäischer Mauerfall“ an. Da hatten Sie 2014 Gedenkkreuze kurz vor den Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des „Falls der Mauer“ an Europas Außengrenzen transportiert, um an die Menschen zu erinnern, die jetzt dort zu Tode kommen. Wir haben uns lange mit den Mauerkreuzen unterhalten, ob sie bereit sind, am Okto­berfestgedenken zum 25. Jahrestag des Mauerfalls teilzunehmen oder ob sie vielleicht Interesse haben, einen europäischen Mauer­fall zu bewerkstelligen. Die Antwort fiel einstimmig aus: In einem wunderschönen Akt der Solidarität sind die Kreuze zu den Menschen geflüchtet, die durch die europäische Abschottungspolitik an unseren Außen­grenzen vom Tod bedroht sind. Chris Dercon …

… der Direktor des Londoner Museums Tate Modern, der ab 2017 die Volksbühne leiten soll … Chris Dercon bezeichnete diese Aktion kürzlich als „Kitsch“. Ich bin froh, dass wir jetzt Kitsch machen. Aber was, bitte schön, ­waren dann die weißen Heliumballons in Berlin, die sogenannte Lichtgrenze, mit mehreren Millionen Euro Budget? Mit keinem Wort sollte ja am 9. November 2014 der Mauertoten gedacht werden. Aus guten Gründen, denn sonst fühlte man sich  sofort an die EU-Außenmauern erinnert. Das ­haben wir vielleicht etwas korrigiert.

Viele Künstler sagen, Ihre Aktionen seien politischer Aktivismus, aber keine bildende Kunst. Was sagen Sie dazu? Wir machen Aktionskunst. Im Kern ist das Anti-Kunst, Widerstand. Wir haben weder mit Aktivismus noch mit den sogenannten Künstlern etwas zu schaffen. Das Besondere an Aktionskunst ist ja, dass die klassische Rollenverteilung zwischen Werk und Künstler nicht funktioniert. Der Künstler ist in der Regel derjenige, der in der Lage ist, über Tod und Leben seines Werkes zu entscheiden. Diese Möglichkeit haben bei unseren Aktionen viel eher die Politiker, die Bundespolizei oder auch Zuschauer inne als die Mitglieder des Zentrums. Wir können die Menschen gar nicht mehr daran hindern, die EU-Außengrenzen abzubauen, andere staatliche Stellen dagegen schon. Die Stützen der Gesellschaft sind viel eher in der Lage, ein Werk der Aktionskunst abzubrechen, als wir es sind. Natürlich haben wir viel vorbereitet, um eine Aktion in Gang zu bringen. Wir verstehen uns dann aber eher als die moralischen Heizer. Deshalb auch die ganze Kohle im Gesicht.

Sie haben die Klimakatastrophe bisher bei Ihrem „moralischen Heizen“ nicht ins Visier genommen. Warum? Wir beschäftigen uns eigentlich immer mit Massensterben oder der Massenvernichtung von Menschenleben. In Syrien sind Millionen Menschen tagtäglich von der Vernichtung bedroht.

Noch einmal: Der Klimawandel kostet schon jetzt Leben und zwingt Menschen zur Flucht. Warum ist er kein Thema bei Ihnen? Der erste Völkermord, der vielleicht etwas mit klimatischen Veränderungen zu tun hatte, fand zu Beginn des Jahrtausends in Darfur statt. Ich kann nicht erkennen, dass die Menschen in Syrien vom Klimawandel vernichtet werden. Der Klimawandel ist in Deutschland in relativ guten Händen, während der Humanismus in gar keinen Händen mehr zu sein scheint. Wir sind Lobbyisten für Menschenleben.

Sie haben Aktionskunst als Mittel gewählt. Warum sind Sie nicht in die Politik gegangen, in eine Partei oder eine NGO? In der politischen Szene herrscht eine große Angst vor Veränderungen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Cap Anamur vor elf Jahren bereits Menschen aus dem Mittelmeer gerettet hat. Daraufhin warfen die Medien der Hilfsorganisation exzessiv vor, Katas­trophen zu inszenieren. Dieser Vorwurf, obwohl er auch uns tagtäglich gemacht wird, ist bei uns einigermaßen lächerlich, da wir erklärtermaßen angetreten sind, mit den Mitteln des Theaters die Welt zu verändern. 

Inwieweit dient Ihnen Christoph Schlingensief dabei als Vorbild? Ohne Schlingensief wäre das Zentrum niemals denkbar. Ich denke, es ist kein Zufall, dass man nach Frankreich oder Amerika fahren kann und nichts Vergleichbares findet in Sachen Aktionskunst. Deshalb ist auch der Begriff Aktionskunst einiger­maßen unübersetzbar. Schlingensief ist in unseren Augen leider 2003 künstlerisch verstorben und zwar in exakt dem Moment, als  er die Schwelle der klassischen Galerie­szene übertreten hat. Wir setzen sein Erbe fort – mittlerweile in sieben großen Aktionen –, Gott sei Dank mit Theaterintendantinnen, die noch etwas vom Auftrag des Theaters verstehen. Was sich da am Gorki-Theater regt und tut, ist nur mit dem Energiefeld der Volksbühne in den 90er-Jahren zu vergleichen. Das Gorki ist die neue Volksbühne Berlins.

Was ist an den Gerüchten dran, dass das Zentrum für Politische Schönheit 2016 ganz konkret Grenzen einreißen lassen will? Welche Grenzen? Ich dachte, Europa kennt keine Grenzen mehr. Haben Sie da andere Informationen? Wir sind im Mai jedenfalls am Gorki-Theater und werden einen alten Text von 1946 wieder aufführen. Das Interesse ist schon mal enorm groß. Hoffentlich können wir überhaupt vernünftig produzieren – abseits der Öffentlichkeit.

Philipp Ruch: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest. Ludwig Buchverlag, Kiel 2015, 208 S., 12,99 €