»Ich bin mein härtester Kritiker«

Interview mit Ulrich Matthes

Der Schauspieler Ulrich Matthes über die Anfänge als Kinderstar, seine Jurorentätigkeit bei den diesjährigen Autorentheatertagen und Anrufe aus Hollywood

Interview: Friedhelm Teicke und Georg Kasch

Herr Matthes, bei den Autorentheatertagen, deren Auswahljury Sie dieses Jahr angehören, geht es um neue Texte. Texte sind auch wesentlich im Journalismus, den Sie hautnah als Sohn des legendären „Tagesspiegel“­Lokalchefs Günter Matthes kennengelernt haben …
Ja, mein Vater war weltberühmt in West- Berlin. Im Osten kannte ihn vermutlich nur die Stasi. (lacht)

Wollten Sie anfangs ebenfalls Journalist werden? Immerhin haben Sie Germanistik studiert.
Nein, ich habe ja auf Lehramt studiert. Ich wollte Deutsch- und Englischlehrer werden. Mir macht es bis heute Spaß, Menschen etwas zu vermitteln. Deswegen unterrichte ich immer mal wieder sehr gerne an verschiedenen Schauspielschulen. Schon als Sechs-, Siebenjähriger habe ich kleineren Kindern in meinem Umfeld gerne etwas beigebracht. Meine Mutter hat mich erst neulich wieder daran erinnert. Aber dann kam ja auch schon früh die Schauspielerei dazu.

Sie spielten bereits als Kind große Rollen in Fernsehfilmen und synchronisierten auch, zum Beispiel Charlie Brown von den Peanuts.
Ja , allerdings nur in einer Staffel. Vor allem aber synchronisierte ich den Jason in „Die Waltons“. Sagt Ihnen die Serie noch was?

Natürlich, die Geschichten einer Familie in Virginia zur Zeit der Depression, die immer mit der berühmten Sequenz endeten, dass sich alle Gute Nacht wünschen.
Genau: „Gute Nacht, Mary-Ellen! Gute Nacht, John-Boy!“ (lacht)

 

Ulrich Matthes, Juror der Autorentheatertage 2015 – Foto: Arno Declair

ULRICH MATTHES

Der 1959 in Berlin geborene Theater­-Star begann seine Karriere bereits als Kind in TV­-Filmen. Seit 2004 gehört er fest zum Ensemble des Deutschen Theater. Er hat alle großen Schauspielerpreise gewonnen, darunter den Faust, den Theaterpreis Berlin und den Grimme­-Preis, kürzlich auch die Goldene Kamera. Erstmals ist er nun Juror der Autorentheatertage am Deutschen Theater.

 

Wie kam es denn dazu, dass Sie schon als Kind Filme drehten?
Meine Mutter hat mehr zum Spaß auf eine Annonce geantwortet, in der ein Junge für die Verfilmung des damals sehr populären Romans „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ gesucht wurde. Da standen dann rund 100 Jungs zum Casting im Europa-Center – mehr West-Berlin geht kaum! – und stellten sich nacheinander dem berühmten Komödienregisseur Kurt Hoffmann vor. Ich wurde der Berlin-Sieger, man entschied sich dann aber für den Bayern-Sieger. Aber dadurch landete ich in einer Darstellerkartei für Kinder und spielte bald in Fernsehspielen mit – bis meine Eltern dem einen Riegel vorschoben.

Warum das?
Als Kind in so einer Erwachsenenwelt total im Mittelpunkt zu stehen, wo einem jeder Orangensaft hinterhergetragen wird – das tat mir nicht gut. Ich wurde unleidlich und noch altklüger, als ich eh schon war. Heute bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie dem ein Ende gesetzt haben, aber damals war ich natürlich sauer.

Haben Sie damals etwas gelernt, was Ihnen heute als Schauspieler nützlich ist?
Interessante Frage (überlegt). Wahrscheinlich nicht. Weil das damals tatsächlich wie Kinderspiel war, wie Cowboy und Indianer, es hat ja nichts von Reproduktionsbewusstsein, dass man es nochmal und nochmal wiederholen kann. Aber mit 10 bis 13, wie ich damals alt war, war das so unschuldig und unbewusst, eben ganz aus dem Bauch heraus. Obwohl – eigentlich mach ich ja bis heute nichts anderes. (lacht)

Für viele Schauspieler ist der berühmte Anruf aus Hollywood das Begehrenswerteste. Sie dagegen sollen ein Angebot für einen Film mit Tom Hanks abgelehnt haben, um stattdessen mit Christian Petzold am DT zu arbeiten. Haben Sie das je bereut?
Ach was. Hollywood hat auch schon mehrmals angerufen, allein nach dem „Untergang“ hätte ich noch zweimal den Goebbels in amerikanischen Produktionen spielen können, absurd! Ich bin zum Glück nicht darauf angewiesen, zwei Drehtage in irgendeinem Hollywoodfilm zu haben, um neben Keira Knightley fünf Sätze in einem möglicherweise nicht so dollen Film zu sprechen.

Wer müsste denn anrufen, damit Sie eine Bühnenproduktion platzen lassen?
Tarantino für „Inglourious Basterds“! (lacht)

Das Thema der Autorentheatertage ist Nachhaltigkeit, denn neue Stücke verschwinden oft schnell wieder von den Spielplänen. Warum ist das so?
Jedes Publikum hat eher konservative Bedürfnisse, übrigens auch das der Volksbühne, die wollen immer wieder ihren Castorf sehen …

Im Kino dagegen sind die Besucher neugierig auf neue Stoffe. Woran liegt das?
Die Zuschauer, die fürs Theater teilweise 40 Euro ausgeben müssen, und nicht zehn wie im Kino, überlegen sich einfach genauer, was sie sich anschauen. Viele hadern auch, mir zum Rätsel, nach so vielen Jahrzehnten immer noch mit dem sogenannten Regietheater. Die gucken sich lieber einen Klassiker an, nach dem Motto: Da weiß ich, was ich habe, auch wenn mir die Inszenierung vielleicht nicht so gefällt. Mein Interesse ist dagegen gleichermaßen groß, einen Klassiker neu zu deuten wie auch ein modernes Stück zu spielen.

Liegt das fehlende Interesse nicht auch an der Qualität der neuen Dramen?
In der Tat, manches von dem, was ich so lese oder gespielt habe, ist schon ein bisschen dünne. Das musste ich jetzt als Juror bei den Autorentheatertagen wieder erleben: Bei manchen der eingesandten Texte wusste man schon nach drei Seiten: Nee, weg. Natürlich gibt es diese wahnsinnig erfolgreichen paar Namen, die dann landauf, landab gespielt werden. Aber wenn die Uraufführung eines unbekannten Autoren auch noch verrissen wird, hat der es im Folgenden unglaublich schwer.

Die Autorentheatertage sind erfunden worden, um eben da gegenzusteuern.
Deshalb habe ich auch sofort Ja gesagt, als mein Intendant Ulrich Khuon mich fragte, ob ich da Juror sein will. Weil ich dieses hochherzige Bemühen von ihm unterstützen will, alles dafür zu tun, dass spannende Autoren – wie etwa Ferdinand Schmalz, dessen „Dosenfleisch“ zu meinen Favoriten bei der diesjährigen Auswahl gehört – gefördert werden. Damit die nicht zum Fernsehen abwandern oder zum Film.

Na, so tolle Autoren gibt es beim Fernsehen hierzulande nun auch wieder nicht! Die guten Serien etwa kommen doch vor allem aus den USA und England.
Das liegt daran, dass alle Kunst in Amerika, auch die theatralische, eine zutiefst realistische ist. Ich hab mal zufällig in London Jeremy Irons getroffen, der am National Theatre spielte und mir erzählte, dass er bei deutschem Theater jedes Mal das Gefühl habe, auf dem Mars gelandet zu sein. So fremd ist ihm das. Er meinte, keine Menschen mehr zu sehen, sondern von einem Regisseur abgerichtete Aufzieh-Puppen. Allerdings führt dieser angloamerikanische Hang zum Realismus manchmal auch zu irre konventionellen, stinklangweiligen Aufführungen. Da kann ich dann oft nur sagen: Es lebe das deutsche Regietheater!

In der Jury der Autorentheatertage saßen neben Ihnen eine Dramatikerin, ein Kritiker und eine Regisseurin. Was war Ihnen als Schauspieler bei der Auswahl wichtig?
Das war total intuitiv. Bei einem der Stücke, das auf der erweiterten Liste gelandet ist, dachte ich sofort: Diese Rolle will ich spielen! Weil das so ein Schauspielfutter ist! Aber grundsätzlich war das natürlich auch deshalb eine spannende Sache, weil man sich über die Kriterien der Beurteilung eines Theaterstücks noch einmal sehr deutlich wurde.

Was sind das für Kriterien?
Ein eigener Ton, etwas Unverwechselbares. Fragen wie: Trägt der Grundgedanke über ein ganzes Stück? Ist das im weitesten Sinne politisch relevant? Gegenwärtig? Und sprachlich gut? Dialoge können viele nicht schreiben.

Wessen Meinung ist Ihnen selbst nach einer Premiere wichtig?
Die meiner Freunde und Kollegen. Ich lese tatsächlich auch die Kritiken, aber inzwischen völlig anders als mit 25. Ich mache den Job jetzt seit 34 Jahren: Da weiß ich doch selber viel besser als jeder Kritiker, wie weit ich mit einer Arbeit gekommen bin. Ich bin mir selbst gegenüber tatsächlich der härteste Kritiker.

Autorentheatertage Berlin – Uraufführungen und Gastspiele bemerkenswerter Inszenierungen von Gegenwartsdramatik: 13.-27.6., Deutsches Theater und Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Mitte. Eintritt 5-­48, erm. 9 Euro. www.autorentheatertage.de

 

 

Foto: Arno Declair