INTERVIEW

»Wo soll man sich politisch noch positionieren?«

Ulrich Matthes über Probenglück, die Orientierungslosigkeit der Mittelschicht und seine Hauptrolle eines Schönheitschirurgen in der Uraufführung von Moritz Rinkes „Westend“ am Deutschen Theater

Westend von Moritz Rinke Regie: Stephan Kimmig Bühne: Katja Haß Kostüme: Anja Rabes Musik: Michael Verhovec Dramaturgie: Bernd Isele Auf dem Bild: Ulrich Matthes

Interview: Tom Mustroph

Schauspielstar Ulrich Matthes, 59, spielt in Moritz Rinkes neuem Stück „Westend“ einen Schönheitschirurgen, der nicht nur oberflächlich aufhübschen, sondern Lebensglück stiften will. Beim Weg zum eigenen Glück verirrt er sich aber.

Herr Matthes, Sie kommen frisch von der Probe. Wann genau spüren Sie eigentlich, dass Sie gut waren bei einer Probe oder Vorstellung?
Heute habe ich zu Anja Schneider gesagt, meiner Partnerin in dem Stück: „Es hat Spaß gemacht, weil es eine Art von Schärfe und Direktheit hatte und ohne jeden theatralen Klimperkram war. Es war kein Jetzt-tun-wir-mal-so-als-ob.“ Und das spürt man, und dann macht es Spaß.

Sie klingen beglückt. Geschieht dies immer auf Proben?
Nicht immer. Aber es ist verblüffend, wie schnell man mit manchen Kolleginnen und Kollegen sofort eine Art von Fließen herstellen kann, von Energie, Humor, Aufmerksamkeit, gemeinsamer Konzentra­tion und gemeinsamem Spiel. Und manchmal hakt es eben, auch überraschend. Man denkt, mit dem oder der wird es gut, und dann hakt es doch.

In solchen Fällen hilft Handwerk?
Natürlich hilft Handwerk immer. Aber Gott sei Dank nur bis zu einem gewissen Maße. Ich bin sehr für das Handwerk. Denn es ist ja nicht alles Metaphysik, was wir da machen, im Gegenteil. Aber wenn dann so etwas passiert, was im weitesten Sinne Erotik ist zwischen Menschen, dann ist das einfach schön. Und auch die Ergebnisse sind besser.

Erotik ist ein schönes Stichwort. Denn Ihre Rolle ist ein Schönheitschirurg, einer also, der auf der Oberflächenebene Bedingungen schafft für Erotik.
Das tut er auch. Im Übrigen habe ich es mir abgewöhnt, Zensuren zu erteilen für bestimmte Berufe. Gut, als wir darauf kamen, dass ich das spielen könnte, und ­Moritz ­Rinke mir sagte: „Übrigens, das ist ein Schönheitschirurg“, habe ich erst mal gelacht. Und immer, wenn ich im Freundes- oder Familienkreis verkünde „Meine nächste Rolle ist ein Schönheitschirurg“, lachen alle.

Sehen Sie, alle lachen über solch eine Klischee-Figur.
Der Eduard ist keine Klischeefigur! Er ist in seinen sympathischen wie unsympathischen Seiten absolut widersprüchlich. Und das finde ich interessant. Auf den Vorwurf seiner Frau Charlotte: „Du entstellst Menschen!“ reagiert er sehr heftig und sagt: „Im Gegenteil, ich helfe diesen Menschen, dass sie sich wieder gern selber ansehen.“ Er sagt dann später, dass der Begriff Schönheitsoperation aus dem Ersten Weltkrieg stamme. Da ging es darum, den teilweise schrecklich entstellten Menschen wieder ein Gesicht zu geben und eine Art von Würde.

Das ist eine clevere Herleitung. Aber Charlottenburger Schönheitschirurgen arbeiten heute eher nicht in Kriegsgebieten, sondern bestenfalls in von Image- und Beziehungsschlachten verwüsteten Revieren.
Ja, da haben Sie schon recht, aber mir hat das geholfen, erst mal nicht an die furchtbaren Enten­schnabellippen in den Gesichtern gelangweilter Damen zu denken! Das ganze Stück hat eine tiefere Ebene. Es kommt vielleicht boulevardesk daher, es hat Humor, und ich hoffe, es gelingt uns, diesen Humor zu bewahren. Es handelt aber von lauter verunsicherten Menschen, die glauben, sich gerade zu verwurzeln, mit einer schönen Villa zum Beispiel, deren Wurzeln aber in der Luft hängen. Alle Figuren in diesem Stück – und das scheint mir para­digmatisch für unsere heutige Gesellschaft – sind so merkwürdig gegenwartslos. Sie sind teilweise in der Vergangenheit, und extrem auf irgendeine Art von vermeintlich hoffnungsvoller Zukunft hin orientiert. Das, was Gegenwart ist oder sein könnte, ist unglaublich brüchig. Es ist ein geglücktes Stück von Moritz Rinke, mit einer Art von Tschechowʼschem Diagnoseblick auf diese Gesellschaft.

Sie schüren hohe Erwartungen!
Ich hab’ ja nicht gesagt, dass er auf einer Ebene ist mit dem Genie Tschechow! Aber dieses Stück ist politischer, ist mehr als nur die Luxuspro­bleme von Paaren. Es beschreibt eine Art von Lebensgefühl, das ich auch in Gesprächen oft bemerke: Diese Orientierungslosigkeit, auch das Wechselwählertum, wo soll man sich politisch noch positionieren? Natürlich positioniere ich mich politisch klar gegen die AfD. Das halte ich für absolut selbstverständlich. Aber das Brüchige der bürgerlichen Existenzen wird in dem Mikroskosmos dieses Paares sehr deutlich spürbar. 

Uraufführung „Westend“: 21.12., 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen: 28.12., 19.30 Uhr, 31.12. 20 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Regie: Stefan Kimmig; mit Ulrich Matthes, Anja Schneider, Linn Reusse, Paul Grill, Andreas Pietschmann, Birgit Unterweger. Eintritt 5–48, erm. 9 €