Jana Daedelow und der Traum vom eigenen Restaurant

Die Cevicheria in Kreuzberg

Viele hegen den Traum vom eigenen Restaurant. Der Weg dahin ist aber bisweilen schwierig. Jana Daedelow hat ihn bewältigt – und in Kreuzberg ein südamerikanisches Fischlokal eröffnet

Momente der Erleichertung: Der Name wird angebracht

Als dann der Rollladen heraufgezogen wird wie der Vorhang eines Theaters und draußen auf der Dresdener Straße und drinnen in der Cevicheria die Freunde klatschen und lachen, atmet Jana Daedelow auf. Geschafft: Endlich ist die Cevicheria eröffnet. Viele träumen diesen Traum vom eigenen, kleinen Restaurant. Jana Daedelow aber hat ihn wahr gemacht, gegen alle Widrigkeiten. Der Weg dahin beginnt mehr als zehn Jahre früher in Buenos Aires: Daedelow sucht in Argentinien das Weite, die Fremde, und verliebt sich in die südamerikanische Lebensart, in die kleinen Lokale, die es in Bueons Aires an jeder Straßenecke gibt und in dieses fantastisch frische Fischgericht, das ursprünglich aus Peru stammt: Ceviche. Im Grunde handelt sich dabei um rohen, kleingeschnittenen Fisch, der in Limettensaft mit roter Zwiebel, Chili, Koriander und Knoblauch mariniert wird. „Als ich das zum ersten Mal gegessen habe, war das wie eine Erleuchtung: Ceviche ist sehr frisch und zitronig. Man bekommt sofort einen Energieschub, es ist fast aphrodisierend,“ erzählt Daedelow. In den kommenden dreizehn Jahren kehrt sie immer wieder zurück, zwei Jahre lebt sie in Buenos Aires, arbeitet dort für Filmproduktionen und ein argentinisches Filmfestival. Und wundert sich in Berlin immer mehr, dass es nirgends dieses wunderbare Fischgericht gibt, das nicht nur sie, sondern auch viele ihrer Freunde und überhaupt viele Menschen, die einmal in Argentinien waren, liebgewonnen haben. Man müsste in Berlin ein Ceviche-Restaurant eröffnen, denkt Daedelow, klein und gemütlich, wie in Südamerika. Aber da in Deutschland kaum jemand Ceviche kennt, bleibt es erst einmal bei der Idee. Als dann Anfang des Jahres ein Pop-Up-Ceviche-Restaurant in Mitte eröffnete und der Tagesspiegel die peruanische Fischspeise zum nächsten großen Ding kürt, scheinen Daedelow die Umstände passend: „Plötzlich gab es in Berlin ein Bewusstsein für Ceviche.“ Dazu kommt, dass Daedelow sich nach mehr Ruhe, mehr Alltag und zunehmend auch nach besserem Essen sehnt – alles Dinge, die die Arbeit beim Film kaum möglich macht. „Beim Film ist man immer auf dem Sprung. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine stabile Basis wollte. Und ich fing auch an, mich für gesunde Ernährung zu interessieren. Ich fand das Ceviche-Restaurant einen guten Anfang, selbst besser zu essen und einen familären Ort zum gemeinsamen Essen zu schaffen.“ Gemeinsam mit dem Filmproduzenten Peter Rommel, für den sie in Argentinien gearbeitet hatte, entwickelt Daedelow die Idee, in Kreuzberg eine Cevicheria zu eröffnen. Aus der Liebe zu Ceviche und dem Wunsch, das Essen mehr Menschen näherzubringen, wird eine Geschäftsidee: „Ich habe mich eingelesen, was das bedeutet, ein Restaurant aufzumachen, was man machen kann, wie man so etwas kalkuliert. Konnte ich das, was ich mir vorstelle, finanzieren, konnte ich mich dauerhaft darauf einlassen? Ich wollte auf keinen Fall nach einem halben Jahr sagen: Jetzt habe ich keine Lust mehr.“ Doch schon die Suche nach geeigneten Räumen stellt sich als schwierig heraus.„Ich wollte mit dem Restaurant gerne nach Kreuzberg“, erzählt Daedelow. „Aber das ist wirklich eine Wildwestsituation. Es gibt einen regelrechten Kampf um die Läden.“

Per Zufall entdeckte sie das kleine Lokal in der Dresdener Straße, unweit ihrer Wohnung. Die Größe gemütlich, aber nicht zu klein. Die Lage in der Sackgasse unweit des Kottbusser Tors zentral, aber doch ruhig. Schließlich wollte sie klein anfangen, mit klarem Konzept und kleinem Konto, nicht gleich einen riesigen Laden übernehmen. Daedelow und Rommel hatten Glück: Der Vormieter, der seinen Laden schließen wollte, empfahl sie als Nachmieter. Dann aber machte sich das Glück rar, dafür meldete sich immer häufiger die Bürokratie zu Wort. „Ich bin nicht naiv“, wird Daedelow am Abend der Eröffnung sagen, „aber dass das so anstrengend werden würde, das hätte ich nicht gedacht. Das hatte bisweilen echt was vom ‚Hauptmann von Köpenick‘.“ Dazu kommt, dass es sich als schwieriger als erhofft erweist, die Cevicheria so einzurichten, wie Jana Daedelow es sich vorgestellt hatte: Die für die Wand benötigten weißen Fließen stellen sich statt als Baumarkt-Standardmodell als Spezialfliesen aus Spanien heraus, die in Berlin ausverkauft sind und schließlich umständlich über Freunde in Köln bestellt werden müssen. Bei einem Trödler findet Daedelow zwar tolle kleine Tische, die zum Restaurant passen, aber weitere Tische im gleichen Stil sind schwer aufzutreiben. Was Jana Daedelow zu Gute kommt: Dass sie viel in Cafés und Restaurants gearbeitet hat. Dass sie durch die Zeit in Buenos Aires gelernt hat, dass nicht alles nach Plan funktionieren muss und dass man manche Absprachen nicht zwangsläufig mit einem Vertrag, sondern bisweilen besser per Handschlag besiegelt. Und: ihre Erfahrung bei Filmproduktionen und Filmfestivals. „Bei meiner vorherigen Arbeit habe ich gelernt, wie man netzwerkt, recherchiert und wie man auch unkonventionelle Lösungen findet.“ Trotzdem sind die Räume in der Dresdener Straße Anfang September, wenige Wochen vor der anvisierten Eröffnung, kaum als Restaurant zu erkennen. Noch stehen keine Stühle und keine Tische in dem kleinen Ladenlokal, von der Decke hängt eine nackte Glühbirne. Nur die Wände sind schon gestrichen. Nur der von den Vorgängern – einer Salat-Bar – übernommene Tresen und die Kaffeemaschine lassen erahnen, dass hier schon bald wieder Gäste zum Essen und Trinken einkehren sollen. Dabei hatte Daedelow versucht, alles von Anfang an richtig zu machen: Nicht einfach loszulegen, sondern einen Kurs bei der Industrie- und Handelskammer zu besuchen. „Aber man braucht immer noch ein weiteres Dokument: Auszüge aus Registern, Führungszeugnis, Beglaubigungen. Man bekommt das Gefühl, dass das System einen nicht unterstützt, sondern blockiert.“ Es wird Oktober und die Eröffnung ist noch immer nicht absehbar. Nun aber macht das Bezirksamt Ärger, weil der bis dato mündlich vereinbarte Mietvertrag auf sich warten lässt. Daedelow ist gestresst. Zähe Verhandlungen stehen an, noch viel Überzeugungsarbeit ist notwendig.

Das Essen steht schon auf dem Tisch – sieht lecker aus!

Es wird November. Daedelow kommt über all die Termine und all den Stress selbst kaum noch zum Essen. Was ironisch ist, weil sie die Cevicheria ja auch eröffnen wollte, um sich gesünder zu ernähren. Derweil kommen immer neue Termine: mit der Bank, der Hausverwaltung, mit dem Designer des Logos. Jetzt hilft nur noch Gelassenheit. „Das ist jetzt halt eine Extraspitzenherausforderung für mich“, sagt Daedelow. Aber dann, nach vielen Monaten, vielen Aufgaben und vielen schlaflosen Nächten, öffneten sich die Rollläden doch. Und Jana Daedelow und Peter Rommel stehen endlich in ihrer Kreuzberger Cevicheria. Die Wände strahlen in hellem Türkisblau, auf kleinen Tischen häufen sich Blumen, während auf der Bar große Tabletts mit südamerikanischen Häppchen aufgetragen werden: klassisches Ceviche, peruanischer Kartoffelsalat, Champignon-Ceviche und Muscheln mit Tomate, Zwiebeln und Zitronensaft. Dazu gibt es Pisco Sour und spanisches Bier und eine DJane spielt Musik aus Südamerika. Es war ein langer Weg, aber Daedelow hat die Hürden soweit bezwungen. Die schwierigste Aufgabe wartet auf Daedelow aber noch: den Berlinern die Liebe zur Ceviche zu vermitteln.

Dresdener Straße 120, Kreuzberg, U Kottbusser Tor, Mo-Sa 12-22 Uhr Uhr, Tel.: 55 62 40 38, facebook.com/cevicheriaberlin

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