Porträt

Volles Risiko: Ivan Vrgoč

Der Schauspieler und Produzent Ivan Vrgoč bringt das Stück der Stunde auf die Bühne: „Geächtet“ von Ayad Akhtar um Identität, Assimilation und Islamangst

Text: Friedhelm Teicke

Larry Moss muss ein großartiger Motivator sein. Der kalifornische Schauspiel-Coach ist einer der großen Methodiker, der in Hollywood Stars wie Leonardo DiCaprio, Hilary Swank und Helen Hunt unterrichtet. Und dessen Workshops auch deutsche Schauspieler anscheinend mit neuem Elan und Tatendrang verlassen: Film- und Fernsehstars wie Maria Furtwängler („Tatort“) oder Andreas Schmidt („Sommer vorm Balkon“) wagen sich nach Jahren wieder auf die Bühne, und einige gründen sogar ihre eigene Produktionsfirma, um selbstbestimmt Theater zu spielen.

So ist 2012 die Theaterproduktionsfirma Santinis Production GmbH entstanden, ein Zusammenschluss von Schauspielerinnen und Schauspielern um bekannte Namen wie Leslie Malton und Felix von Manteuffel. Angeführt wird die Gruppe von Ivan Vrgoč, offensichtlich ein Schauspieler mit außergewöhnlichem Mut zum Risiko. Denn den braucht es wohl, wenn man ohne Subventionen, mit von Freunden und Kollegen zusammengeborgten Geldern Stücke stemmen will.

Macht sein eigenes Ding: Ivan Vrgoč - Foto: Stefan Klüter
Macht sein eigenes Ding: Ivan Vrgoč – Foto: Stefan Klüter

„Natürlich kann man es größenwahnsinnig nennen, dass ich mir das alles aufbürde. Aber mein Motor ist der Glaube an diese Produktion und an die Santinis“, sagt der 1977 als Kind kroatischer Gast­arbeiter in Frankfurt am Main geborene Selfmade-Produzent. ­Man ­möchte anspruchsvolle Gegenwarts­stücke mit Tiefgang auf die Bühne bringen, Well-­Made-Plays, die es im deutschen Regie­theater eher schwer haben.

Drei Produktionen hat Santinis bereits vorgelegt, meist am extra angemieteten Theater am Kurfürstendamm, und dank guter Vernetzung mit zugkräftigen Namen in den Hauptrollen wie Maria Furtwängler („Gerüchte, Gerüchte“, 2013) oder ­Annette Frier, Friederike Kempter und Ursula Karusseit („Eine Familie“, 2015).  Für die neue Produktion „Geächtet“ sollte diese Zugkraft Cosma Shiva Hagen übernehmen, doch die stieg Anfang Januar plötzlich aus. Kurz darauf musste auch noch der Regisseur ausgetauscht werden. Drei ­Wochen vor der Premiere!

Doch dafür, dass ihm gerade einiges auseinanderfällt, wirkt Ivan Vrgoč beim Gespräch in einer Probenpause erstaunlich unaufgeregt. „Ich habe einen großen Fehler gemacht“, gesteht er ehrlich. „Generell versuche ich, meinem Instinkt zu vertrauen. Nur habe ich leider die Zweifel, die ich schon zu Beginn der Proben hatte, erstmal verdrängt, weil ich an den Regisseur glauben wollte. Damit sind wir aber in eine Situation gedriftet, in der schließlich nur noch die Trennung möglich war. Das Stück ist so vielschichtig, dass man psychologisch ungeheuer präzise arbeiten muss, um es zu durchdringen.“

Vrgoč hat nun selbst notgedrungen die ­Regie übernommen. „Ich beschäftige mich ja seit einem Jahr mit dem Stück. Ich weiß, warum ich es produziere, warum wir die Schauspieler für die Figu­ren ausgesucht haben, was wir damit erzählen wollen. Und jetzt versuchen wir eben alles, um zum bestmöglichen künstlerischen Ergebnis zu kommen.“

Das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Broadwaystück „Geächtet“ von Ayad Akh­tar ist sowas wie das Stück der Stunde. So pointiert wie provozierend kreist es um Fragen der politischen Korrektheit, kulturelle und religiöse Identität, verdeckten Rassismus und selbstverleugnende Assimilation. Aktuell wie nichts angesichts von Flüchtlingskrise, Willkommenskultur und Pegida. „Gibt es irgendjemanden in Europa, der keinen Flüchtling in seiner Ahnenreihe hat?“, fragt Vrgoč. „Auch das hat mit dem Stück zu tun: dass wir einander nach Herkünften kategorisieren, von denen wir nur stereotype Bilder im Kopf haben, statt möglichst unbefangen zu schauen: wer und wie ist jemand?“

Er hat da seine eigenen Erfahrungen: „Meine Eltern kamen in den 70ern als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland. Wenn wir in den Sommerferien sechs Wochen nach Kroatien fuhren, war ich dort der Deutsche. In Deutschland dagegen galt ich als Ausländer. Dieses Zwischen-den-Stühlen-Gefühl kennt wohl jedes Kind von Migranten, das hier aufgewachsen ist.“

Auch die Filmwelt denkt in Stereotypen. „Ich bin kürzlich zum ersten Mal als Deutscher besetzt worden. Wegen meiner kroatischen Herkunft war ich zuvor entweder der Jugo-Betrugo, oder der Mafioso aus Osteuropa oder Italien. Da wird die volle Einfallslosigkeit dieses Schubladendenkens sichtbar.“ Rund ums postmigrantische Theater sei „ein ziemlicher Hype entstanden“, sagt er. „Der hat zwar einige Schubladen in den Theatern und Besetzungsbüros aufgebrochen – ich frage mich nur, wie nachhaltig das ist.“

Vrgoč macht sich davon aber längst nicht mehr abhängig, sondern mit Leidenschaft und Mut zum Risiko sein eigenes Ding.

28.1. (Premiere), 29.+30.1., 2.-4.2., 20 Uhr, 31.1., 18 Uhr, Theater am Kurfürstendamm 206/209, Wilmersdorf. Regie: Ivan Vrgoč, mit Katja Sallay, Mehdi Moinzadeh, Dela Dabulamanzi, Gunther Gillian. Eintritt 28-39 €

Webside Santinis

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