»Die Nazis glotzten blöd«

Interview mit Serdar Somuncu

Der Kabarettist Serdar Somuncu, jetzt unterwegs mit neuem Buch und Programm, spricht über Pegida, deutsche Salafisten und den Quatsch Comedy Club – und erzählt, warum er manchmal von Hitler träumt

Interview: Friedhelm Teicke und Tom Mustroph

Serdar Sumuncu

Serdar Somuncu

Der 1968 in Istanbul geborene Schauspieler, Musiker und Kabarettist zog sich mit seiner sechsjährigen Lesereise aus Hitlers „Mein Kampf“ den Hass von Linken und  Nazis zu. Die kugelsichere Weste, die ihm von der Polizei empfohlen wurde, konnte er beim folgenden Programm „Hitler Kebab“ gleich anbehalten. Da gab er den Hass­prediger – und wurde von Salafisten und IS-Groupies angefeindet. Aktuell ist er in „H2 Universe – Die Machtergreifung“ als überkonfessionelle Messias-Gestalt Hassias unterwegs – und reflektiert im Buch „Der Adolf Hitler in mir“ seine „Mein Kampf“-Tour.


Herr Somuncu, was haben Sie heute Nacht geträumt?
Wollen Sie das wirklich wissen?

In Ihrem neuem Buch „Der Adolf Hitler in mir“ erzählen Sie, dass Hitler Sie im Traum heimsucht und mit Stiefel­tritten quält.
Inzwischen schlafe ich meist gut und träume kaum mehr von Hitler. Früher habe ich tatsächlich manchmal von ihm geträumt. Das kommt davon wenn man sich intensiv mit jemandem beschäftigt, aber im Moment ist er wieder weit weg.

Immerhin hat er Sie bekannt gemacht, durch Ihre szenischen Lesungen von „Mein Kampf“. Verdanken Sie Hitler Ihren Erfolg?
Das würde ich nicht sagen. Aber wie sich mein weiterer Werdegang entwickelt hat, das hat schon mit den Lesungen zu tun, vor allem damit, wie, wo und wann ich das gemacht habe. Das war allerdings nicht sofort eine Erfolgsgeschichte. Am Anfang wollten das nur ganz wenige Leute sehen. Bei der ersten Vorstellung, das war damals in Neuss, kamen etwa 30 Leute. 25 davon waren Journalisten. Da war ich auch das erste Mal mit einer Anschlagsdrohung konfrontiert.

Sie mussten schon gleich beim ersten Mal unter Polizeischutz lesen?
Ja. Der Unterschied war nur, dass dieses erste Mal die Drohung von der PDS kam. Die hatte zu einem Boykott der Lesung aufgerufen und gedroht, den Laden in die Luft zu jagen, falls die Lesung stattfindet. Während der ganzen Jahre der Lesungen habe ich mich immer wieder gefragt: Ich mache hier etwas, was eigentlich nur die Leute wahrnehmen, die dich umbringen wollen. Muss ich das machen? Nee, eigentlich nicht.

Warum haben Sie es trotzdem gemacht?
Wenn du merkst, wie dreist der Widerstand dagegen ist, dann entwickelst du so eine Art Trotz. Du willst es dir nicht bieten lassen. Außerdem gab es ja Vereinbarungen. Nach einer Weile sind die ersten Institutionen aufgesprungen und haben Lesungen organisiert. Die Böll-Stiftung etwa jagte mich in den 90er-Jahren für 100 Lesungen durch die ostdeutsche Provinz. „Geil!“, habe ich gedacht. Zumindest am Anfang …

War damals schon Pegida-Stimmung zu spüren?
Oh ja! Nach der Wiedervereinigung gab es im Osten unter den SED-Treuen so eine Befindlichkeit, sich wie in einem eroberten Land zu fühlen. Dieses vertrocknete Anti-­Establishment ging dann in die Gegenrichtung und wurde völkisch. Und aus dem Westen kamen die rechten Funktionäre hinzu. Ein Beispiel: In Südhessen gab es einen Hitler-Devotionalienladen mit allem Drum und dran. Der wurde in den 90ern dichtgemacht – und siedelte an die Mecklenburgische Seenplatte über. So entstanden dann auch diese „natio­nal befreiten Zonen“.

Und vor diesen Kameradschaften haben Sie dann gelesen?
Ja, die kamen auch zu meinen Lesungen. Und ich habe gemerkt, da entwickelt sich etwas. Mich überrascht der Zulauf zur sich bürgerlich gebenden Pegida heute nicht, diese Bewegung nährt sich aus dem Gedanken, das Volk zu sein, hat sich aber längst zur völkischen Bewegung entwickelt. Neben den Leuten mit den Springerstiefeln sind damals immer mehr Schlipsträger aufgetaucht, die haben meine Lesungen komplett unterwandert! Das war unerträglich. Und ich musste mir als ­Waffe dagegen die permanente Verunsicherung einfallen lassen.

Wie geht das?
Man muss das Unerwartete tun. Die Nazis saßen erst mal da und glotzten blöd, weil ich nicht machte, was sie erwartet haben, sie dachten: „Der spricht doch gut über Hitler!“ Das war natürlich eine Falle. Irgendwann etabliert sich dieses Element der Verunsicherung aber. Die Leute kommen, um verunsichert zu werden. Und da habe ich die Klientel gewechselt und bin wieder dorthin gegangen, wo ich ein kompletter Fremdkörper bin.

Wohin sind Sie gegangen?
In den Quatsch Comedy Club.

Wieso bitte waren Sie da ein Fremdkörper?
Ich bin ja kein herkömmlicher Comedian. Also bin ich wieder auf Leute getroffen, die, wie zuvor die Nazis, irritiert waren. Das Programm lief aber gut, es hatte ja eine beachtliche Pointendichte. Doch beim nächsten Mal bin ich auf die Bühne gegangen und habe gesagt: „Ich rede nicht mehr über den Hitler aus der Geschichte. Der Typ hier, der Schwuli, der diesen Laden leitet, der ist selbst ziemlich Hitlermäßig drauf. Der droht dir nämlich an, dass er dich rausschmeißt, wenn du nicht seinen Text liest.“

Die Rede ist von Thomas Hermanns.
Nachher ist Hermanns gekommen und nahm übel: „Das war nicht funny. Du spielst hier nie wieder.“ Ich finde, es ist ja Teil der Satire, dass man auch selbst was aushält. Mit dem Quatsch Comedy Club war danach also Schluss.

In „Hitler Kebab“ nahmen Sie sich dann auch die Salafisten vor. Wie haben die reagiert?
Sogar noch heftiger. Das waren ja meist konvertierte Deutsche, die mich angegriffen haben. Dabei stecken die doch in einer völlig paradoxen Situation. Der Salafistenprediger Pierre Vogel etwa lebt in einer für ihn denkbar ungünstigen Umgebung. Eigentlich müsste er doch nah bei Mekka leben. Aber er lebt hier und postet über Youtube, das ja eigentlich das Medium der „Ungläubigen“ ist. Für mich ist das alles ein Fetisch, auch eine Parallele zur Nazibewegung in den 90ern, wo Leute Springerstiefel und Naziklamotten getragen haben, als diffusen Protest wogegen auch immer.

Die Rechte für „Mein Kampf“, die bislang beim Freistaat Bayern liegen, werden im Januar frei. Das Buch darf dann auch in Deutschland verlegt und vertrieben werden. Wie stehen Sie als bekanntester Vorleser dieses Werkes dazu?
Das Buch ist schon längst überall erhältlich, man kann es im Internet bestellen und das in allen Sprachen der Welt. Jetzt tut Bayern so, als wollte es das Ansehen Deutschlands schützen und die Verbreitung verhindern. Aber das ist lächerlich. Die englischen Rechte an dem Buch, das ja munter vertrieben wird, gehören über den Hutchinson Verlag Bertelsmann.

Was für Lektüre-Ergebnisse erwarten Sie für das neu aufgelegte Werk?
Wer das Manuskript liest und nicht ideologisch vorbelastet ist, der ist nach fünf Minuten raus. Meine Lesungen in Schulen hatte ich durch immer mehr Kommentare aufgelockert, sonst wären die Schüler eingeschlafen. Das Buch ist mies geschrieben, warum sollst du dir das antun? Außer, du hast schon vorher eine Erektion und denkst: „Boah, geil Hitler“. Dazu trug bisher ja auch das Verbot bei, das hatte seinen Reiz.

Sie leben in Berlin und Köln – können Sie sich nicht für eine Stadt entscheiden?
In Köln bin ich aus beruflichen Gründen und weil meine Freundin dort lebt. Ich hasse Köln, das ist die widerlichste Stadt, die ich kenne. Köln mit seinen vielen 50er-Jahre-Bauten hat diesen fatalen Hang zur Verkachelung. Das ist für mich gelebte Depression, auch im Lustigen ist da was Depressives. Beim Karneval kann ich nur kotzen.

Berlin aber mögen Sie?

Ich mag an dieser Stadt, dass sie so unordentlich ist. Sie ist das buchstäbliche ­Chaos und hat mit Deutschland eigentlich wenig zu tun.

Dabei sind Sie doch ein ordungsliebender Mensch, heißt es.
Ja, aber das ist kein Widerspruch. Ich brauche die Unordnung um mich herum, um die innere Ordnung besser ertragen zu können. Da ist ein Mikrokosmos, der sehr geordnet ist und dann gehe ich da raus, kann unglaublich viel aufnehmen und später an den Ort der inneren Ordnung wieder zurückkehren.

Sie sind in Istanbul geboren, in Neuss aufgewachsen, haben in den Niederlanden studiert und leben jetzt in Köln und in Berlin – was bedeutet Heimat für Sie?
Es gibt in der Psychoanalyse drei Begriffe dafür: Heimat ist da, wo man herkommt, da, wo man zu Hause ist und da, wo man sich innerlich zu Hause fühlt. Bei mir wechselt sich das ab. Ich fühle mich sehr zu Hause in der Türkei, ich bin auch gerne da, aber es ist nicht meine Heimat. Ich bin sehr gern in Deutschland, aber es ist auch nicht meine Heimat. Ich komme viel herum im Land, aber ich bleibe hier immer fremd. Für uns als zweite Generation ist es typisch, immer irgendwo dazwischen zu stehen. Ich fühle mich aber immer türkisch und keinen Moment deutsch. Und wenn ich träume, dann träume ich auf türkisch.

Das heißt, wenn Hitler Ihnen doch wieder im Traum erscheinen sollte, dann spricht er auf türkisch zu Ihnen?

Nein, der spricht stets deutsch, selbst wenn ich sonst auf türkisch träume.

„H2 Universe – Die Machtergreifung“, 20.+21.11., 20 Uhr, Tempodrom. Eintritt 32 €

somuncu.de

Foto: Promo