»Dann ist man halt der Nervi!«

Interview mit Sophia Hoffmann

Köchin Sophia Hoffmann, 34, hat zehn Jahre lang als DJ gearbeitet. Inzwischen hat sie eine Nachtlebenallergie entwickelt – und eine große Liebe zu veganem Essen

Interview: Lydia Brakebusch

Frau Hoffmann, Sie sind jetzt seit circa zwei Jahren Veganerin. Träumen Sie manchmal nachts von Käsespätzle? Ja, ab und zu schon. Alles andere wäre ­gelogen. Aber es wird immer weniger.

Was ist Ihr Gegenrezept? Ich koche dann irgendwas Leckeres, das diesen Hunger stillt. Sicher – Käse ist das Härteste im Veganismus. Veganer Käse ist zu 80 Prozent nicht doll. Aber ich bin opti­mistisch, dass da noch viel passiert. Das ist ja eine ganz neue Küche, die erst entsteht. In Los Angeles hat jetzt immerhin der erste vegane Käseladen aufgemacht.

Wie sind Sie zur Veganerin geworden? Ich hatte schon immer starke Empathie zu Tieren. Ich war eins von diesen Kindern, das im Pool gar nicht zum Schwimmen kommt, weil es ständig Wespen vor dem Ertrinken rettet. Als Teenager war ich ein paar Jahre Vegetarierin und habe dann wieder angefangen, Fleisch zu essen, weil – Klassiker – es ja so gut ­schmeckt. Als ich später gelesen habe, wie stark die Massentierhaltung mit dem Klimawandel zusammenhängt, habe ich angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Und dann vergeht der Appetit.

Was war der blödeste Spruch, den Sie je über Veganer gehört haben? Was mich besonders nervt, ist diese Behauptung: „Ach, das ist jetzt so ein Trend.“ Das ist kein Trend, das ist eine Entwicklung, exemplarisch für etwas, das verkehrt läuft. Dieser perverse Einsatz von Antibio­tika, die multiresistenten Keime im Fleisch – das wird die Leute noch einholen.

Was steckt hinter dem Klischee vom veganen Missionars­tum? Es gibt überall Leute, die von sich glauben, sie seien bessere Menschen, auch unter ­Veganern. In manchen sozialen Netzwerken wird darüber diskutiert, ab wann man sich „vegan“ nennen darf. Darum geht es doch nicht. Diese ewigen Dogma-Fragen sind kontraproduktiv. Ich achte darauf, dass Essen, Kleidung, Kosmetika vegan und tierversuchsfrei sind. Ich gebe das Beste im Rahmen meiner Möglichkeiten, aber wir sollten davon wegkommen, immer nur die Fehler der anderen zu sehen, und uns auf positive Entwicklungen konzentrieren. Fehlerfrei schafft es wohl niemand. Selbst in Klebstoff sind Überreste vom Schwein.

Wie hat sich Ihr Konsumverhalten verändert? Du wirst zum Etikettenleser. Aber es ist ja auch nicht schlecht, wenn man sich damit beschäftigt, was man konsumiert. Milchpulver ist beispielsweise so ein Überschuss­produkt, das unnötigerweise überall reingemischt wird. Das ist das Traurige: Tierische Produkte werden wortwörtlich verpulvert.

Der Härtefall für Veganer: Was machen Sie, wenn Sie irgendwo zu Gast sind? Am Anfang habe ich immer mal wieder vege­tarische Ausnahmen gemacht, habe dann aber festgestellt, dass die Leute schnell damit kalkulieren – nach dem Motto „Das passt schon“. Mittlerweile bin ich konsequent. Man sollte sich nicht aus schlechtem Gewissen verbiegen. Dann ist man halt der Nervi, der fragt, was drin ist. Na und?

Und wenn Sie unterwegs Hunger kriegen? Auch in Bäckereien findet sich meist etwas Veganes. Aber ich habe immer Nüsse und Obst dabei. Zum Glück. Vor Kurzem bin ich nach New York geflogen. Auf dem Rückweg gab es einen Systemfehler und sie hatten kein veganes Essen für mich. So ein Langstreckenflug – das wäre ohne meine Notreserve nicht cool gewesen.

Es gibt diverse Heilsversprechen bezüglich der veganen Ernährung. Wie geht’s Ihnen? Mir ging es noch nie so gut, körperlich wie geistig. Ich habe Milch nie gut vertragen, hatte immer Verdauungsprobleme. Meine Haut ist besser geworden, es fällt leichter, das Gewicht zu halten. Und was ich am Frappierendsten finde: Im Kopf hat sich was verändert. Ich bin wirklich nicht esoterisch drauf, aber es ist so: Ich bin entspannter, empathischer, liebevoller.

Ein weiteres Klischee, neben dem der Mangel­ernährung, sind die hohen Kosten. Das stimmt nicht. Ich gebe relativ viel für Nüsse aus, aber diesen Betrag würde ich sonst für Fleisch oder guten Käse bezahlen. Und die Basis, Hülsenfrüchte, Gemüse, Nudeln, Reis, Kartoffeln – das ist nicht teurer als sonst. In Amerika gibt es beispielsweise Initiativen, die zeigen, wie man sich für vier Dollar am Tag vegan ernähren kann. Grundsätzlich ist aber die Frage: Warum wird darüber diskutiert, ob vegane Ernährung teuer ist? Warum fragen wir uns nicht, warum Ernährung billig sein soll?

Sie veranstalten vegane Supper Clubs, wie ist das Feedback der nichtveganen Gäste? Das schönste Kompliment ist, wenn Leute zu meinem Dinner kommen und nach vier Gängen sagen: Ich habe überhaupt nicht gemerkt, dass es kein Fleisch gab. Ich habe mal ein veganes Barbecue in einem Münchner Biergarten veranstaltet – schon an sich ein schräges Szenario. Da war eine Tschechin dabei, die natürlich eine ganz andere Küche gewohnt ist. Die konnte überhaupt nicht fassen, dass sie satt geworden ist.

Wie schätzen Sie das gastronomische ­Angebot in Berlin ein? Es gibt inzwischen vieles, was gut ist. Aber auch vieles, was nur okay ist und als gut abgestempelt wird, weil es noch nicht viel Vergleich gibt. Ich habe das Gefühl, dass Leute sich schnell zufriedengeben, weil sie froh sind, dass es überhaupt etwas Veganes gibt. New York ist ein Veganer-Paradies. Die haben schon eine ganz andere Konkurrenz und ein entsprechend höheres Level. Schließlich geht es beim Veganismus nicht um Askese, sondern um Genuss! Hey, man darf auch Sex haben!

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