Hautnahe Spiele

Intime Theaterformate

Intime Theaterformate für wenige Zuschauer liegen im Trend. Derzeit spielen Berliner Produktionen in privaten Wohnzimmern und – im Taxi

Text: Georg Kasch

Intimität ist relativ. Auch im Theater: Im großen Saal des Deutschen Theaters kann man ebenso größte Nähe empfinden wie in der kleinen Off-Bühne, wo man viel näher dran sitzt am Geschehen. Wenn Ulrich Matthes oder die Gorki-Schauspieler in „Common Ground“ weinen, dann zoomt uns dieser extreme Gefühlsausdruck ganz nah an sie heran, ganz gleich, in welcher Reihe man sitzt.

Es gibt aber auch Theaterformate, für die Intimität zur Grundkonstruktion gehört, die einem wortwörtlich auf die Pelle rücken, bei dem Zuschauer den Schauspielern oder Performern, aber auch einander extrem nahekommen und zum Mitspieler werden.

So schickte die Performance-Gruppe SIGNA in ihrer Volksbühnen-Koproduktion „Club Inferno“ das Publikum auf einen erotischen Höllenparkour, grapschen und fummeln inklusive. Ähnlich „MEAT“ an der Schaubühne, wo SIGNAs Bühnenbildner Thomas Bo Nielson eine Parallelwelt aus Shoppingmall und Stripbar baute – wieder mit großer körperlicher Nähe zwischen Akteuren und Besuchern. Und in Jeremy Wades „Together Forever“ am HAU landeten die Gäste zunächst vor einem riesigen Spiegel und später dicht gedrängt an langen Festtafeln.

Kürzlich schickte das Posttheater in „I in Wonderland“ im Theaterdiscounter jeweils sechsköpfige Zuschauergrüppchen auf einen intimen multimedialen Parcours. Und gerade nimmt die Gruppe Prinzip Gonzo ihr „Spiel des Lebens“ wieder auf, wo man in vier Stunden das Leben einer fiktiven Figur im Schnelldurchlauf absolviert – auch eine Ferieninsel gibt es da, wo man sich eine Massage abholen kann.

Wer hat Vertrauen in die Demokratie?

Jetzt gibt es zwei weitere Berliner Produktionen, in denen die Zuschauer zu Ko-Akteuren werden und dicht zusammenrücken. Das Performance-Kollektiv Rimini Protokoll setzt in „Hausbesuch Europa“ auf eine besondere Intimität: Jede Vorstellung findet in einer anderen Privatwohnung statt. Dort versammeln sich der jeweilige Wohnungsinhaber und 14 Gäste um einen­ ­großen Tisch, auf dem eine Europakarten-Tischdecke gebreitet ist.

Darauf macht eine kleine Maschine die Runde, mit sich selbst erklärender Handlungsanweisung, Relevanzkraftwerk und Stimmungskanone (mit lustigen Jingles und staatstragenden Hymnen). Auf einem kleinen Papierstreifen spuckt sie immer neue Aufgaben, Handlungsanweisungen und manchmal auch längere Texte aus. Oft per Handzeichen, mal über Anekdoten erfährt man Antworten auf Fragen wie: Wer gehört einer Partei, wer einem Verein an? Wer hat Vertrauen in die Demokratie? Wer hat schon einmal in Bezug auf die eigene Nationalität gelogen?

Bald hat man das Gefühl, einander ganz gut zu kennen. Dazwischen streut die Maschine Daten und Fakten zur Europäischen Union – die aber im Erzählrausch der privaten Geschichten und Bekenntnisse etwas untergehen.

Das große Finale naht im fünften Level. Da nämlich wird die Runde in kleine Teams aufgespalten, die jetzt gegeneinander ­antreten. Es geht wortwörtlich um das größte Stück vom Kuchen, der während der Spieldauer im Backofen aufging. Wer zu offensichtlich die Ellenbogen ausfährt, kommt ebenso wenig ans Ziel wie Zauderer. Hier dämmert es einem allmählich, was das alles mit der EU und ihren Verhandlungen zu tun hat. Aber der Spaß in der Runde steht doch eindeutig im Vordergrund.

Schicksale auf der Fahrt durch Kreuzberg

Ganz anders rückt das Publikum in „Hell­elfenbein“ von Regisseurin Jessica Glause und Autorin Olivia Wenzel zusammen. Der Titel beschreibt die Farbe der Taxis, in die man gleich zu Beginn steigt. Während man sich durch Kreuzberg kutschieren lässt, erzählen die Fahrer aus ihrem Leben. ­Abdullah zum Beispiel zählt die stattliche Liste seiner Jobs auf, die er seit seiner Ankunft in Deutschland hatte: Barmann, Buchhändler, Komparsenvermittler, Pfleger und Bürokaufmann. Oder Maki, dessen abgeschlossenes Studium der Theaterwissenschaft hier nur als Grundstudium anerkannt wurde. Für einen deutschen Abschluss hätte er noch zwei Jahre studieren müssen. Aber dazu fehlte ihm das Geld.

Alle Taxi-Fahrer sind Migranten mit einem akademischen Abschluss und einer eindringlichen Lebensgeschichte. Glause und Wenzel haben sich viel einfallen lassen zwischen Autoballett, Autoscooter, Hörspiel und Lehrstunde auf einem Parkdeck.

Immer wieder wechseln die Autos und Stationen. Aber am meisten beeindrucken doch die Geschichten ihrer Protagonisten, mit denen man für kurze Zeit so eng zusammensitzt und von ihren Fahrkünsten abhängt. Und die Monologe von Schauspielerin Jessica Maria Garbe, in denen sich die Problematik all der hochgebildeten Migranten emotional verdichtet, die in Deutschland nie als Akademiker ankommen durften. Nach diesen 90 Minuten jedenfalls wird man nie wieder in ein Berliner Taxi steigen, ohne sich zu fragen, welche Geschichte sein Fahrer zu erzählen hat.

„Hausbesuch Europa“, neue Berliner Termine voraussichtl. im Herbst (übers HAU). www.rimini-protokoll.de
„Hellelfenbein“, 28.-30.5., 2.-4.6., Theater Aufbau Kreuzberg. Karten nur online über www.tak-berlin.de

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