INTERVIEW

»Jetzt müssen wir auf die Straße gehen«

Thomas Ostermeier über die Neue Rechte, gespaltene Linke und seine Premiere von Ödön von Horváths „Italienische Nacht“ an der Schaubühne

Thomas Ostermeier, 50, Intendant und internationaler Regiestar – Foto: Brigitte Lacombe / DRS GmbH

Thomas Ostermeier inszeniert Ödön von Horváths „Italienische Nacht“, einen bitterbösen Politschwank aus dem Jahre 1931 über die aufsteigende Rechte und die zerstrittene Linke. In einigen Szenen wirkt das Stück wie eine unmittelbare Reaktion auf die Ausschreitungen in Chemnitz. Im ZITTY-Gespräch äußert sich der Schaubühnen-Intendant zu Parallelen und Unterschieden von damals und heute und zur Rolle, die Kunst spielen kann.

Herr Ostermeier, die „Italienische Nacht“ war schon für das Frühjahr geplant, musste dann aber verschoben werden. Ist das gut, weil das Stück nun noch besser zu den aktuellen politischen Entwicklungen passt oder warf die politische Realität die künstlerischen Konzeptionen durcheinander?
Es ist schade, dass wir wegen der längeren Erkrankung eines Schauspielers erst jetzt mit der Produktion herauskommen. Aber unsere vielen Gastspielverpflichtungen ließen die Endproben erst im November zu. Wenn wir das am 1. März herausgebracht hätten …

… dann wäre die Inszenierung zum Zeitpunkt der rechten Ausschreitungen in Chemnitz schon draußen gewesen und hätte wie ein hellsichtiger Kommentar gewirkt, oder?
Na gut, man darf nicht vergessen, es gibt die rechten Aufmärsche ja schon länger. Aber wirklich verstörend fand ich die Bilder von einem Nazimarsch durch Dortmund etwa zehn Tage nach Chemnitz: Da war so eine versprengte Truppe von etwa 50 Leuten. Die Bilder und auch die Sprüche waren original das, was wir zuvor auf den Proben gemacht haben. Jetzt sieht es so aus, als würden wir etwas nachstellen wollen. Und das ärgert mich.

Können Sie in den Endproben nun noch etwas an den Stellschrauben drehen?
Durchaus. Es gibt ja neue Bewegungen im Land und da werde ich den einen oder anderen Dialog noch akzentuieren.

Thema ist also weniger der Aufstieg der Rechten, den Horváth so griffig beschreibt, sondern die Situation einer eher hilflosen Linken?
Das Stück erzählt von einer gespaltenen Linken, und aktuell erleben wir eine ähnliche Situation in Deutschland. Aber auch bei Pode­mos in Spanien und La France insoumise („Unbeugsames Frankreich“) von Jean-Luc Mélenchon gibt es nationalistische Töne. Ein Teil der Linken fischt am rechten Rand. Sie sagen: Wir müssen die Enttäuschten und Abgehängten nicht auf den Hauptwiderspruch zwischen Arm und Reich lenken, sondern auf den Nebenwiderspruch, dass vermeintlich zu viele Immi­granten nach Deutschland und Europa kommen. Das hat sich auch durch die Absage von Sahra Wagenknecht an die große #unteilbar-Demonstration in Berlin verschärft. Und darauf muss man reagieren.

Was erwarten Sie nun von Ihrem Publikum hier an der Schaubühne, das ja ein relativ bunt gemischtes ist, sozial wie politisch?
Wenn man dem Theater überhaupt so etwas wie Aufklärung zutrauen möchte, dann will ich davon erzählen, was es historisch schon einmal gab, ohne zu sagen, es ist heute genauso. Und dann sagt man sich vielleicht: Jetzt müssen wir tatsächlich auf die Straße und können nicht so weiter machen wie bisher. Wir müssen den Leuten entgegentreten, als ganz, ganz viele.

SPD-Ortsgruppe einer Kleinstadt beim Skat während sich draußen Nazis zusammenrotten: Produktionsfoto zu „Italienische Nacht“ – Foto: Arno Declair

Beim Lesen von Horváths Stück kann man oft zustimmend nicken: Ja, so haben die Rechten damals die Straße erobert und dann die Macht. Da gibt es manche Parallele zu heute. Es bleibt aber ein recht ohnmächtiges Nicken. Was kann man mit Horváth noch für heute sagen, was wir nicht wissen und nicht wissend abnicken können?
Ich glaube, es gibt einen Punkt, und den konnte Horváth damals noch nicht wissen, über den müssen wir uns aber klar werden: Es gab bis vor 20, 30 Jahren in unserer Konsensgesellschaft das Phänomen, dass der mit den Verhältnissen unzufriedene junge Mensch vor allem in links konnotierte Subkulturen ging, um den Bürger zu skandalisieren. Heute kann aber niemand mehr mit einem Iro oder einer nietenbesetzten Lederjacke provozieren. Für viele junge Leute gibt es noch immer diese Sehnsucht, den Bürger zu skandalisieren. Und das funktioniert heute oft über rechte Subkulturen. Mir ist das bei der Recherche über die Rechtsrock-Szene aufgefallen. Diese Szene ist ja eigentlich total „undeutsch“, wenn man mit „deutsch“ die vermeintlich klassischen Tugenden wie ordentlich, sauber und anständig meint. Die sind dreckig, unanständig und grölen herum.

Aber sie inszenieren sich als widerständig, und das hat dann Sex-Appeal in Teilen der Gesellschaft. Und jetzt auch bei Ihnen auf der Bühne?
Sex-Appeal ist zu viel gesagt. Aber da mitzulaufen, dabei zu sein, wenn der Bürger am Gartenzaun erschreckt guckt, das kann ­einem offenbar ein gutes Gefühl geben, wenn man sich entrechtet, ausgebeutet und bevormundet fühlt. Und dass man sich in diesem Land entrechtet und veralbert vorkommen kann, das ist spätestens seit der Agenda 2010 oder den Bankenrettungen nach der Finanzkrise 2008 gut zu verstehen. Das Problem ist: Auf diesem Gebiet macht eine linke Protestkultur derzeit keine Angebote.

Musikalisch kommt deshalb jetzt also Nazipunk auf der Bühne. Covern Sie da bekanntere Gruppen?
Es ist eine Eigenentwicklung. Der Text ­wurde von Laurenz Laufenberg, der die ­Rolle des Faschisten spielt, selbst geschrieben. Und er ist erschreckenderweise sehr glaubwürdig.

AfDler hatten, weitgehend erfolglos, gegen Falk Richters Schaubühne-Stück „Fear“ geklagt, das mehrere Protagonistinnen der rechtspopulistischen Bewegung beim Namen nennt. Wie gespannt sind Sie jetzt auf Reaktionen von dieser Seite?
Da bin ich überhaupt nicht gespannt drauf. Und es würde mich auch freuen, wenn uns das erspart bliebe. Das war unschön bei „Fear“, aber wir haben keine Angst.

Ist „Italienische Nacht“ eigentlich noch mehr als Rechts gegen Links sowie interner linker Zwist? Sehen Sie da auch eine poetische Komponente?
In dem Stück stecken auch andere Themen Horváths, die man auch in „Kasimir und Karoline“, „Glaube, Liebe, Hoffnung“ und „Wienerwald“ findet. Es erzählt von Provinz, von Männern, auf die kein Verlass ist, und von Frauen, die sich gern auf ­diese Männer verlassen würden. Wenn es das Thema der Liebe in dem Stück nicht auch gäbe, hätte ich es nicht inszenieren wollen. (Interview: Tom Mustroph)

23.11. (Premiere), 24., 26.+27.11, 20 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Regie: Thomas Ostermeier; mit Bernd Hölscher, Sebastian Schwarz, Christoph Gawenda, Veronika Bachfischer, Alina Stiegler, Marie Burchard, David Ruland u.a., Eintritt 7–48, erm. 9 €