KINDERMUSIKTHEATER

Jagd durch Berlin

„Emil und die Detektive“ ermitteln im Atze-Musiktheater. Warum ist Kästners Stoff aus vordigitalen Zeiten weiterhin so beliebt?

Parole Emil: Kinderbande fängt Taschendieb – Foto: Jörg Metzner
Parole Emil: Kinderbande fängt Taschendieb – Foto: Jörg Metzner

Text: Regine Bruckmann

Vor einigen Jahren hatte Frank Castorf  bereits Erich Kästners „Emil und die Detektive“ auf die Volksbühne gebracht, das Grips Theater feiert mit „Pünktchen und Anton“ gute Erfolge und das Kindermusiktheater Atze bringt nach dem „Doppelten Lottchen“ nun mit dem Kinderkrimi „Emil und die Detektive“ schon die zweite Kästner-Produktion heraus. Warum ist Kästner nach über 80 Jahren noch so beliebt?

„Das ist eine ganz einfache, klar erzählte Geschichte“, meint Atze-Chef Thomas Sutter, der Regie führt und den Stoff für die Bühne bearbeitet hat. „Das ist ihre Stärke. Nicht nur für Kinder –  auch ich als Erwachsener möchte eine gradlinige Geschichte erzählt bekommen, die ich nachvollziehen kann.“

Kästner hat das Genre „realistische Kindererzählung“ so gut wie erfunden. Er war der Erste, der moderne Alltagsgeschichten aus der Perspektive von Kindern erzählt hat. „Er hat’s einfach auf den Punkt gebracht,“ so Thomas Sutter. „In den siebziger, achtziger Jahren sind auch ganz konkrete Geschichten entstanden, die sehr Kästner-ähnlich waren. Heute suchen Autoren wieder nach anderen Erzählformen für Kinder, was auch in Ordnung ist. Aber warum stehen dabei so häufig skurrile Kinder im Mittelpunkt, die irgendwelche Besonderheiten haben? Kästner erzählt von ganz normalen Kindern, die sich langweilen im Sommer und einfach ein Abenteuer suchen.““

Das Buch kam 1929 heraus und machte aus dem Journalisten und Dichter einen erfolgreichen Kinderbuchautor. Schon 1931 wurde es verfilmt. Das gelb getönte Buchcover von Walter Trier mit der Litfaßsäule an der Straßenecke steht bis heute exemplarisch für das moderne Berlin. In der Geschichte kommt Emil (bei Atze gespielt von Ilja Pletner) allein in die große Stadt Berlin, sein Geld wird ihm im Zug gestohlen. Er lernt eine Gruppe von Kindern kennen, die ihm helfen, den Dieb zu fassen.

Thomas Sutter hat den Klassiker der Kinderliteratur behutsam modernisiert und  zum Beispiel aus der ursprünglichen Jungentruppe eine gemischte Gruppe mit Mädchen gemacht. Handys sind allerdings tabu: „Ich habe mich bemüht, die Geschichte so zeitlos wie möglich zu halten. Mit Smartphones die Jagd aufzunehmen, das funktioniert nicht, so wie Kästner es erzählt hat.“

Die wichtigste neue Zutat zum klassischen Stoff ist aber die Musik. „Vieles, was sonst gesprochen würde, wird bei uns gesungen. Gesang und Sprache sollen gleichberechtigt sein. Liedstrukturen lösen sich auf und die Musik wird dramaturgisch eingesetzt.“ Unter der Leitung der preisgekrönten Komponistin Sinem Altan und mit mehreren Musikern live auf der Bühne entstehen komplexe Klangwelten. Regisseur und Autor Sutter ist überzeugt, dass diese Art des theatralen Erzählens auch für Kinder spannend ist: „Man hat viel mehr Spielmöglichkeiten, das Ganze wird abwechslungsreicher. Außerdem kann man mit der Musik Gefühle besser und stärker darstellen.“

Thomas Sutter ist mit seiner Stoffwahl zufrieden. Erich Kästner passt einfach perfekt zum Atze, weil er sich an Kinder UND Erwachsene wendet: „Erwachsene können lernen, dass sie Kinder ernst nehmen und hören sollten, was die zu sagen haben. Und Kindern erzählt es: Wenn man sich zusammentut und gemeinsam an einer Sache arbeitet, dann kann man sehr viel erreichen.“ Eine Botschaft, die sich auch Erwachsene hinter die Ohren schreiben könnten.

8.1., 17 Uhr (Premiere), 10.–12.1., 10.30 Uhr, 14.1., 16 Uhr, Atze Musiktheater, Luxemburger Str. 20, Wedding. Regie: Thomas Sutter; mit Ilja Pletner, Nina Lorck-Schierling. Eintritt 8–10 €

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