Tragikomödie

Jahrhundertfrauen

Regisseur Mike Mills verknüpft diverse Frauen mit einem Erziehungsauftrag und bildet ein großes Panorama verschiedener Lebensentwürfe

ZITTY-Bewertung: 5/6

Im Jahr 1979 ist Dorothea Fields 55 ­Jahre alt. Ihren Sohn hat sie erst mit 40 bekommen und fühlt sich der Aufgabe, den für Punk und New Wave entflammten ­Jamie als allein­erziehende Mutter durch die ­Pubertät zu begleiten, nicht gewachsen. Sie ­bittet zwei deutlich jüngere Frauen um Hilfe: die 24-jährige Mitbewohnerin ­Abbie ­(Greta Gerwig), die sich hier in Santa ­Monica, ­Kalifornien, von einer Krebsdiagnose erholt, und die 17-jährige Julie (Elle Fanning), die seit Kindertagen mit Jamie vertraut ist. Als sich die zunächst skeptischen jungen Frauen schließlich mit Verve der neuen Aufgabe widmen, wird die Lage eher noch komplizierter. Denn Jamie ist scharf auf Julie, die in ihm nur den sicheren Hafen des besten Freundes sieht – und die radikalfeministische Lektüre, die Abbie ihm zu lesen gibt, hilft auch nicht weiter.

Jahrhundertfrauen
Foto: Splendid

Beruhte „Beginners“ (2010), die bislang letzte Regiearbeit von Mike Mills, auf der Lebensgeschichte seines Vaters, der mit 75 Jahren noch sein schwules Coming-Out wagte, so ist „Jahrhundertfrauen“ nun die fiktionalisierte Hommage an die Frauen, die den Regisseur aufzogen: seine Mutter und – in der Figur der Abbie aufgehend – seine ältere Schwester. Mills’ Stärke als Regisseur liegt dabei sowohl in der Führung seiner großartigen Schauspielerinnen und Schauspieler als auch in der kompetenten Verankerung sehr wahrhaftiger Figuren in zeit­geschichtlichen Zusammenhängen, Moden und Stilen. Dabei geht es nicht ­allein um Nostalgie, denn in Mills’ Filmen sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichberechtigt: Wissen, woher man kommt, um im Heute zu wissen, wohin man geht. So bietet „Jahrhundertfrauen“ ein breit gefächertes, stimmiges Panorama verschiedener Lebensentwürfe des vergangenen Jahrhunderts.

Das vielleicht wichtigste Thema des Films ist die Diskrepanz zwischen Eigen- und ­Außenwahrnehmung. „Ich dachte, bei uns sei alles okay“, kommentiert Jamie die von der Mutter angeleierte, ihm absurd erscheinende neue Erziehungs­konstellation. Dafür würde er sich eine ­größere Nähe zur ­Mutter wünschen, die bei emotionalen ­Fragen schnell dichtmacht – sei es aufgrund ihres Charakters, sei es als Ergebnis der ­Erziehung aus ­einer längst ­vergangenen Ära. So ­spiegeln sich die ­Figuren in den ­jeweils anderen ­Charakteren. 

„20th Century Women“, USA 2016, 119 Min., R. Mike Mills, D: Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig, Lucas Jade Zumann, Billy Crudup

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