Kunst

Isa Genzken blickt zurück

Nofreteteb mit Sonnenbrille: Isa Genzken zeigt sich in ihrer Werkschau „Mach dich hübsch“ auch sehr verspielt

Ausschnitte aus Schwulenpornos, Briefe, private Schnappschüsse, Comics, Starschnitte und Architekturaufnahmen treffen in dem Künstlerbuch „Mach dich hübsch“ aufeinander. Es erschien im Jahr 2000. Zu Isa Genzkens gleichnamiger Ausstellung, die soeben im Amsterdamer Stedelijk-Museum zu sehen war und nun in den Berliner Martin-Gropius-Bau kommt, ist es jetzt als Faksimile herausgekommen. Die auf- und übereinandergeklebten Bilder ergeben ein visuelles Tagebuch Genzkens sowie eine Hommage an Berlin.
Hübsch gemacht haben sich in der bislang größten Retrospektive der 67-jährigen Künstlerin indes eine Reihe Nofreteten. Die Skulpturen von 2014 sind Kopien aus Gips, jedoch ein wenig zu kräftig eingefärbt und mit Sonnenbrillen auf den Nasen. Es ist ein Spiel ums Betrachten und Betrachtetwerden und ein spöttischer Kommentar zu Kitsch und Kult um das Abbild der ägyptischen ­Königin im Neuen Museum.

Isa Genzken 2015. (c): Isa Genzken

 

Ohren weiblicher Passanten
Provokativ und kompromisslos war Isa Genzken immer. Auf kein Medium oder Sujet lässt sie sich festnageln. Chamäleonartig erfindet sie eine eigene Handschrift für jede ihrer Arbeiten. Die Rückschau macht das umso spannender. Da sind etwa die am Computer berechneten Ellipsoiden und Hyper­bolos aus Holz (ab 1975). Bezeichnend für ihren speziellen Blick auf den menschlichen Körper sind ihre fotografischen Porträts von Ohren weiblicher Passanten (ab 1980) oder ihre Röntgenselbstporträts beim Rauchen oder Trinken (ab 1991). Typisch sind ihre Weltempfänger (ab 1987), die aus Beton gegossenen Radi­os, oder ihre fotografierten, später bemalten Flugzeugfenster (ab 1992/2003). Sie porträtiert Städte, etwa im Collagenbuch „I Love New York, Crazy City“ (1996), und stellt Skulpturen in den öffentlichen Raum.
Mit jeder Skulptur müsse man formulieren können, dass sie ein Ready-made sein könnte, sagte Genzken 2003 in einem Gespräch mit dem Fotografen Wolfgang Tillmans: „Sie muss einen gewissen Realitätsbezug haben. Also nicht irgendwas Versponnenes oder gar Ausgedachtes, so daneben und höflich.“ In der Kunst gehe es darum, etwas darzustellen, was einen innerlich bewege. Für Isa Genzken, die mehrfach an der Docu­menta teilnahm und 2007 den deutschen Pavillon der Venedig-Biennale bespielte, ist das die Welt in ihrer Komplexität mit Themen wie Stadtplanung, aber auch Identität oder Körperlichkeit.

Eine Ausstellung als Collage
Seit den 90er-Jahren schafft sie dazu bevorzugt Assemblagen aus alltäglichem Material. Die Kuratorin Laura Hoptman schreibt im Katalog zu Genzken Einzelschau im MoMA New York 2013 : „Es hat ihre Kunst für eine ganze Genera­tion relevant gemacht, für die die Gegenüberstellung von Dingen der paradigmatische Prozess ist, Informationen zu erlangen, sich kreativ auszudrücken und letztlich Bedeutung in einer Welt zu finden, die gefüllt ist und gemacht von einer unzählbaren Menge an Bildern und Objekten.“ „Mach dich hübsch“ will dem folgen, auch kuratorisch. Die Ausstellung hangelt sich nicht chronologisch voran, sondern wird selbst zur Collage. Was könnte besser passen?

 

9.4.–26.6.: Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 11/erm. 7 €