Festival

Jazz they can

Jazz ist nur was für Menschen aus dem letzten Jahrtausend? Humbug. Nicht nur weil auch Hip-Hop Jazz ist. Das XJazz Festival wirft Klischees in den Häcksler. Wir haben Max Andrzejewski getroffen, den neuen Berliner Jungstar des Jazz

HÜTTE and The Homegrown Organic Gospel Choir – „Starving, Anorexic“ // Music Video by Ersan Mondtag and Florian Seufert from Max Andrzejewski on Vimeo.

Er galt schon zu Studentenzeiten als einer der wichtigsten Hoffnungsträger des deutschen Jazz: Schlagzeuger und Komponist Max Andrzejewski. Dieses Jahr ist der 1986 geborene Berliner mit seinem preisgekrönten Quartett namens Hütte einer der Prota­gonisten des XJazz Festivals. Und auch das kann getrost als Hoffnungsträger einer Musik bezeichnet werden, deren Publikum sich gemäß Klischee aus mittelalten Bildungsbürgern zusammensetzt – denn XJazz holt die komplexen Klänge in die Clubs. „Für mich“, sagt Andrzejewski, „ist es einfach toll, dass Kreuzberg an diesen Tagen komplett im Zeichen von XJazz steht und dass dann alle möglichen jungen Menschen dahingehen – egal, welche Stilistik gespielt wird. Ein Superkonzept, um den Leuten zu zeigen, wie das so ist mit ,diesem Jazz‘. Dass das eben nicht dieses bärtige-Männer-allein-im-Club-Ding ist, sondern dass Jazz einfach cool sein kann.“

Andrzejewski selbst macht Free Jazz – eine Spielart, die als besonders schwer zugänglich verrufen ist –, zieht es aber vor, von Avantgarde zu sprechen. Er sagt: „Das Etikett Free Jazz ist auch wieder so etwas, das die Leute abschreckt. Wenn man es schafft, dass sie trotzdem ins Konzert kommen und sich dann diese Energie von der Bühne transportiert, sind aber oft auch jene wahnsinnig begeistert, die noch nie Free Jazz gehört haben.“

Auf seinem aktuellen Album, dessen Release der Schlagzeuger im Rahmen von XJazz feiert, herrscht statt der oftmals sperrigen freien Sounds aber ein wärmerer Klang vor, denn Andrzejewski hat mit Hütte and the Homegrown Organic Gospel Choir ein Gospel-Album aufgenommen. Wie das? Inspiriert von einer Platte des Saxophonisten Marshall Royal hatte der Musiker schon das letzte Hütte-Album mit Chor eingespielt – „ein eher experimentelles Ausloten, was mit Quartett und Sängern überhaupt funktioniert“. Ziel seines nächsten Albums sollte sein, das Chor-Konzept mit höherer stilistischer Homogenität weiterzuverfolgen. „Also hab’ ich mich gefragt, was eigentlich die stärkste musikalische Farbe auf der 2014er-Platte war. Die Antwort lieferte das Gospel-Stück, und bald war klar, dass ich damit ein ganzes Album machen will, genauer: ein Gospel-Freejazz-Album.“

Genauso schnell war auch klar, dass für die Gospels eine neue Botschaft hermusste, schließlich ist Andrzejewski „nicht sonderlich gläubig“. Die war gefunden, als die Textdichterin des Albums bemerkte, dass der Musiker ständig über Essbares sprach. „Aber ich wollte eben auch, dass es nicht beim reinen Lobpreis bleibt, sondern auch die, ich sag mal: schwierigen Seiten des Essens vorkommen.“ Und so dreht sich das Album nach dem programmatischen Auftakt „Omnivore“ neben saftig-satten Stücken wie „Butter“ auch um Komplizierteres wie Orthorexie und andere Essstörungen. „Auch, weil ich selbst viel über Essenskonzepte nachdenke. In unserer heutigen Welt sind die für viele etwas, woran sie sich festhalten wie an einer Ersatzreligion. Ihre Gedanken kreisen darum, wie sie es noch richtiger machen könnten. Da bist du jetzt schon Veganer, aber dann muss alles natürlich auch noch fair produziert, nachhaltig und möglichst regional sein.“

Im Vordergrund des Albums steht aber klar die Freude am Essen. So feiert Andrzejewski mit seinem 17-köpfigen Ensemble, zu dem auch Gospel-Queen Dorrey Lin Lyles als Gast-Sängerin zählt, eine lustvolle Messe, wie sie zuletzt nur Quincy Jones mit Händels Messias zelebriert hat: Da gibt es Stellen, die an ein funky Studiobackup einer Miles-Davis-Platte erinnern – und natürlich immer noch ein gerüttelt Maß Free Jazz im Wechsel mit hymnischen Klängen. Das könnte so manchen Jazzpuristen provozieren. „Darum passen wir auch so gut zu XJazz“, resümiert der Künstler, „denn ich glaube, den Leuten muss einfach klarwerden, dass Jazz alles sein kann. Das Festival ist, genau wie wir, ein total genreübergreifendes Projekt, das zwar am Ende irgendwie als Jazz bezeichnet wird, aber zum Beispiel auch einfach soulig sein kann.“

Tatsächlich ist die maximale stilistische Offenheit Hauptmerkmal von XJazz. So etwa wird auch die vom Geheimtipp zu Everybody’s Darling avancierte Singer-Songwriterin Natalia Mateo zu hören sein, die, genau wie Andrzejewski, polnische Wurzeln hat. Auch das diesjährige Partnerland von XJazz ist Polen, das sich mit Künstlern wie dem unkonventionellen Bassisten Wojtek Mazolewski, dem Hip-Hop-Jazz-Septett EABS oder dem Atom String Quartet präsentiert.

Das Programm hat es insgesamt in sich: Nach einem Auftakt durch das eigens für das Festival ins Leben gerufene Ensemble X geben sich Legenden wie der 1929 geborene Saxophonist Rolf Kühn, oder der schwedische Posaunist Nils Landgren die Ehre – gleichberechtigt mit jungen Electro-Akustikern wie Dillon oder Fink. Gipsy-Swing von Chat Noir, Mardi Gras aus New Orleans von der 79rs Gang, finnischer Jazzpunk von Mopo, neue Klassik von Stargaze oder Techno von Pantha du Prince machen den Mix komplett. Jazz they can.

Festival: 3.-7.5., verschiedene Orte, Eintritt ab 11,70 € für einzelne Konzerte bis 179,50 € für den Festivalpass, xjazz.net