Bühne

»Wir haben doch jetzt Narrenfreiheit«

Volksbühne-Schauspieldirektor Thorleifur Örn Arnarsson über große ­Gelegenheiten, Deutsch als Fremdsprache und seine Homer-Neuerzählung „Eine Odyssee“

Interview: Tom Mustroph

Ein Isländer in Berlin: Thorleifur Örn Arnarsson – Foto: Vincenzo Laera

Die Volksbühne eröffnet ihre neue Spielzeit mit der Uraufführung einer Antiken-Überschreibung durch den isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson. Der 1978 in Reykjavík geborene Theatermacher, Absolvent der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, ist bekannt für große Mythen-Umschreibungen. Für seine kraftvolle Neuerzählung des isländischen Schöpfungsmythos „Die Edda“ wurde er 2018 mit dem wichtigsten Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als bester Regisseur ausgezeichnet. Mit der neuen Saison 2019/20 verantwortet er für zwei Jahre, bis zum Amtsantritt des designierten Intendanten René Pollesch, als Schauspieldirektor den Spielplan der Volksbühne.

Herr Arnarsson, Sie geben Ihren Einstand als Schauspieldirektor der Volksbühne mit einer Inszenierung der „Odyssee“, die Sie gemeinsam mit Mikael Torfason aktualisiert haben – so fügen Sie etwa Briefe eines Afghanistan-­Veteranen ein. Warum? Haben uns die alten Geschichten pur so wenig zu sagen?
Wir wollen die Mythen nicht als alte Geschichten erzählen, sondern sie benutzen, um auf unsere aktuellen gesellschaftlichen Prozesse zu gucken. Das haben wir schon mit der „Edda“ gemacht. Unser theater­autorischer Ansatz möchte den neuen Journalismus mit dem Theater verbinden. Wir suchen nach den Berührungspunkten zwischen dem Privaten und dem Gesellschaftlichen, nach Geschichten, die die Thematik dessen, was wir abhandeln wollen, spiegeln. Dass Mikael einen Bruder hat, der ein Af­ghanistan-Veteran und zugleich ein halb­pakistanischer weißer Nationalist ist, ist Zufall. Aber es passt eben auch.

Als Schauspieldirektor durften Sie sich das neue 17-köpfige Ensemble nahezu selbst zusammenstellen. War das ein Privileg oder eher eine undankbare Aufgabe nach der schwierigen Zeit, die das Haus durchgemacht hat?
Es war eine große Gelegenheit! Viele Spielerinnen und Spieler, die jetzt hier sind, sind Weggefährten aus dem professionellen ­Leben. Ich konnte Menschen zusammenbringen, deren Energien aus meiner Sicht sehr gut zusammenpassen. Es waren allerdings viele Menschen neben mir daran beteiligt. Wichtig war uns vor allem, dieses Haus erst wieder betriebsfähig zu machen und ihm dann die Künstlerinnen und Künstler zu geben, die ihm neue Kraft und neue Energie verleihen.

Als Sie in Ihrer neuen Funktion präsentiert wurden, hat sich mancher gefragt: Nanu, ein Isländer? Sie kennen diesen Isländer ziemlich gut. Was für eine Person ist er? Welche Qualitäten hat er als Mensch, welche Stärken als Regisseur, welche Schwächen auch?
Ach, ich soll jetzt über meine Schwächen reden?

Nicht nur, gern auch über Ihre Stärken.
Gut, als Theatermacher ist man aus dialektischen Widersprüchen zusammengeschraubt. Das Interessante für mich ist, dass ich selbst ganz oft zu verstehen versuche, warum ich nach Deutschland gekommen bin.

Und wissen Sie es inzwischen?
Ich war natürlich vom deutschen Theater fasziniert und fühlte mich da auch schnell beheimatet. Als Isländer wird man nicht wirklich als Ausländer wahrgenommen. Ich fand es zuallererst faszinierend, in einer Sprache zu arbeiten, die nicht die ­meine ist. Nachdem ich sie langsam beherrscht habe, merkte ich, dass es mir hilft, dass ich doppelt denke. Ich denke auf die isländische Art, in einer Sprache, die ihren Ursprung in den Sagas hat, einer hoch poetischen Sprache. Und dann komme ich nach Deutschland in eine Sprache, die über die Aufklärung eine Sprache der Genauigkeit ist. Und das hat mich fasziniert. Ich habe zugleich den Außenblick auf Deutschland und die deutsche Geschichte und lerne immer mehr den Innenblick kennen. Ich glaube, das steht sogar in der Tradition der Volks­bühne, gleichzeitig in mehreren Zeiten zu sein.

Sie sind jetzt für zwei Jahre Schauspiel­direktor an der Volksbühne, danach kommt René Pollesch als Intendant. Ist das für Sie jetzt eine unglückliche Zwischenphase, wollen Sie weitermachen oder ist der begrenzte Zeitraum nicht auch ein Glück?
Wir haben doch jetzt absolute Narrenfreiheit! Wir haben Zeit und Gelegenheit, zwei Jahre lang vehementes, kraftvolles, fulminantes Theater zu machen. Wir wollen das Haus mit Kraft, mit Energie, mit Kunst, mit Zuschauern füllen. Der zweijährige Vertrag ist ohnehin der längste Vertrag, den ich je unterschrieben habe. Den möchte ich jetzt mit aller Kraft, die mir möglich ist, erfüllen.

Und Sie schielen kein bisschen auf eine Fortsetzung unter Pollesch?
Bis jetzt haben wir noch nicht miteinander gesprochen. Ich halte René Pollesch für einen großen Künstler, ich habe seine frühen Arbeiten hier im Prater gesehen. ­Würde man sich mit ihm hinsetzen? Natürlich. Aber er muss erst einmal herausfinden, was er machen wird. Auch wir müssen erst einmal starten. Und irgendwann werden wir uns sicher in der Kantine begegnen, und wer weiß, was daraus entsteht. Jetzt wollen wir aber erst einmal ein paar radikale Ideen für dieses Haus entwickeln, die ihm und seiner Geschichte gerecht werden. 

Premiere „Eine Odyssee“ 12.9., 19 Uhr (nur noch Restkarten), weitere Vorstellungen: 14., 21.+22.9., 19 Uhr, ­Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Regie: Thorleifur Örn Arnarsson; mit Sólveig Arnarsdóttir, Johanna Bantzer, Sarah Franke, Claudio Gatzke, Jella Haase, Robert Kuchenbuch, Silvia Rieger u.a., Eintritt 10–30 €
www.volksbuehne.berlin