»Sex ist lächerlich«

Interview mit Sibylle Berg

Sibylle Berg seziert in ihrem neuen Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ eine langjährige Ehe. Ein Gespräch über die Lächerlichkeit des Lebens, Ekel und Michel Houellebecq Interview: Jannis von Oy

Frau Berg, Sie haben mal gesagt: Schreiben sei das Einzige, das Sie wirklich können. Seit wann empfinden Sie das? Vor einigen Jahren wurde mir klar, dass es in der Kunst hauptsächlich um Behauptung geht. Anders als in Branchen, wo Können klar gemessen werden kann – zum Beispiel: schlechter Pilot ist gleich miese Landungen –, ist es in der Literatur oder der bildenden Kunst wichtig, von sich als gro­ßem Künstler zu sprechen. Vertrauens­bildende Maßnahme nennt man das.

Im Buch legen Sie die Gedanken der Protagonisten frei. Der Partner wird dann als lächerlich empfunden oder das Leben an sich. Ich fühlte mich beim Lesen merkwürdig ertappt. Ist diese Wirkung beabsichtigt?­ Erwünscht ja. Oder sagen wir, siehe oben, ein Zeichen meiner Groß­artigkeit. Nein, Quatsch. Es ist sehr schön, dass es Ihnen so ging, denn so funktioniert doch Kunst – über Identifikation, auch wenn die mit­unter zu einer ablehnenden Haltung führt.

Ist Sex per se lächerlich? Ist unser Leben lächerlich? Ein großes JA. Wobei lächerlich so negativ besetzt ist. ­Albern. Tapsig. So ist das Leben, und so sind unsere Bemühungen, einen ernsthaften, großen Sinn in unseren Aufenthalt zu lesen. Sex ist also, wie das Leben, immer süß, wenn man einen Abstand zum Geschehen einnimmt.

In Ihrem Buch liegen Ekel und Liebe zwischen den Protagonisten eng beieinander. Ist das zwangsläufig so bei Paaren? Ekel habe ich da nicht hineingeschrieben. Eher Liebe, wie man sie in längeren Beziehungen kennt, die ab und an von einer Gereiztheit abgelöst wird.

Also diese Momente, die alles bei Paaren unwirklich erscheinen lassen. „Eine minimale Verschiebung der Wahrnehmung, und schon schleudert es einen aus der sogenannten Gemeinsamkeit“, schreiben Sie. Man kennt den anderen, seine Schwächen, seine Gags, seine Art Möhren zu essen, und meist betrachtet man den geliebten Menschen liebevoll, doch an manchen Tagen, wenn es einem vielleicht nicht gut geht, könnte man ihn oder sie mit einem nassen Handtuch erschlagen.

Dann ist man auf jemanden wütend, nur weil er da ist. Er stört. So ergeht es Ihrer Protagonistin Chloe. Dieser Zustand bezieht sich darauf, dass sich die Protagonistin neu verliebt hat. Ich glaube, das kennen die meisten. Diese unendliche Kälte, mit der man den Menschen, den man eigentlich verlassen möchte, und sei es auch nur für eine Nacht, betrachtet, weil das Hirn von Hormonen geflutet ist, die einem anderen Menschen gelten.

<Bedeutet eine lange Beziehung nicht zwangsläufig das Ende aller Gefühle? Ist das nicht sogar der Deal? Eine lange Partnerschaft bedeutet das Ende sexuellen Rausches und der Frischverliebtheit. In vermutlich 99 Prozent aller Beziehungen, die einige Jahre überdauern. Die Gefühle, die in glücklichen Fällen entstehen,­ sind aber nicht zu verachten. Geborgenheit, das Wissen um Komplizenschaft, Vertrauen, all diese Dinge, die sich erst einmal langweilig anhören, die aber machen, dass man nicht alleine durch sein Leben taumelt.

Ihre Protagonisten sind Mitte bis Ende 40. Sie erleben sehr stark ein Ich-kann-nichts-mehr-grundlegend-ändern-Gefühl. Kennen Sie das auch? Nein, das kenne ich nicht. Ich habe zu tun.

< Rasmus, der Mann im Buch, arbeitet an einem Theaterprojekt mit Jugendlichen in den Tropen. Sie verspotten die Projekte, die „Männer eines gewissen Alters im Busch, in Afrika, in Asien, am Amazonas“ verwirklichen. Schlingensief etwa klingt an. Verspotten ist ein hartes Wort. Sagen wir, ich beobachte das Phänomen mit einem leisen Lächeln. Es geht auch hier um einen Unsterblichkeits­anspruch. Was bewirkt man schon massiv mit einer Kunst? Nicht viel, kleine Ausschläge im Wohlgefühl einer verschwindenden Zahl von Kunstinteressierten. Die Idee, es noch einmal richtig wissen zu wollen, einen Kontinent zu retten oder ein aussterbendes Volk, das ist, was Künstler in unwegsame Gegenden treibt.

Chloe hält ihrem Mann den Rücken frei für seine Projekte, opfert sich auf. Sie glaubt, kein Mann würde das tun. Kennen Sie keine Gegenbeispiele? Ich muss gestehen, ich kenne diese Paarung – künstlerisch tätige Frau, sagen wir, Literatin, Regisseurin, bildende Künstlerin, und ein männlicher Partner, der ihr den Rücken freihält, die Steuer macht, den Mantel hält, auf ihre Gesundheit achtet, sie verteidigt und aufbaut – wenn ich sehr nachdenke: zweimal.

Rasmus sieht sich als Teil einer kulturellen Elite und gleichzeitig als Verlierer des Zeitgeistes. Sind Menschen wie er nicht immer noch – und vermutlich für lange Zeit – über alle Maßen privilegiert? Natürlich, aber woher sollen wir das wissen? Man sagt sich ja nicht jeden Tag: Ich habe zwar keinen Erfolg als Angehöriger der privilegierten europäischen Mittelschicht, aber den Menschen in Papua-Neuguinea geht es viel schlechter. Das macht man nicht, denn jeder Mensch ist sich der Mittelpunkt der Erde.

Wiederholt wurden Sie mit Michel Houelle­becq verglichen. Fühlen Sie sich in diesem Vergleich wohl? Die Ähnlichkeit in der Aufsicht auf die Menschen wurde schon bei unseren ersten beiden Werken angemerkt. Ich sehe sie auch und fühle mich wohl damit, denn ich mag seine Arbeit sehr. Wir sehen uns auch äußerlich sehr ähnlich.

Hanser, München 2015, 256 Seiten, 19,90 Euro
Buchvorstellung und Konzert: 24.+25.2., 20 Uhr, Maxim Gorki Theater, mit Christian Ulmen und Special Guests

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