Kein Anti-Berlin mehr

Jazzanova

Auf dem Jazzanova-Album „The Pool“ gibt’s Plattengeknister, Hip-Hop-Grooves, Seventies-Boogie, dreckigen Electro-Clash – und eine gute Portion Pop-Appeal

Jazzanova (v. l. n. r.): Axel Reinemer, Jürgen von Knoblauch, Alex Barck, Stefan Leisering, Claas Brieler
Foto: Georg Roske

Wir schreiben die Jahrtausendwende. Entschleunigte Downbeat-Klänge, loungige Ambient-Soundscapes und eine mangels besseren Begriffs als „NuJazz“ etikettierte Mixtur aus Electronica und Jazz-Elementen definieren den Soundtrack populärer After-Work-Partys. Ganz vorn mit dabei: Acts wie Thievery Corporation, Beady Belle, Bugge Wesseltoft – und eine Berliner Formation namens Jazzanova. Ursprünglich hatte sich das DJ- und Produzentenkollektiv Mitte der 90er-Jahre als Gegenentwurf zum damals herrschenden Hauptstadtsound gegründet, der vor allem aus Techno, allenfalls noch aus Drum’n’Bass bestand.

„Unser Sound“, erinnert sich Stefan Leisering, neben Axel Reinemer einer der beiden musikalischen Köpfe des Kollektivs, „war schon immer eine Abgrenzung zum typischen Berlin-Klang“. Homebase von Jazzanova war das Delicious Doughnuts – „eine Art einsame Insel“ inmitten unzähliger Technoclubs. Und auch der spätere NuJazz-Beat der Musiker wurde nie als heimisch betrachtet: „Die Leute sprachen uns auf Englisch an.“

Nach dem Hype

Hatte man sich bis dahin vor allem durch DJ-Abende und Remixe, die das Original um Klassen übertrafen, einen Namen bei all jenen gemacht, die es statt zum Techno zu raren Soul-, HipHop-, Latin- und Jazz-Samples zog, begann mit dem ersten Jazzanova-Album „In Between“ (2002) ein regelrechter Hype um die Berliner. „Wir fanden in Tokio, London und Philadel­phia statt.“ Doch das Genre, das keines ist, hat sich letzten Endes als Stempel erwiesen, „der so plakativ ist, dass er der Musik gar kein richtiges Eigenleben erlaubt“. Für ein Signing beim renommierten Jazz-Label Verve, das zu Universal Music gehört, kam das aber gerade richtig: „Es ist unglaublich, auf wie vielen Samplern wir uns seit unserer Verve-Veröffentlichung ‚Of All the Things‘ von 2008 wiederfanden, und wie bekannt wir dadurch geworden sind!“

Für das neue Album „The Pool“ setzen Jazzanova auf ihr eigenes Label Sonar Kollektiv, wo auch Acts wie Micatone ihre musikalische Heimat gefunden haben. Zu den Vorteilen, ohne den Druck eines Major-Labels arbeiten zu können, gehörte sicherlich auch, sich bei dem neuen, dritten Studioalbum zehn Jahre Zeit gelassen zu haben. In der Zwischenzeit war man lieber mit der seither gegründeten Live-Band auf Tour, woraus die „Funkhaus Studio Sessions“ (2012) resultierten, eine Art handgemachtes Best-of, das die landläufige Meinung, DJs seien Live-Bühnen nicht gewachsen, Lügen straft.

Mehr Samples

Obgleich „The Pool“ wieder vermehrt auf Samples setzt – das Melodiezentrierte aus einer Dekade Live-Konzerte ist auch hier präsent. Dies verdankt sich nicht zuletzt dem – nomen est omen – reichen Pool an Gastmusikern, aus dem Jazzanova schöpfen konnte. Reinemer sagt es so: „Ein Pool kann der Einfluss von allen möglichen Musikstilen sein, die wir in uns haben, aber auch der Pool an Künstlern, mit denen wir zusammenarbeiten … Er ist ein Sammelbecken. Für Inspiration, für Wissen.“

Vielfältig an Einflüssen ist „The Pool“ in der Tat; nur eines trotz des ursprünglich aus der Verbindung von Jazz mit Bossanova entstandenen Bandnamens nicht: Jazz. „Wir haben nie Jazz gemacht“, so Leisering. „Jazzähnlich ist unsere Haltung, wenn man Jazz als Musikform betrachtet, die viel absorbiert, die ein sehr offenes System ist. Sie ist eine der Säulen unseres Sounds, aber es wäre vermessen gegenüber all denjenigen, die wirklich Jazz machen, zu sagen, wir machen Jazz.“

Zwischen Plattengeknister, HipHop-Grooves, 70er-Jahre-Boogie, dreckigen Electro-Clash-Beats und einer guten Portion Pop-Appeal lebt „The Pool“ vor allem durch die Begegnung mit den Vokalisten. „Wir wollen“, so Leisering weiter, „den Charakter von dem jeweiligen Künstler mit unserem Charakter verbinden.“ Das gelingt im Song „Summer Keeps On Passing Me By“ mit Ben Westbeech, der im Herzensgrunde ein Blues ist, genauso wie auf dem einen Hauch sommerliche Meeresbrise versprühenden Edward-Vanzet-Stück „I’m Still Here“ – oder dem als düstere Tom-Waits-Nummer antäuschenden, sich dann aber zur gigantischen Stadionballade auswachsenden „Let’s Live Well“ mit Jamie Cullum.

Aus dem elektronischen Klangkosmos des Albums sticht aber ganz klar „Rain Makes The River“ heraus, das als nahezu klassischer Folksong ebenso gut mit Akustik­gitarre am Lagerfeuer funktionieren würde. Von der Zusammenarbeit mit Folk-Noir­-Storytellerin Rachel Sermanni schwärmen die Musiker: „Mit ihr kam ein neues Universum dazu!“ Ursprünglich hatte man für den Song an eine dunkle, männliche Stimme gedacht, etwa die von José James. „Das hat sich komplett ins Gegenteil verkehrt, jetzt haben wir eine ätherische Celtic-Folk- Stimme!“ Doch unvorhergesehene Wendungen sind genau das, was für Jazzanova den Reiz an ihren Gästen ausmacht: „Jeder muss sich ein Stück aus der Zone herausbewegen, in der er sonst stattfindet. Wir wollen nicht, dass der Sänger das macht, was er immer macht und dass wir machen, was wir immer machen – wir wollen uns auch gegenseitig überraschen!“

Ein Gegenentwurf zum Berlin-Sound sind Jazzanova schon lange nicht mehr. Das läge aber weniger an ihrer Musik, sondern an einer neuen Offenheit der Metropole: „Für die jüngere Generation existieren verschiedene Musikwelten parallel, die gehen auch mal zum Free Jazz. Die Hörer und Tänzer haben sich diversifiziert – und die Clublandschaft eigentlich auch.“

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