Interview

Chris Dercon: »Berlin ist die Volksbühne«

Der neue Volksbühne-Intendant Chris Dercon über Berliner Ängste, die Schwierigkeiten beim Aufbau eines Ensembles und seine Pläne und Visionen fürs Haus
Herr Dercon, wie haben Sie …
Ich muss erzählen, was mir eben passiert ist. Das illustriert ganz hübsch, mit was ich hier alles konfrontiert werde. Ich gehe über den Rosa-Luxemburg-Platz, da spricht mich eine Dame an: „Sind Sie nicht der neue Investor, der die Volksbühne gekauft hat?“ (lacht) Nachdem ich das freundlich verneinte, sagte sie: „Aber Sie haben doch entschieden, dass das Rad auf dem Platz weg soll!“

Im Spiegel der Volksbühne: Chris Dercon – Foto: F. Anthea Schaap

Tatsächlich haben Sie sich aus dieser Entscheidung völlig rausgehalten.
Ich habe mich inzwischen entschlossen, so etwas nur noch komisch zu finden. Heute morgen etwa, das ist auch lustig, kommt ein Kollege von Ihnen und fragt mich: „Herr Dercon, wo ist die Besetzung von heute?“ Am Vortag gab es eine symbolische Platzbesetzung mit Kindern. Und nun fragt der Journalist ausgerechnet mich, ob und wo es heute eine Besetzung gibt. So sind meine Tage derzeit. Das ist doch komisch, oder?

Aber Sie haben doch auch …
… einen Namen als Investor?

Ich wollte eigentlich Stehvermögen sagen. Soviel Prügel lange im Vorfeld einzustecken, ohne entnervt hinzuwerfen, spricht schon für eine gewisse Beharrlichkeit.
Das gehört zum Theater. Und bislang wurden wir vor allem für das kritisiert, was wir angeblich machen würden. Das hat uns die Vorbereitung sehr schwer gemacht. Aber jetzt können wir endlich anfangen zu arbeiten, das macht mich sehr froh. Endlich nicht nur reden und planen sondern nun auch sehen und erleben können, wie jemand wie Boris Charmatz in Tempelhof loslegt.

Der französische Choreograf wird Ihre erste Spielzeit am 10. September mit einem Tanz­projekt auf dem Tempelhofer Feld eröffnen.
Ja, auf dem riesigen Flugvorfeld, ein Museum des Tanzes unter freiem Himmel und bei freiem Eintritt. Mit Stars wie Anne Teresa De Keersmaeker bis zu Hip-Hop Kids der Flying Steps Academy. Boris Charmatz lädt die Berliner Tanzszene und alle Berlinerinnen und Berliner ein, mitzutanzen.

Bleiben wir zunächst noch auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Haben Sie sich den Abtransport des berühmten OST-Schriftzugs und des Rades angesehen?
Nein, aber ich fand interessant, dass man für solche Outdoor-Aktionen in Berlin anscheinend auch kurzfristig eine Genehmigung bekommt. Ich kenne aus anderen Städten, das man zum Beispiel nichts machen darf, wodurch ein vorbeifahrender Autofahrer abgelenkt werden könnte. Eine der vielen Genehmigungen, die man einholen muss. Aber jetzt weiß ich, dass die Bürokratie in Berlin anders ist und man für Outdoor-Aktionen relativ schnell und flexible Genehmigungen bekommen kann. Gut zu wissen.

Das „OST“ auf dem Dach war gewissermaßen ein programmatisches Wahrzeichen für die Intendanz Castorf. Was für ein Schriftzug könnte denn als Credo Ihrer Intendanz auf der Volksbühne stehen?
Ich glaube, da wir ja mit nichts beginnen …

Das Wort „Nichts“ würden Sie aufs Dach setzen?
Das wäre auch gut, das werden wir überlegen (lacht). Nein, ich will zunächst alles Dekorative entfernen, die Fahnen, die Prospekte, alles, so dass man das Haus in seiner Substanz sieht. Wir haben viele historische Fotos gefunden, wo es tatsächlich noch nichts als das pure Gebäude gab und das ist wirklich eine kräftige Substanz. Wir werden die Fassade als Projektionsfläche nutzen. So werden wir ab dem 31. Januar 40 Nächte lang das Projekt „Waffenruhe“, das der Fotograf Michael Schmidt gemeinsam mit Einar Schleef erarbeitet hatte, als ein riesiges Outdoor-Cinema projizieren. Das ist eine Fotoserie, die er 1987 in der Berlinischen Galerie, damals noch im Gropiusbau, ausstellte, und die das damalige Lebensgefühl in Berlin kurz vor dem Fall der Mauer einfängt.

Tanz, Installationen, „Outdoor-Cinema“ – das illustriert deutlich, dass Sie den Begriff sehr viel weiter fassen als was man gemeinhin unter Sprechtheater versteht.
Ja, zentral in unserem Programm, das ich mit Marietta Piekenbrock entwickele, ist die Neugier auf das Fremde, auf das Experiment, auf neue Verbindungen und künstlerische Begegnungen jenseits des klassischen Literatur- und Sprechtheaters. Es gibt unglaublich viel sehr gutes Sprechtheater in Berlin, vom kleinen Gorki bis zur Schaubühne. Die Volksbühne war immer mehr als nur ein Sprechtheater, sie war ein Anarchotheater und sie war immer ein Mehrspartenhaus. Wir möchten das noch etwas weiter drehen, das Haus für Kulturen des Digitalen öffnen und den Tanz stärken. Dabei sollen Stücke, Stoffe und Themen des 20. und 21. Jahrhunderts im Fokus stehen.

Das lässt manche jedoch Schlimmes befürchten, nämlich das die Volksbühne – entgegen ihrem Auftrag – als Ensemble- und Repertoiretheater von Ihnen aufgegeben werde. Eine kürzlich gestartete Online-Petition fordert die Berliner Politik auf, die Zukunft der Berliner Volksbühne neu zu verhandeln.
Diese Befürchtung ist grundlos. Ich hatte bereits Ende Juni im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses erklärt, dass die Produktionen unseres Eröffnungsprogramms – egal ob Eigen- oder Koproduktion – alle wieder im Repertoire auftauchen werden. Und auch das zur Beruhigung der Sprech­theaterfans: Bei aller Interdisziplinarität bleibt Text weiterhin ein wichtiges dramaturgisches Material, etwa bei unserer Hausregisseurin Susanne Kennedy, die Text und Textcollagen benutzt, wie man bei der Uraufführung ihres neuen Stückes „Women in Trouble“ am 30. November erleben wird …

… bei der laut Besetzungsliste Thomas Wodianka, ein Star des Gorki-Theater-­Ensembles, mitspielen wird.
Dass er als Gast zu uns kommt, freut uns sehr. Eines der schönsten Beispiele von Text-Text-Theater ist natürlich Beckett, weil es eine Pionierarbeit war, Schauspieler wie Skulpturen zu inszenieren, Stücke, wo geradezu der Mund ausläuft, nur gesprochen wird, aber minimalistisch hochgradig verdichtet. Auch „Iphigenie” von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada, eine heutige Überschreibung der Euripides-Tragödie mit syrischen Flüchtlingsfrauen, ab Ende September im Hangar 5 in Tempelhof, ist ein Beispiel für Sprechtheater in der neuen Volksbühne.

Das Herzstück jedes Stadttheaters ist jedoch das Ensemble. Schauspieler wie Lars Eidinger an der Schaubühne oder Ulrich Matthes am DT sind die Gesichter des jeweiligen Hauses. Dem neuen BE unter Oliver Reese werden Corinna Kirchhoff und Constanze Becker angehören. Bei Ihnen weiß man immer noch nicht, wer – außer den drei unkündbaren Übernahmen aus dem alten Volksbühnen-Ensemble – dazugehören wird. Warum?
Wir bauen schrittweise das Ensemble neu auf, übrigens durchaus nach dem Vorbild der Volksbühnen-Praxis der letzten Jahre als eine Mischung aus festen und freien Künstlerinnen und Künstlern, übrigens nicht nur mit Schauspielern sondern auch mit Tänzern und anderen. Der Aufbau war bislang aber sehr schwierig, weil uns die Diskus­sion und das ständige Infragestellen unserer Intendanz sehr zurückgeworfen hat, zuletzt auch durch die neue kulturpolitische Konstellation mit Herrn Lederer.

Der neue Kultursenator hatte Möglichkeiten geprüft, Sie wieder aus dem Vertrag zu entlassen.
Viele Schauspieler und Künstler, die wir angefragt hatten, wollten sich nicht auf diese unsichere Situation einlassen und erst einmal abwarten. Aber wir sind jetzt mit verschiedenen Leuten im Gespräch und werden unser Ensemble nun langsam aufbauen.

Können Sie verraten, wen Sie zum Beispiel ins Ensemble holen wollen?
Nein, wir fangen jetzt an mit unseren Künstlern zu arbeiten und werden das Ensemble über die gemeinsame Arbeit in den nächsten Jahren konstituieren.

Die Volksbühne war unter Castorf immer mehr als ein Theater, sie war auch ein Referenzraum und faszinierte Leute, die sich sonst kaum für Theater interessieren. Was tun Sie damit das Haus weiter sexy bleibt?
Ich glaube an die Attraktivität unseres Programms und unserer Vision eines Mehrspartenhauses. Aber es stimmt, überall wo ich gearbeitet habe, von Rotterdam über München bis London, hat man immer fasziniert über die Volksbühne gesprochen. Egal ob das Maler, Fotografen, Bildhauer waren oder Kulturtheoretiker, stets gab es die Referenz: Berlin ist die Volksbühne. Das gilt auch für mich. So habe ich vor zwei Jahren an der Tate Modern eine Retrospektive zu Christoph Schlingensief gemacht. Als dann das Angebot vom damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner kam, in Berlin nicht an irgendein Theater sondern an die Volksbühne zu gehen, habe ich keinen Moment gezögert.

Bereuen Sie Ihre schnelle Entscheidung nachdem Sie die heftigen Reaktionen und Anfeindungen nun erlebt haben?
Nein, aber wir haben natürlich die Kräfte unterschätzt. Ich habe nicht gedacht, dass es so viele Besetzungen vor und hinter der Volksbühne geben würde oder dass ich plötzlich als „Investor“ angesehen werde, das ist ganz neu für mich. Auch dass manche Kritiker geradezu kampagnenartig gegen uns anschreiben, schon bevor sie unsere Pläne und Visionen für die Volksbühne kannten, hat uns in dieser Vehemenz überrascht.

Wenn man Sie nun mit einem Investor verwechselt, wird diffus etwas vermischt, was in der Umgebung allgemein passiert und Ängste auslöst, Stichwort Gentrifizierung – und nun also auch die Volksbühne, programmatisch die Flagge des alten Ost-Berlins und der Gegenkultur.
Ich verstehe das, aber wir müssen aus diesem Spannungsfeld Ost-West weg, es ist eigentlich schon längst weg, spielte doch auch bei Castorf keine wirkliche Rolle mehr. Das Zeichen OST auf dem Dach gehörte für mich zu diesem städtischen Raum, zum Rosa-Luxemburg-Platz. Bert Neumann war ja nicht nur ein Bühnenbildner, er war ein Skulpteur und ein unglaublicher Künstler, er hat ja auch ausgestellt in Wien – und er war ein Stadtarchitekt. So wie es früher in der DDR die Fotografin Sibylle Bergemann gab, die dazu beigetragen hat, ein anderes Bild der DDR zu zeigen, so hat Bert Neumann mit seiner spielerischen „Ostalgie“ auch zu einer Neuinterpretation dieses Lebensgefühls beigetragen.

Wer wird denn Ihr „Bert Neumann“?
Ich habe eine wunderbare Ausstattungsleiterin, die auch mit Neumann gearbeitet hatte, das ist Anne Christine Müller. Aber wir arbeiten natürlich mit vielen unterschiedlichen Bühnenbildnern. Ein zweiter Bert Neumann ist schwer zu finden. Wir wollen als Team und mit allen Gewerken der Volksbühne nachhaltig arbeiten und gemeinsam neue Regieformen und ein neues Repertoire in der Tradition der Volksbühne entwickeln. Ich komme ja vom Museum, da sind Sammlung und Repertoire das wichtigste. Der Unterschied zwischen Museum und Theater ist, wenn ich eine Ausstellung gemacht habe, wie jetzt gerade mit Wolfgang Tillmanns, dann kann die Tate Modern das die nächsten drei bis fünf Jahre nicht erneut machen. Im Theater ist es völlig normal, dass die Sachen immer wieder gezeigt werden.

Verstehen wir vielleicht Verschiedenes unter Repertoiretheater? Anders als kurzzeitige Wiederaufnahmen älterer Stücke, wie sie etwa das HAU als Produk­tionshaus macht, verstehen wir unter Repertoiretheater, dass Inszenierungen abwechselnd mit anderen Stücken regelmäßig aufgeführt werden.
Das haben wir auch vor, aber das müssen wir langsam aufbauen, das wird in der ersten Spielzeit noch nicht so greifen, aber als Perspektive ist das eindeutig unser Ziel. Und noch viel wichtiger ist, dass unsere Künstler sich fest ans Haus binden, und jedes Jahr ein oder zwei Produktionen hier erarbeiten. Auch das ist Repertoire.

Auftakt in Tempelhof: Boris Charmatz zeigt ein zehnstündiges Tanzprojekt für Profis und Laien – Foto: Nyima Leray

Glauben Sie wirklich, dass ein 800-Plätze-­Haus regelmäßig mit Tanztheater gefüllt werden kann?
Ja, ich kenne Vergleiche aus Paris und Brüssel, wo das möglich ist. Und ich weiß, dass sich Berlin inzwischen zu einer starken Tanzstadt entwickelt hat, hier leben und arbeiten 3- bis 4.000 Tänzer …

Die allerdings fast alle in kleinen Solo- und Duo-Formaten arbeiten.
Ja, aber wenn man regelmäßig größere Formate anbietet – und man sieht das am Erfolg der Pina-Bausch-Ausstellung im Gropiusbau oder auch den Zuspruch, den Sasha Waltz gerade mit ihrer aktuellen „Kreatur“-Arbeit hat – dann gibt es ein großes Publikum für modernen Tanz, das wollen wir mit einer sehr starken Tanzpräsenz weiterentwickeln. Und Boris Charmatz wird in seine Inszenierung im September die Freie Tanzszene von Berlin und auch Gruppen wie das Türkische Tanzensemble miteinbeziehen. Ich denke, wir sind auch verpflichtet, dem Berliner Publikum so ein Angebot zu machen.

Ihr Angebot ist also: Wir sind ganz breit aufgestellt, wir bieten Sprechtheater, Tanz, Film, Installation und auch die Mischformen aus allem – für jeden etwas?

Nein, das klingt nach beliebigem Gemischtwarenladen, das Gegenteil ist der Fall. Wir wollen mit Künstlerinnen und Künstlern zusammenarbeiten, die neue Formen für das Spiel auf der Bühne suchen, die sich frei fühlen von Konventionen und die sich hier an der Volksbühne auch füreinander interessieren, neue Beziehungsgeflechte herstellen. Die Regisseure, Schauspieler, Musiker, Bühnenbildner und Choreografen sollen hier nachhaltig, also mit einer Perspektive arbeiten können. Den Anfang als „Hausregisseure“ machen Boris Charmatz, Susanne Kennedy und Mette Ingvartsen. Freuen Sie sich auf weitere spannende Verabredungen.

Eröffnung der Volksbühne Berlin am 10.9., 12 Uhr, Tempelhofer Flugvorfeld.
Erste Premiere am Rosa-Luxemburg-Platz am 10.11. mit einem Spektakel-Wochenende mit Einaktern von Samuel Beckett und Arbeiten von Tino Sehgal
www.volksbuehne1718.berlin, ab 24.8.: www.volksbuehne-berlin.de