Was mich beschäftigt

Ist mein Sohn ein Opfer?

Kennen sie Lego-Nexo-Knights- bzw. Lego-Ninjago-Sammelkarten, liebe Leser? Falls nein, haben Sie vermutlich keinen Sohn im Grundschulalter oder aber er gehört zu der seltenen Gattung von Jungs, die diese Karten nicht kennen oder nicht mögen. Diese Karten sind jedenfalls der größte denkbare Schatz, den man sich als 7-Jähriger vorstellen kann. Neben dem Lego-Star-Wars-Todesstern vielleicht. Diese Karten werden den Eltern jedenfalls aus den Rippen geleiert, gehegt, gehütet und auch getauscht, was seit jeher der Sinn von Sammelkarten ist. Den Panini-Aufklebern nicht unähnlich.

Mittwochs ist an unserer Schule Spielzeugtag, dann nimmt der Spross die Sammelordner mit den Karten mit. Zum Angucken, Zeigen und Tauschen. Schon einmal kam er mit weniger Karten nach Hause. Da haben scheinbar gewitztere Klassenkameraden das bessere Geschäft gemacht. Wir führten sofort ein Grundsatzgespräch, bei dem wir dem Kind die fundamentalen Regeln der Tauschwirtschaft zu erklären versuchten. Du tauschst nur doppelte Karten. Du tauschst nur eins zu eins. Es sei denn, es sind die seltenen Glitzer-Karten, dann darf auch zwei zu eins getauscht werden. So wie früher eine milchige Murmel doppelt so viel wert war wie eine Katzenauge-Murmel.

Der elterliche Rat hat wohl wenig geholfen, vergangenen Mittwoch kam er erneut mit weniger Karten zurück. Die Jungs wollte wohl einige „geschenkt“ bekommen. Die Einzelheiten bleiben allerdings im Verborgenen, da aus Sohnemann keine weiteren Informationen herauszubringen waren. Er wurde erst einsilbig und dann wütend. Wir redeten uns in Rage, dass es ja wohl so nicht ginge und er sich nicht übers Ohr hauen lassen darf und überhaupt, wir würden ja nicht die Karten kaufen, damit dann andere Kinder sie bekommen.

Ein sinnloses Unterfangen, außer, dass es Streit und Frust gab, weiter kamen wir nicht und blieben mit einem diffus unguten Gefühl zurück. Und vielen offenen Fragen. Ist unser Kind ein Opfer oder ist das nur Kleinkram auf dem Schulhof? Wird er zur Kartenabgabe genötigt oder ist er herzensgut und schenkt eben gern? Erkauft er sich so die Sympathie der anderen Kinder? Müssen wir das besonders ernst nehmen, weil wenn wir es nicht tun, er sich sein Leben lang nicht durchsetzen wird und immer den Kürzeren zieht? Machen wir aus einer Mücke einen Elefanten?

 In dieser Rubrik  stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen.  Dieses Mal: Redakteur  Jacek SlaskiFoto: Harry Schnittger
In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: Redakteur Jacek Slaski
Foto: Harry Schnittger

In der Kindheit entwickeln sich doch die psychologischen Muster, die uns als Erwachsene prägen und Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen sind Eigenschaften, ohne die man es zwangsläufig schwer haben wird. Egal ob im Beruf, in der Freundschaft oder der Beziehung. Man will ja nicht gleich zu den Eltern der anderen Kinder rennen und sich beschweren oder den Kinderpsychologen aufsuchen, aber irgendetwas müssen wir tun. Vermutlich gibt es zu dem Thema tausende Foreneinträgen und kluge Ratgeber im Buchhandel. Aber irgendetwas sagt mir, da nicht reinzuschauen. So wie man nicht gleich jedes gesundheitliche Wehwehchen googeln sollte, weil man dann sehr schnell erfährt, dass es sehr, sehr ernst um einen steht und man nicht mehr lang zu leben hat. Das brauche ich eigentlich nicht. Ich habe erst einmal ein Gespräch mit der Erzieherin erbeten.