CTM 2016

Jan Rohlf und Rabih Beaini, die Kuratoren des CTM-Festivals

„Musik ist ein Seismograph für globale Entwicklungen“
Wie kann Musik Antworten auf Fragen der Zeit finden? Ein Gespräch mit Jan Rohlf und Rabih Beaini, den Kuratoren des CTM-Festivals
Interview: THORSTEN GLOTZMANN

Senyawa – Metal für WeltbürgerFoto: Anthony Tran
Senyawa – Metal für Weltbürger
Foto: Anthony Tran

„Neue Geografien“ – so heißt das Motto der 17. Auflage des Festivals für elektronische und experimentelle Musik. Wie würden Sie die Welt von heute beschreiben? 

Jan Rohlf: Es ist eine globalisierte Welt, in der sich Grenzen auflösen, in der aber auch die Konflikte wachsen. Überall um uns herum erstarken rechte, nationalistische Bewegungen, die die Flüchtlingskrise ausnutzen, um Grenzen wieder einzufordern. Dem wollen wir einen gewissen Optimismus entgegensetzen. Musik ist eine Art Seismograph dessen, was gerade in der Welt passiert und was noch im Werden ist. Wir als Musiker und Festivalmacher erleben, dass die Musik immer hybrider wird, dass sie ihre Einflüsse aus vielen unterschiedlichen Quellen bezieht.

Jan Rohlf (40) ist CTM-MitbegründerFoto: Götz Holborn

Jan Rohlf (40) ist CTM-Mitbegründer
Foto: Götz Holborn

Passend dazu heißt die Ausstellung, die während des Festivals im Kunstraum Kreuzberg zu sehen ist, „Seismographic Sounds“. Welche Antworten finden Künstler und Musiker auf die eben beschriebene Welt? 

JR: Eine Antwort ist die Arbeit des mexikanischen Künstlers Pedro Reyes. Er verwandelt konfiszierte Waffen aus dem mexikanischen Drogenkrieg in etwas, das gut für die Menschheit ist: in Musikinstrumente. Einen anderen Aspekt zeigt etwa Alina Fillipova…

… eine russische Dokumentarfilmerin … 

…die aus einer Region stammt, in deren Dörfer kaum noch junge Menschen leben, sie sind alle nach Moskau oder in andere Städte ausgewandert. Geblieben sind die alten Menschen, die noch von der Sowjetunion geprägt sind. Im Sommer kommen die jungen Leute zurück, um Zeit mit ihren Großeltern zu verbringen, und bringen ganz andere, modernere Lebensvorstellungen mit. Da kommt es zum Konflikt. Die Filmemacherin Alina Filippova hat diese Prozesse dokumentiert, die russische Band Love Cult hat den Soundtrack dazu produziert.

Herr Beaini, die Performance, die Sie für den Eröffnungsabend konzipiert haben, macht ebenfalls einen Konflikt zum Thema: Acht Musiker werden in zwei Gruppen aufgeteilt und stehen einander gegenüber wie Konfliktparteien. Was passiert dann? 

Rabih Beaini: Die beiden Gruppen spielen zugleich. Die Signale, die von den Musikern ausgehen, werden an mein Schaltpult geschickt. Und ich transformiere sie. Die Musiker selbst hören nicht, was ich mit ihren Tönen mache. Sie werden zu einem blinden Element in diesem Prozess.

JR: Die Performance ist fast wie eine Analogie zum Internet. Da sind viele voneinander unabhängige Stimmen, Rabih verbindet sie – aus einer gewissen Machtposition heraus.

RB: Ja, das zeigt auch die negativen Seiten dieser Art der Kommunikation. Die Musiker geben etwas von sich an die Technologie ab und verlieren die Kontrolle darüber.

Rabih Beaini (39) ist gebürtiger LibaneseFoto: Promo
Rabih Beaini (39) ist gebürtiger Libanese
Foto: Promo

Herr Rohlf, Rabih Beaini war als DJ und Produzent schon künstlerisch am Festival beteiligt, in diesem Jahr wirkte er erstmals als Co-Kurator mit. Wie konnte er sich einbringen?

JR: Rabih war von Beginn an eine starke Stimme, mit seinen Ideen und seinem Netzwerk. Er hat Künstler eingebracht, die wir vorher nicht kannten, wie etwa Abdel Karim Shaar …

…ein Tarab-Sänger aus Beirut.

RB: Tarab ist ein Genre, das im Nahen Osten sehr geschätzt wird, und Abdel Karim Shaar ein Idol. Mit ihm wollen wir Menschen aus dem Nahen Osten neugierig machen, die in Berlin leben, aber noch nie vom CTM gehört haben. Die Idee einer emotionalen Transformation, die dem Tarab zugrunde liegt, spiegelt sich in vielem, was experimentelle Musiker auch hierzulande versuchen.

Was wird die 17. CTM-Ausgabe von vorherigen unterscheiden?

JR: Das Festival ist in diesem Jahr noch vielfältiger – mit Künstlern, die nicht nur aus den bekannten Zentren der elektronischen Musik kommen, sondern aus dem Libanon, aus Singapur, China, Südafrika, Äthiopien, Mexiko. Sie sind weiblich, männlich, transgender oder sogar virtuell wie das japanische Popidol Hatsune Miku. Und: Es wird noch mehr Originalwerke geben, die nur für das Festival entwickelt wurden.

CTM – Festival for Adventurous Music and Art, 29.1. bis 7.2., diverse Locations. Konzerte, Clubnächte, Ausstellungen, Workshops, Filme und Künstlergespräche, www.ctm-festival.de

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