Deutschlands erfolgreichste Porno-Autorin

»Ja, doch, Handlung gönne ich mir«

Sophie Andresky ist Deutschlands erfolgreichste Porno-Autorin. Und Feministin. Deshalb mag sie auch Handlung in Pornos

Ich muss dieses Interview ausnahmsweise damit beginnen, dass ich von mir erzähle: Vor acht Jahren wollte ich Sie anlässlich Ihres Romans „Vögelfrei“, bei dem ich nicht nur den Titel urkomisch fand, schon einmal interviewen. Aber dann wurde das Buch mir in der Redaktion geklaut und ich habe mich nicht getraut, den Verlag um ein weiteren Exemplar zu bitten.
Sophie Andresky (lacht) Das war damals auf der Buchmesse auch das meist geklaute Buch am Stand des Verlages.

Diese Lippen gehören nicht zu Andresky. Die mag keine Fotos. Die Leser sollen sie sich vorstellen können, wie sie wollen
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Warum wird Pornographie immer noch so verschwiemelt behandelt?
Wenn ich das wüsste, wäre ich einen Schritt weiter. Ich habe sogar den Eindruck, es wird immer schlimmer. Als ich mit „Vögelfrei“ anfing – lange vor „50 Shades Of Grey“ – war das Klima noch offener, Erotik und Pornographie wurden nicht mehr in die Schmutzecke gestellt. Natürlich gibt es ganz schlimme Pornographie, aber das gibt es bei Krimis auch. Und wenn wir ehrlich sind: Bei Lyrik ist es noch schlimmer. Man kann doch ein Buch nicht aufgrund der Gattung als gut oder schlecht bewerten.

Ist Porno nicht im Mainstream angekommen?
Es gab diese Welle im S/M-Sektor, die ich auch gruselig fand. Da ging es um Kleinmädchenphantasien, von dem tollen Mann, mit unbegrenztem Budget, einer Frau zeigt, wie sie im Innersten ist. Das ist doch vom Frauenbild her unglaublich reaktionär!

Warum bezeichnen Sie sich als eine feministische Pornoautorin?
Aber hallo, weil ich genau das bin! Ich habe kein Interesse an dem, was gemeinhin unter Erotik läuft: „Er nahm sie in seine starken Armen und sie erbebte“, das ist nicht Meines.

Ich fand „Vögelfrei“ sehr witzig und auch Ihr neues Buch, „Hotel d’Amour“ hat ausgesprochen komische Szenen. Wie kommen Sie zu der Verknüpfung von Sex und Humor?
Ich finde, dass mit Humor das meiste im Leben besser läuft. Wenn man mal aus Versehen – nicht als Spiel! – beim Sex in den Spiegel guckt, das ist nicht schön. Das sind Momente, in denen man sich fragt: Sieht der Partner das auch so?

Ihre Pornos sind ja doch mehr als eine Aneinanderreihung von Sexszenen. Braucht ein Porno ’ne Handlung?
Ja, doch, Handlung gönne ich mir. Schon mal um mich selbst bei der Stange zu halten. Ich wechsele ja auch gerne das Genre. „Fuck Your Friends“ war romantic porn, „Darkroom“ war ein Thriller. Ich würde ja sehr gerne mal einen Science-Fiction-Porno schreiben, aber ich fürchte, da tickt der Verlag aus.

Gibt es doch: P.J. Farmer hat sexuell sehr explizierte Bücher geschrieben und dann die Spock-Kirk-Pornos mit schwulem Hintergrund … es gibt ja nichts, was es nicht gibt, aber ganz schräg stelle ich mir Fantasy-Porno vor.
Ich sollte mal einen schreiben, da stand dann ganz groß im Vertrag: kein Dino-Sex. Ich konnte mir da gar nichts drunter vorstellen und habe recherchiert: Es gibt Pornos, in denen es Neandertaler mit Dinos treiben. Es gibt aber auch Big-Foot-Sex und das aller unappetitlichste Still-Pornos mit Big Foot. Da fragt man sich schon, wie groß ist die Zielgruppe?

In „Hotel d’Amour“ gibt es zwei Parallelhandlungen, eine in der Gegenwart, die andere im Berlin der 20er Jahre, bei der Anita Berber eine wichtige Rolle spielt. Haben Sie dafür viel recherchiert?
Ja! Anita Berber kannte ich als studierte Kunsthistorikerin, ihre Biografie, die Anekdoten über sie, das berühmte rote Gemälde. Und dann faszinieren mich die 20er schon lange. Wenn es eine Ausstellung dazu gab, habe ich sie mir angeschaut, Bücher über die Zeit gelesen. Grundbasiswissen war also da und den Rest habe ich recherchiert. Ich habe Stunden damit verbracht, die Liedtexte zu suchen. Gelobt sei das Internet! Berber wollte ja das, was sie gemacht hat, immer als Kunst verstanden wissen, aber die Leute haben ihr immer nur auf die Nippel geguckt. Ist nicht so viel anders als heute: Ich gebe mir so viel Mühe mit der Handlung und die Leser blättern nur zu den Sexszenen vor.

Sehen Sie Parallelen zwischen 20er Jahren und heute?
Leider nein. Es wird eben nicht freizügiger und offener. Ich glaube, dass die Frauen damals emanzipierter waren und ihr Ding durchzogen. Aber die waren während des 1. Weltkriegs eben auch jahrelang für ihr eigenes Leben verantwortlich. Heute gibt es viel mehr Unsicherheit: Soll ich mich an das halten, was Männer wollen? Oder was Hardcorefeministinnen fordern? Wir führen immer noch die gleichen Diskussionen, wie vor 15 Jahren.

Gerade ist der Friedhof, auf dem Berber lag, zu einem Park mit ihrem Namen umgewidmet worden …
… aber es ist doch sehr traurig, dass man sie nicht mehr würdigt. Das ist das Schicksal von vielen großartigen Frauen: Sie machen in ihrer Zeit etwas Tolles und werden danach totgeschwiegen oder mit einem Etikett – in dem Fall „Nachttänzerin“ – versehen und dann vergisst man sie.

Wo wir gerade beim Tod sind: Sie schreiben auch für den „Playboy“ und vor zwei Wochen ist Hugh Hefner gestorben. Trauern Sie mit?
Ich habe Hugh Hefner als Person ein bisschen verfolgt, aber der Lebensstil war mir sehr fremd. Ein Mann, der den ganzen Tag im Bademantel rumläuft – die Erotik hat sich mir nie erschlossen. Auch wie es zu den Bunnies kam, habe ich nie kapiert. Aber tatsächlich lese ich den „Playboy“ sehr gerne … wegen der Artikel.

Ja, nee, schon klar. Und wegen der Interviews. Sie sind mit Ihrer Arbeit – Bücher, Kolumnen, Netzaktivität – sehr in der Öffentlichkeit, trotzdem achten Sie sehr auf Anonymität. Warum gibt es von Ihnen eigentlich keine Fotos?
Aus zwei Gründen: Ich will mich und mein Privatleben schützen. Mich zieht nichts in die Öffentlichkeit. Es sitzen schon genügend Leute in den Talk-Shows, da muss ich nicht auch noch hin …

Aber würden Sie damit nicht mehr Bücher verkaufen?
Auf jeden Fall. Und mein Verlag würde das sehr begrüßen. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Ich möchte nicht beim Brötchen holen gefragt werden, was mein aktueller Lieblingsvibrator ist. Und das Zweite ist: ich möchte meine Leser schützen. Ich weiß ja: Die lesen meine Bücher nicht nur, wahrscheinlich masturbieren sie dazu. Und da sollen die sich eine Figur vorstellen, die sie persönlich scharf finden, egal ob es nun eine blonde Schwedin ist, eine kleine Asiatin oder eine dicke Rothaarige ist. Da soll jeder machen, was er will. Wenn man einen Porno guckt und dabei seine Cousine entdeckt, ist das ja auch höchstens zoologisch interessant, richtig sexy wird’s dann nicht mehr.

Und warum das Pseudonym?
Weil ich in den Grafen Andrássy aus den „Sissi“-Filmen sehr verliebt war. Das war der Mann meiner Träume, aber ich konnte seinen Namen nicht schreiben.

Aber war Karlheinz Böhm als König nicht viel schneidiger?
Oh, ich habe ein Faible für schwierige Männer, ich mag sie tragikumwölkt. Ich möchte mich an einem Mann abarbeiten. Partylöwen oder Surfboys sind nicht so mein Metier. Und der Prinz hatte diese unerträgliche Mutter. Die bekommt man als Frau ja immer mit.

Haben Sie über das Netz viel Kontakt zu Ihren Lesern?
Ja, mir schreiben viele. Manche schicken auch Bilder. An der Stelle muss ich sagen: Bilder von erigierten Penissen sind keine geeignete Kontaktaufnahme! Aber es freut mich sehr, wenn Paare schreiben, das sie angefangen haben, sich die Bücher vorzulesen, dass sie über Sex reden können, Begriffe finden und einsehen, dass sie im Bett nicht immer die Megaperformance hinlegen müssen. Ich finde den Leistungsdruck, den speziell Frauenzeitschriften da aufbauen, unerträglich! Frauen müssen die megadurchtrainierten Sexgöttinen mit der perfekten Blasetechnik sein …

… und beim Blasen kommen …
… genau, am besten nur beim Angucken. Frauen dürfen nicht eine Zellelitedelle haben. Und die Männer müssen immer wollen, immer können, dreimal hintereinander. Das ist doch furchtbar! Wenn man meine Bücher liest, bekommt man mit: Man kann ruhig einen kleinen Busen oder ein paar Pfund auf den Hüften haben. Wenn man nett miteinander umgeht – ich finde immer: Wer ficken will, soll freundlich sein – kann man machen, was man möchte ohne sich zu entschuldigen und den Leistungsdruck draußen lassen.

Hotel d’Amour
von Sophie Andresky Heyne, München 2017 288 Seiten, 14 Euro

Haben Sie mehr weibliche oder mehr männliche Leser?
Das weiß ich nicht. Es schreiben mehr Männer, aber die sind eben auch mehr im Internet.

Henry Miller und Anäis Nin haben beide Pornos für denselben Sammler geschrieben. Trotzdem unterscheidet die Literaturkritik zwischen männlicher und weiblicher Pornographie. Gibt es diesen Unterschied wirklich?
Da ich kein Mann bin, weiß ich das nicht. Meine Perspektive ist die einer Frau. Aber ein Leser hat mir mal geschrieben, das merkt man nur daran, das immerzu Käsekuchen gegessen wird. Und es viele Wärmflaschen gibt.

Diese etwas verstörende Vorliebe hat auch meine Frau.
Ja, aber es ist wissenschaftlich erwiesen: Wer warme Füße hat, kommt schneller.

Zum Schluss die Frage aller Fragen: Was haben Ihre Bücher mit Ihrem richtigen Leben zu tun?
Manches. Aber wenn ich so viel vögeln würde wie in meinen Bücher, käme ich nicht mehr zum Schreiben. Ich muss ja auch manchmal die Wäsche machen und die Katze füttern. Aber man fragt doch auch keinen Krimiautoren, ob er nachts mit einem Beil um die Häuser zieht. Wer mich und meine Lebensumstände besser kennt, der wird allerdings Sachen wiedererkennen.

 

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