»Ich mache Filme über Menschen, die ich liebe und schätze«

Interview mit Wim Wenders über seinen Papstfilm

Wim Wenders über seine Einstellung zur Religion und wie er dazu kam, den Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ zu drehen
Interview: Patrick Heidmann

Wim Wenders und Papst Franziskus
Auftragsregisseur Wim Wenders und der Mann seines Interesses
Foto: Universal

Herr Wenders, wie läuft das eigentlich ab, wenn man den Papst kennenlernt?
Bevor es soweit war, habe ich mich erst einmal vorbereitet, ein Konzept und ein Treat­ment für diesen Film geschrieben, wir ­haben eine unabhängige Finanzierung und eine Produktion zusammengestellt und ich habe auch viel recherchiert und gelesen. Als der Moment dann endlich gekommen war und mein Team zum ersten Mal drehfertig in einem großen Saal im Vatikan in großer Erwartung bereitstand, allesamt ziemlich aufgeregt, kam er ganz alleine in den Raum, ohne irgendeine Entourage. Das war schon mal eine Überraschung. Und dann hat er jedem vom Team die Hand geschüttelt und ein paar Worte mit jedem gewechselt. Auch wir haben uns etwas unterhalten, und dann habe ich ihm die Technik erklärt, wie wir unsere Interviews gestalten wollten. Da war dann zum ersten Mal mein Spanisch gefragt, denn wir hatten vereinbart, diese Gespräche in Spanisch zu führen. Da hatte ich im Vorfeld noch Nachholbedarf, denn das war zwar mal meine erste ­Fremdsprache gewesen, aber inzwischen doch ganz schön rostig. Ein paar Minuten später begann dann auch schon das erste von unseren vier langen Interviews.

Wusste der Papst, wen er da vor sich hat?
Das erste, was er mir sagte war, dass er viel von mir gehört habe, aber ich solle doch wissen, dass er keinen meiner Filme kenne. Dass er sowieso schon lange nicht mehr dazu gekommen sei, Filme zu schauen. Die Anregung für dieses Projekt, der Brief an mich mit der Frage, ob mich so etwas interessieren könne, kam deswegen auch vom Präfekten der Kommunikationsabteilung, der allerdings richtig viel über Kino ­wusste, Film studiert und auch Bücher darüber ­geschrieben hatte.

Da die Idee für den Film vom Vatikan kam: Welche Vorgaben gab es für Sie als Filmemacher?
Keinerlei! Außer der Anregung zu dem Film hat sich der Vatikan völlig herausgehalten. Was das für ein Film werden sollte, das lag einzig und allein in meiner Entscheidung. Ich konnte ihn auch alles fragen, was ich wollte. Mehr als unsere langen Gespräche habe ich nicht mit dem Papst gedreht. Alle Reisebilder, etwa von den Philippinen, dem US-Kongress oder der UNO stammen von zwei jungen Kameramännern, die ihn immer begleitet haben. Dazu kamen Aufnahmen von Fernsehstationen und Nachrichtenagenturen. Mein Team und ich, wir haben noch die Rahmenhandlung um den Heiligen Franz von Assisi gedreht.

Was reizte Sie überhaupt daran, einen Film über den Papst zu drehen?
Dieser Mann hat mich interessiert, noch ­bevor ich ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommen habe, zusammen mit Millionen von anderen Menschen, als auf dem Petersdom verkündet wurde, dass der neue Papst sich den Namen Franziskus gegeben hatte. Da bin ich vor dem Fernseher aufgesprungen! Das konnte ich kaum fassen! Dass sich einer traut, sich in die Tradition des Franz von Assisi zu stellen, hat mich auf Anhieb tief beeindruckt. Dazu brauchte es richtig Mut!

Soweit damals Ihr erster Eindruck. Wie haben Sie ihn dann tatsächlich erlebt, in der persönlichen Begegnung und der Auseinandersetzung mit diesem Mann?
Dieser Papst ist ein höchst kommunikativer Mensch, mit einer großen Herzlichkeit. Wie er auf die Menschen zugeht und in sehr einfache Worte fasst, was er vertritt, das ist ein ganz neuer Wind, der da aus dem Vatikan weht. Ein „franziskanischer Wind“ eben.

Das Wort „Gott“ fällt im Film erstaunlich spät. Eine bewusste Entscheidung?
(lacht) Es fällt öfter, als Sie in Erinnerung haben, auch durchaus zu Anfang. Aber der Papst macht ja auch ständig deutlich, wie sehr ihm allgemeine menschliche ­Dinge Sorge machen, dass unser Verhältnis zu ­unserem gemeinsamen Haus, Mutter Erde, aus dem Ruder läuft, oder die Tatsache, dass immer mehr Menschen ins Abseits geschoben werden. Das treibt ihn so sehr um, dass er gar nicht so viel von Gott reden muss, aber trotzdem verständlich macht, was ihn dazu bringt, sich zu diesen sozialen Fragen zu ­äußern. Hinter allem spürt man sein enorm großes Grundvertrauen und eine unglaublich positive Einstellung, dass wir Menschen zu Veränderung fähig sind.

Kommen wir zur Gretchen-Frage: Wie halten Sie es selbst mit der Religion?
Ich bin ein gläubiger Mensch, katholisch aufgewachsen und später konvertiert, also Protestant geworden. Heute bin ein ökumenischer Christ und finde die Unterschiede eher befruchtend. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Menschen an der Basis viel weiter sind mit der Ökumene als die ­Kirchen selbst.

Die Institution Kirche ist kein allzu großes Thema in Ihrem Film. Warum blenden Sie den Apparat hinter dem Papst derart aus?
Das wäre ein ganz anderer Film. Einer über den Konflikt zwischen einem Erneuerer und dem Apparat, den er bewegen muss. Das ­hätte man auch machen können, aber ­dafür bräuchte es einen anderen Filme­macher. Ich mache Filme über Dinge und Menschen, die ich liebe und schätze. Ob das nun ­Musik aus Havanna ist oder die Choreografien von Pina Bausch. Ich bin kein großer „Kritiker“, kein investigativer Reporter, eher einer, der seine Liebe und seine Begeisterung mit anderen Menschen teilen will.

Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes

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