INTERVIEW

René Marik: »Man muss sich das Chaos immer wieder neu organisieren«

Der Puppenspieler und Comedian René Marik über Mathematik, Brüche im ­Lebenslauf und sein tragikomisches Buch „Wie einmal ein Bagger auf mich fiel“

René Marik, 49, hat ein Buch über seine Provinzjugend geschrieben – Foto: René Marik

Interview: Friedhelm Teicke

Herr Marik, wer Ihre skurril-witzige Puppen-Comedy um einen stotternden Maulwurf („Autsch‘n!“) kennt, denkt bei der Lektüre des Buchs über Ihre bittere Kindheit im Westerwald auch oft „Autsch!“. Doch bei aller Tragik und Einsamkeit, die Sie erlebten, lassen Ihre lakonischen Beschreibungen des Provinzhorrors auch Raum für leisen Humor. Weil das traurige Geschehen sonst nicht auszuhalten wäre?

Mich interessiert immer der Widerspruch. Wenn ich Comedy mache, ist es mir schon auch immer wichtig, dass es gleichzeitig tragisch ist. Das macht ja eine gute Komödie gemeinhin aus, dass in ihr auch immer ein Abgrund zu sehen ist. Und umgekehrt finde ich es wichtig, wenn man eine tragische Geschichte erzählt, dass sie auch komödiantisch ist. Wobei mein Buch sicherlich kein Comedybuch ist.

Nein, dazu ist das Dargestellte, bis hin zum Missbrauch der Schwester durch Ihren Vater, doch zu heftig. Gleichzeitig versteht man plötzlich, woher die melancholisch-komische Weltsicht Ihrer Puppen kommen mag. Stand zum Beispiel Ihr stotternder großer Bruder Pate für den Maulwurf?

Man schöpft ja immer aus dem, was man erlebt, doch tatsächlich war das kein bewusster Vorgang. Der Zusammenhang mit meinem Bruder ist mir tatsächlich während des Schreibens bewusst geworden, obwohl beide von ihrem Charakter her nichts gemeinsam haben. Mein Bruder war sehr introvertiert, sehr kopflastig, während der Maulwurf aus dem Bauch heraus agiert, das jeweilige Geschehen überhaupt nicht reflektiert.

Ihr Bruder war sehr gut in Mathematik. Sie überhaupt nicht, wie Sie im Buch eingestehen. Wie kam es dann dazu, dass Sie später sogar Mathematik studierten?

Das ist tatsächlich erstaunlich, ich war ja sogar ein eher schlechter Hauptschüler. Ich kam immer gerade so durch, gerade Mathe ging überhaupt nicht. Doch als ich später das Abi nachgemacht habe, hat mich das Fach irgendwie gepackt; ich hatte auch Glück mit meinem Mathelehrer. Ich habe das dann wirklich aus einer Leidenschaft heraus studiert. Mein Problem war dann im Hauptstudium, wo man sich in eine bestimmte Richtung spezialisieren muss, dass ich keine Ahnung hatte, was und wohin ich eigentlich damit wollte.

Was fasziniert Sie an der Mathematik?

Dieses klare, kalte Wasser! Das so ganz klar Strukturierte: Es gibt die 1 und die 0 und da ist die Addition. Es gibt nur Ja und Nein, kein Vielleicht, also der genaue Gegenentwurf zu einem Laberfach, zu „Lass uns mal drüber reden, ey“. Sondern es ist alles ganz genau induktiv oder deduktiv bewiesen. Diese Schönheit der völligen Klarheit hat mich gereizt.

Klare Regeln, einen klar geregelten Alltag mit den Arbeitsabläufen in der Bundeswehr-Kantine, die Ihre Eltern betrieben haben, gab es ja auch in Ihrem Zuhause. Gleichwohl herrschte inmitten dieses oberflächlich Geordneten das totale Chaos, alles ist imperfekt, gebrochen. Sie haben dafür ein schönes Motiv gefunden, wenn Sie Ihr reifenloses Kinderrad beschreiben – die Transportmittel sind untauglich und damit ist ein Ausbruch unmöglich? 

Es war mir schon als starkes Bild bewusst, wenn ich beim Kinderrad auf der blanken Felge fahre. Es signalisiert gleich zu Beginn, dass da was nicht zusammenpasst. Aber auf der anderen Seite macht es auch ein schönes Geräusch (lacht).

Ihr sich abkapselnder Bruder ist inzwischen gestorben, Ihre Schwester wurde drogenabhängig. Sie haben’s, auch im Nachhinein, deutlich besser getroffen.

Ja, ich hatte das große Glück, als Nesthäkchen diese ganzen Tragödien nicht so hart abzukommen wie meine älteren Geschwister. Ich wollte aber das, was ich als Kind eher unterschwellig oder gar nicht wahrgenommen hatte – wie das, was meiner Schwester passiert ist –, ebenso unterschwellig anklingen lassen. Was ich da mitunter schildere, ist nicht unbedingt genauso passiert, aber es hätte so passiert sein können: Es gibt eine Wahrheit hinter der Fiktion.

Verstehen Sie das Buch auch als Beitrag zur MeToo-Debatte?

Nun, ich hatte schon vor dem Weinstein-Skandal angefangen, das Buch zu schreiben. Mir ist wichtig, dass darin deutlich wird, dass Taten nicht einfach irgendwann vorüber und damit aus der Welt sind, sondern dass das Böse, die Gewalt der Tat beständig bleibt. Auch dass das Böse amibivalent ist. Es ist eben nicht wie im Märchen – da ist die Hexe und alle wissen, das ist die böse Figur –, sondern es ist nie so offensichtlich und eindeutig. Mein Vater war ein geselliger, humorvoller Mann, ein Lebemann auch, der mit jedermann gut konnte, aber gleichzeitig war er eben auch ein Scheusal, ein Monster. Aber ich glaube, so ist die Welt.

Sie waren wohl der erste Puppenspieler, dessen eher kleinformatige Kunst von RTL auf eine große Bühne gestellt und zur Prime­time gesendet wurde. Erstaunlich für ein Genre, das gern als Kindertheater gehandelt wird. 2013 erschien sogar ein Kinofilm mit Ihren Figuren. Hat Sie dieser Erfolg überrascht?

Ja, das war völlig irre, damit rechnet man ja auch nicht. Allerdings war das nicht nur gut. Bevor ich zu RTL kam, hatte sich das „seriöse“ Feuilleton noch für meine Arbeit interessiert, wobei ich immer auch schon gesagt hatte, was ich mache, ist Comedy. Die Leute lachen zwei Stunden, gehen danach nach Hause und sind irgendwie glücklich. ­Comedy ist ja nicht nur platt „Kennste den, kennste?“ sondern kann auch subversiv sein. Dass mich das Feuilleton inzwischen wohl als den RTL-Puppenheini abgestempelt hat, zeigt sich darin, dass mein Buch bislang kaum Rezensionen bekommen hat.

Immerhin gab es eine Lobeshymne in der „FAZ“ von Elke Heidenreich.

Ja, das war schön. Aber das ist tatsächlich bisher die einzige Rezension weit und breit

Was passiert nun im BKA auf der munteren Leseshow zum traurigen Buch?

Es gibt passende Musik mit mir an der Gitarre und dem Kontrabassisten Bodo Goldbeck, der ist von Hause aus Schauspieler, und liest auch Passagen mit vor. Es sind Songs, die assoziativ thematisch im weitesten Sinne zu dem jeweils gelesenen Kapitel passen. Das reicht von Radiohead über die Scorpions bis zu Christina Aguilera. Das klingt erst mal furchtbar, ist aber ganz schön. Einen Tag zuvor gibt es übrigens noch ein Konzert mit meiner Band Sugar Horses.

Hilft Ihnen das Mathestudium heute irgendwie?

Auf jeden Fall bereue ich nicht, es gemacht zu haben. Diese Brüche sind ja genau das, was im Leben interessant ist. Auch wenn diese beiden Welten, hier die strukturierte, klare Mathematik, dort die kreativ-chaotische Theaterwelt, auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben, passiert genau dazwischen das, wo der Spaß anfängt. Und man muss sich das Chaos immer wieder neu organisieren.

22.2., 20 Uhr, René Marik & die Sugar Horses (Konzert),
23.3., 20 Uhr, René Marik: „Wie einmal ein Bagger auf mich fiel“ (Leseshow mit Musik), ­BKA-Theater, Mehringdamm 34, Kreuz­berg. Eintritt 20 €
Wie einmal ein Bagger auf mich fiel“ von René Marik, Droemer TB 2019, 240 S., 14,99 €