»Wahnsinn, oder?«

Interview mit Thomas Melle

Der Schriftsteller Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an einer manisch-depressiven Erkrankung. Fast wäre er daran zugrunde gegangen

Herr Melle, Sie leben seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten mit einer manisch-depressiven Erkrankung, die Sie in Ihrem neuen Buch „Die Welt im Rücken“ öffentlich gemacht haben. Wie geht es Ihnen heute? Besser als je, möchte ich fast sagen. Ich ziehe gerade um, von Neukölln nach Kreuzberg 61. Ich atme durch, habe zwar immer meine Melancholien, aber in einem völlig normalen Rahmen.

Thomas Melle
ist nach den Romanen „Sickster“ (2011) und „3000 Euro“ (2014) mit seinem neuen Buch „Die Welt im Rücken“ zum dritten Mal in Folge für den Deutschen Buchpreis nominiert. Außerdem schreibt er Theaterstücke und übersetzt Romane, u.a. von William T. Vollmann. 1975 in Bonn geboren, lebt Melle seit 1997 in Berlin. Hier ist er, auch infolge seiner Erkrankung, zwölf Mal umgezogen.
Foto: Dagmar Morath

Klinisch spricht man in Ihrem Fall von bipolarer affektiver Störung. Was genau heißt das? Auffahren und Abstürzen in Reinform. Ich habe Bipolar I, auch noch in der heftigen Variante. Mit Paranoia, Beziehungsideen, seltsamen Aktionen, Übergriffen. Wirklich ein Verhalten, das den Erkrankten selbst ruiniert. Erst kommt der manische Schub, dann die Depression, dann eine gesunde Phase. Wenn man sich nicht vorher umgebracht hat.

1999: der erste Krankheitsschub. Wie aus dem Nichts. Ein Gefühlsüberschuss, der sich sein Erklärungsgebäude selbsttätig und falsch zusammenbaute. Es hatte im Internet begonnen. Bestimmte Sätze, die ich dort las, waren plötzlich mehrfach codiert und konnten dann auch mich meinen. Vom Internet ist es auf die Stadt übergangen, die völlig verrückt war. Aber ich war ja verrückt! Ich hatte mir eingebildet, jetzt gäbe es eine Party. Für mich waren dann überall in der Stadt Hinweise.

Sie sind tagelang durch Berlin geirrt? Wochenlang. Am ersten Tag durch Mitte, Kreuzberg, Prenzlauer Berg, zurück. Manchmal mit der U-Bahn. Nach einer Station wieder raus. Die Blicke der Leute wurden seltsam.

Exzessiv und aggressiv gebloggt haben Sie auch. Was haben Sie denn da ins Internet reingeschrieben? Seltsame Sachen, wo man gemerkt hat: Der Typ ist wortwörtlich verrückt. Nicht mehr so eine künstlerische Exzentrik, die man irgendwie witzig einordnen kann. Sondern da dreht einer wirklich ab, beginnt obszön zu werden, Leute aus einer Ratlosigkeit heraus zu beschimpfen.

In Ihren ersten beiden hochgelobten Romanen „Sickster“ und „3000 Euro“ gibt es mehrere solcher Figuren zwischen Manie und Depression. Figuren, die abstürzen. Oder verglühen. Ich habe immer ziemlich nah an meinem eigenen Leben entlanggeschrieben und versucht, das zu abstrahieren, zu fiktionalisieren. Das fiktive Moment war damals wichtig für mich. Aber so weiterzumachen, das konnte und wollte ich nicht mehr.

1999 dauerte ein Krankheitsschub drei Monate lang, 2006 schon ein Jahr, 2010 sogar eineinhalb Jahre. Wahnsinn, oder? Eigentlich dauern manische Phasen allerhöchstens ein Jahr – die meisten aber nur zwei bis vier Wochen.

Was geht in so einer manischen Phase in einem vor? Ich war von Großartigkeitsideen getrieben, pimpte mich mit Alkohol hoch, war die ganze Zeit drauf, schrieb aber gar nicht viel in der Hochmanie. Es reichten drei Sätze, dann dachte ich: „Genial. Jetzt muss ich aber irgendwo anders wieder für Ordnung sorgen. Was ist in Spandau los?“ Aber es gibt auch dunkle Momente. Wenn man paranoid ist, vermutet man Kräfte, die einen in ganz düstere Gegenden hineinmanövrieren.

Ein bisschen wie bei diesen Aluhutträgern mit ihren Verschwörungstheorien. Deswegen nerven die mich ja so sehr. Es hat aber noch viel mehr mit einem Narzissmus zu tun. Ich war der negative Messias.

Sie sind in diesen Phasen bei Suhrkamp Ihre damalige Verlegerin körperlich angegangen, haben eine Rainald-Goetz-Lesung „getrollt“, auf Sylt ein Zimmer verwüstet. Unter anderem. Das sind alles Sachen, für die ich mich  in der Depression wahnsinnig schämte, noch immer schäme. Wie soll man das in irgendein Selbstbild integrieren? Das Buch ist ein Versuch.

Für jene Menschen, die Ihnen nahe waren, müssen diese Ausbrüche eine ziemliche Herausforderung gewesen sein. Herausfordernd, schrecklich, schockierend. Die beste Haltung ist wohl zu sagen: Der ist manisch, das ist gerade ein anderer Mensch, da muss man abwarten. Und ihn nicht fallenlassen.

Sie stammen aus Bonn, waren ein Trennungskind mit sozial schwieriger Herkunft. Wäre es Ihnen besser gegangen, wenn Sie nicht in Berlin gelandet wären? Es wäre auch in Wuppertal oder Detmold passiert. Nur kommen natürlich in Berlin viele Faktoren zusammen: die Freaks und die Suchenden, die dem Ruf der Großstadt folgen. Die größere Bereitschaft auch, solche Diagnosen zu stellen. Auf dem Land ist das vielleicht noch tabuisierter. Der Manisch-Depressive ist dort womöglich nur der Dorfdepp.

Fragt man sich manchmal: „Warum gerade ich?“ Ja, kommt hoch. Aber Herrndorf (der verstorbene, zuvor an einem Hirntumor erkrankte „Tschick“-Schriftsteller) hat das ja gedreht: „Warum eigentlich nicht ich?“ Das ist das Antidot gegen jede Jammerhaltung. Ich sage nicht: „Warum gerade ich?“, sondern einfach: „Ich.“

Irgendwann waren Sie ganz unten: kein Konto, offiziell wohnungslos, Schulden, Prozesse. Ist das der Punkt, wo man sich eingesteht: So geht es nicht mehr weiter? So war es. In der Depression sieht man schwärzer als schwarz, aber hat wenigstens einen klaren Blick auf die Dinge – im Gegensatz zur Manie, wo man rein gar nichts mehr rafft. Es war der Moment, wo ich von der Manie in die Depression gekippt bin. Ich war plötzlich im Betreuten Wohnen. Häh? Wie ist das denn passiert? Um Gottes Willen! Ich sterbe.

Jeder Vierte unter den Erkrankten, die erfasst sind, verübt mindestens einen Suizidversuch. Sie selbst haben einmal Tabletten geschluckt, die binnen Tagen die Leber zerstören sollen… War bei mir nicht der Fall. Gute Leber. Ein Arzt sagte: „Noch eine halbe Flasche Wodka, und dann wäre es endgültig vorbei gewesen.“

Seit 2014 nehmen Sie dauerhaft Medikamente, die Ihnen offenbar helfen. Hat sich Ihr Schreiben dadurch verändert? Manchmal denke ich, ich schreibe jetzt anders. Aber kommt das jetzt vom Alter, sind Sturm und Drang vorbei? Oder doch von den Medikamenten, die eine gewisse Expressivität und Grellheit meines Schreibens eindämpfen? Was ich übrigens, auf dem Weg zum klassischen Erzählen, das ich anstrebe, gar nicht so schlecht fände. An sich habe ich in meinem ersten Erzählband „Raumforderung“ ein ganzes Spektrum aufgemacht. Dann aber musste ich durch mein verdammtes Leben immer wieder das eine Thema bearbeiten.

Mit diesem Thema sind Sie also erst einmal durch? Bisher war ich ein Schriftsteller des Unglücks. Die Protagonisten sind alle gefallen, sind krank geworden, haben sich umgebracht. Jetzt möchte ich mal ausprobieren, wie es wäre, ein Schriftsteller des Glücks zu sein. Ich freue mich drauf.

Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“, Rowohlt Berlin,  352 S.,  19,95 €
Buchpremiere: Fr, 2.9., 20 Uhr, Literatur Live im Frannz Club, Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg

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