Wir haben uns nicht geschont

Interview mit Schauspieler Hanno Koffler

Der Schauspieler Hanno Koffler über Maria Brandauer, die Arbeit vor der Kamera und schwule Sexszenen in seinem neuen Film „Freier Fall"

 

Schon im Alter von 22 Jahren hinterließ der gebürtige Berliner Hanno Koffler in „Ganz und gar“ 2002 einen bleibenden Eindruck, den er in „Sommersturm“ und „Hallesche Kometen“ (2004) festigte. Ab 2006 ­brillierte er in „Krabat“, „Nacht vor Augen“ und jetzt in dem Drama „Freier Fall“. Darin spielt Koffler einen Bereitschaftspolizisten mit schwangerer Freundin, der sich in einen Kollegen (Max Riemelt) verliebt. Physische Präsenz, gepaart mit einer großen Sensibilität – höchste Zeit, dass Hanno Koffler ganz groß rauskommt. Beim Interview im Restaurant Jules Verne entscheidet er sich für die Blutwurst – „die schmeckt ganz großartig hier.“

Herr Koffler, Sie sind hier in Charlottenburg aufgewachsen?

Ja, um die Ecke in der Knesebeckstraße. In der Schlüter-Grundschule bin ich zur ­Schule gegangen.

Wie würden Sie Ihre Herkunft beschreiben?

Oberflächlich betrachtet bin ich bis zu meinem neunten Lebensjahr in einem wohl behüteten, bürgerlichen Zuhause aufgewachsen. Wir waren eine sechsköpfige West-Berliner Familie. Uns ging es verdammt gut. Doch irgendwann ist diese heile Welt ziemlich zusammengekracht. Mein Vater ist die Karriereleiter von ganz oben bis nach ganz unten hinuntergepurzelt. Meine Kindheit war ziemlich turbulent. Meine Pubertät habe ich dann im ehemaligen Osten verbracht. Im Nachhinein bin ich froh über diese Erfahrungen. Es gibt eben keine Sicherheiten im Leben, und ich habe gelernt damit umzugehen.

Was hat Sie als Kind auf die Bühne getrieben?

Die Schauspielerei war für mich immer da. Als Knirps hatte ich kleine Rollen im ­Schiller- und Renaissancetheater.

Nachdem Sie Ihren Durchbruch in Filmen wie „Sommersturm“ hatten, haben Sie sich mit 24 doch noch entschieden, eine Schauspielausbildung zu machen. Was war der Auslöser, diesen Schritt zurückzugehen?

Mit 18 habe ich an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin vorgesprochen und wurde abgelehnt, da war ich ziemlich ange­pisst, denn ich konnte damals gar nicht ­verstehen, warum die mich nicht einfach nehmen. Das Thema Schauspielschule war für mich dadurch erst mal vom Tisch.

Und dann?

Ich kam durch Zufall dazu, einen Kurzfilm für die Filmhochschule Potsdam zu drehen und merkte, dass mir die Schauspielerei vor der Kamera Spaß macht. Das passte zu mir, ich fühlte mich in meinem Element. Etwas später begegnete ich bei einem ­Casting dem Regisseur Marco Kreuzpaintner. Er schleppte mich 2002 für „Ganz und gar“ vor die Kamera und er besetzte mich auch in „Sommersturm“. ­Irgendwann habe ich allerdings gemerkt: Ups, ich habe noch eine Rechnung mit dem Theater offen – und das Bedürfnis, mein Handwerk „richtig“ zu erlernen. Zudem hatte ich in „Hallesche ­Kometen“ mit dem tollen Theaterschauspieler Peter Kurth ­gedreht. Er hat mir den letzten Anstoß gege­ben. 2004 bin ich dann nach Wien an das Max-Reinhardt-Seminar gegangen.

Wurden Sie bevorzugt behandelt, weil Sie schon einen gewissen Namen hatten?

Im Gegenteil. Wenn man Erfolg hatte, hat man ja auch einen anderen Anspruch, ein anderes Selbstbewusstsein, damit stößt man an der Schauspielschule leicht auf ­Widerstände. Ich hatte zu Beginn ganz schön zu knabbern. An der ­Schauspielschule gibt es Leute, die genau da hinsehen, wo deine Schwächen sind und die dir dann ­sagen: Daran müssen wir noch arbeiten. Die Schauspielschule ist ein intensiver Zeitabschnitt im Leben, mit Erkenntnissen, Verletzungen, Extremsituationen. Es geht für mich bei diesem Beruf ja auch um „Nacktheit“, die Bereitschaft eigene Gefühle und Wahrheiten preiszugeben. Wo ist der ­Moment, in dem man wirklich niemandem mehr was vormacht, sondern eins wird mit dem, was man spielt? Natürlich unter dem Schutz der Rolle.

Wie war die Arbeit mit Klaus-­Maria Brandauer, der ihr Professor war?

Er unterrichtete unter anderem ein Fach mit dem Titel „Kunst, Handwerk, Heiterkeit“. Der Mann hat mich total in seinen Bann gezogen.

Ist Brandauer eine Art Vorbild?

Das würde ich so nicht sagen, aber er hat uns Sachen vorgelebt mit seinem großen Erfahrungsschatz und seiner unglaublichen Persönlichkeit, die einen prägen.

Ist Ihr Schauspiel durch die Begegnung mit Brandauer differenzierter geworden?

Meine Persönlichkeit hat sich über die ­Jahre entwickelt. Da gehört alles dazu, was das Leben zu bieten hat. Auch die Begegnung mit Brandauer und vielen anderen Menschen. Ich habe mittlerweile einen ordent­lichen Rucksack an Erfahrungen, den trage ich in meine Filme mit hinein.

Finden Sie die Parallelen in ihren Filmen nicht auch erstaunlich? In „Auslandseinsatz“ kämpfen Sie in Afghanistan, „Nacht vor Augen“ zeigt Sie als Afghanistan-Heimkehrer. In „Sommersturm“ spielen Sie ­einen offensiven Schwulen, in „Freier Fall“ entdeckt Ihre Figur ihre Homosexualität.

Stimmt, das ist seltsam. „Auslandseinsatz“, „Nacht vor Augen“ und jetzt „Freier Fall“ hängen in gewisser Weise zusammen. Bei „Auslandseinsatz“ umarmen sich am Ende die zwei befreundeten Soldaten innig. Max Riemelt und ich haben die zwei Soldaten gespielt. Damals wussten wir nicht, dass wir ein Jahr später zwei schwule Poli­zisten spielen werden. Das waren alles Filme, die mich beschäftigt haben. Aber warum wird man für bestimmte ­Rollen besetzt? Ist es das, was ich ausstrahle? Ich stelle mir manchmal die Frage: Verändert das Leben die Arbeit oder die Arbeit das Leben?

Und?

Beides.

Ist es ein Unterschied, bei „Freier Fall“ oder „Nacht vor Augen“ mit einem Regie-Neuling oder mit gestandenen Leuten wie Marco Kreuzpaintner in „Krabat“ zu drehen?

Der Regisseur Stephan Lacant hat mich in „Freier Fall“ sehr in den Prozess involviert. Wir haben viel über das Drehbuch geredet, dabei entstand Vertrauen. Wenn es schiefgegangen wäre, dann für uns beide. Vertrauen ist für mich die Basis bei jeder Zusammenarbeit. Brandauer hat gesagt, er ist für die „Vertiefung von Missverständnissen“. Ich sehe das auch so. Wenn man nicht locker lässt und sich gemeinsam tief in ein Thema hineinschraubt, auch streitet, sich danach aber wieder die Hände geben kann, dann ist Vertrauen da.

Die Schauplätze von „Nacht vor Augen“ und „Freier Fall“ sind sehr ähnlich.

Wenn man in Deutschland von der Provinz erzählen möchte, dann landet man offenbar in Baden-Württemberg.

In beiden Filmen wird zudem viel ­non­-verbal erzählt. Schätzt das ein Schauspieler oder wäre hier und da ein Satz auch ganz schön?

Es kommt auf das Genre an, aber oft gibt es zuviel informativen Text. Da wird dem Zuschauer manchmal viel zu wenig zugetraut. Ich finde es gut, wenn man eine ­Geschichte so baut, dass sie mit wenigen Worten auskommt, dass man zwischen den Zeilen bleibt. In beiden Filmen entwickelt meine Figur eine gewisse Sprachlosigkeit. Sie versteinert durch die Erlebnisse, so dass ihr buchstäblich die Worte fehlen. Es braucht keine erklärenden Worte.

War die Knutscherei mit Max Riemelt ein Problem?

Nein. Wir kennen uns seit elf Jahren aus der Zusammenarbeit bei „Hallesche Kome­ten“. Freundschaftlich näher gekommen sind wir uns beim Dreh in Marokko von „Auslandseinsatz“. Ein Jahr später habe ich die Hauptrolle bei „Freier Fall“ zugesagt. Als die Frage nach dem Spielpartner gestellt wurde und Max ins Rennen kam, war es ein klarer Fall. Max sagt auch, er hätte diesen Film nicht mit jemand anderem drehen wollen. Max und ich schonten uns nicht, es war Neuland für uns beide.

„Freier Fall“ überzeugt auch durch seine kino­tauglichen Bilder. Viele deutsche Kino­filme sehen aus wie Fernsehproduktionen.

Das war das Dilemma von „Nacht vor ­Augen“. Der Film war super gebaut und sackte dann auf der visuellen Ebene etwas ab. Und man fragt sich: warum?

Reden die Fernsehredakteure zuviel rein?

Manchmal auch das. Man muss sich eben klarmachen: Was heißt das eigentlich, Kino? Auch, dass man sich traut eine ­Geschichte anders zu erzählen als im Fernsehen, etwa von den Kameraeinstellungen und der Ausstattung her. Oft ist es dann auch eine Frage des Budgets.

Möchten Sie eigene Geschichten erzählen?

Klar. Es gibt so viele Geschichten in mir, von denen ich mir wünschen würde, dass sie irgendwann und irgendwie einmal ­erzählt werden.

Als Regisseur, als Autor oder beides?

Ich bin ja noch jung und habe Vorstellungen, Wünsche. Regie war immer ein Traum von mir, ich habe schon als Junge kleine Filme gedreht.