INTERVIEW

»Wie erreichen wir eine bessere Welt?«

Die Grips-Theaterschauspielerin Nina Reithmeier über ihr Engagement für Flüchtlinge und ihre deutsch-ugandische Performance „Ankommen is WLAN“

Interview: Regine Bruckmann

Die 1981 in Kempten geborene Schauspielerin Nina Reithmeier gehört zum Ensemble des Grips-Theater und engagiert sich privat ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe – Foto: Felix Rachor

Nina Reithmeier, was hat Sie zu Ihrem Engagement für Flüchtlinge bewogen?
Das politische Weltgeschehen und die Nachrichten waren 2015, als so viele Menschen nach Europa kamen, auf einmal vor der Haustür. Die Menschen zogen in die Turnhalle ein, wo mein Kind sonst Kinderturnen gemacht hat. Man konnte nicht weggucken. Ich war gerade in Elternzeit mit meiner kleinen Tochter zuhause. Also habe ich sie mir umgeschnallt und gedacht: Dann mache ich das eben mit ihr. Wann, wenn nicht jetzt!

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
In den ersten Monaten war die Situation am Versorgungsamt Lageso beschämend. Täglich kamen hunderte, tausende Menschen an. Sie hatten nichts zu essen, keine Schlafmöglichkeiten. Der Verein „Moabit hilft“ hat eine Struktur geschaffen, um mithilfe von Spenden Kleidung, Nahrung und medizinische Versorgung zu organisieren. Das war ein Ausnahme­zustand. Es war klar, wir mussten etwas tun, und zwar schnell und unbürokratisch.

Unter welchen Bedingungen kann man in einem anderen Land ankommen?
Du musst vor allem auch ankommen dürfen! Das geht nicht, wenn du nicht arbeiten darfst und dazu verdonnert bist, fünf ­Jahre in einem Heim zu sitzen. Es gibt nichts Schlimmeres für einen Geflüchteten, der Deutsch lernen und ankommen will, sich gleichzeitig die ganze Zeit fragen zu müssen: Wann muss ich zurück?

Auch in der Premiere „Ankommen is WLAN“ fragen Sie jetzt nach dem Ankommen. Was bedeutet der Titel?
Jugendliche wissen immer sofort, was gemeint ist. Sie sagen: „Ich bleib nicht auf dem Campingplatz, hier gibt’s kein WLAN.“ WLAN ist Ankommen, eigentlich müsste man es so rum sagen. Man ist heute so vernetzt auf der Welt, und wenn du kein WLAN hast, bist du auch von dieser Vernetzung ausgeschlossen, von Informationen, ­Recherche und Kontakt zur Familie.

Sie sind mit dem Team nach Uganda gefahren und haben dort in Schulen in der Hauptstadt Kampala und in einem Flüchtlingscamp im Norden des Landes Workshops gemacht und recherchiert. Was haben Sie dort erlebt?
Letztlich haben wir die universellen Geschichten entdeckt: Jeder will gesehen werden, will ankommen bei sich, gesund sein, als Mensch etwas wert sein und auch ein gutes Leben führen. Das zu erreichen, ist schwer in einem Flüchtlingscamp. Nicht in jeder Schule gibt es Bücher, Hefte und ­Stifte. Die Jugendlichen dort träumen trotzdem davon Ärztinnen, Architektinnen oder Anwältinnen zu werden, um für mehr Gesundheit zu sorgen, bessere Häuser zu bauen und die Politik zu verändern.

Nina Reithmeier und Rapper Matondo Castlo bei einer Werkstattaufführung von „Ankommen is WLAN“ – Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Wie erarbeiten Sie sich das Stück?
Theresa Henning, die Regisseurin, arbeitet viel mit dem Körper. Sie schreibt eine Textvorlage, die Theaterpädagogin und Dramaturgin Ellen Uhrhan schaut mit drauf. Sie hat zwei Jahre in Uganda gelebt und viele Kontakte mit Menschen vor Ort hergestellt. Wir haben improvisiert und auch eigene Texte geschrieben. Zu den Songs des Berliner Rappers Matondo kommt die Musik von Michael Brandt und Öz Kaveller. Robert Ssempijja ist Tänzer oder, wie er sagt, ein ‚Physical Thinker’. Moses Mukalazi ist Beatboxer und Tänzer.

Robert Ssempijja und Moses Mukalazi sind die ugandischen Künstler im Team?
Ja. Wir machen eine Performance mit Musik und Tanz, auf Englisch und Deutsch. Es wird total verrückt und wild, es wird Spaß machen und auch berühren. Es geht dabei nicht nur um die Situation von Geflüchteten. Wir haben jetzt einen universelleren Blick als zu Beginn der Proben und fragen: Wie können wir ankommen in einer besseren Welt, wo wir uns mit Liebe, Respekt und Toleranz begegnen? 

11.9., 18 Uhr, 12.9., 11 Uhr, 13.9., 10 Uhr, 14.9. 16 Uhr, Grips Podewil, Klosterstr. 68, Mitte. Regie: Theresa Henning; mit Nina Reithmeier, Matondo Castlo, Moses Mukalazi, u.a., Eintritt 16, erm. 9 €, ab 12 Jahre