Die Kunst der Konversation

Jazzfest Berlin 2016

Das Jazzfest Berlin feiert nicht nur eine grandiose Gattung, sondern auch konkret 50 Jahre Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra

Es wird ein gutes Jazzfest. Zwar ist noch kein Ton von den zahlreichen Bühnen erklungen, doch sei die Behauptung gewagt. Richard Williams, Londoner Journalist, Buchautor und nach 2015 zum zweiten Mal künstlerischer Leiter des bedeutendsten Jazzfestivals des Landes, hat erneut viel Gespür beim Programm bewiesen. Keine leichte Aufgabe – muss doch die Balance bei einem staatstragenden Unterfangen (wie es das Jazzfest seit 1964 ist) zwischen jung und alt, zwischen Superstar und Newcomer, zwischen Internationalität und hiesiger Szene, geschickt austariert werden. Dabei darf der kuratorische Regler nicht einfach in die Mitte geschoben werden; die Schwerpunkte und Akzente sind es, die so ein Festival ausmachen.

Trompeter Wadada Leo Smith
Wadada Leo Smith
Foto: Scott Goller

Nach seinem durchaus gelungenem Einstand hat Williams also an einigen Stellen nachgebessert. „Ich wollte die Anzahl der Spielstätten erweitern und mehr Frauen im Programm präsentieren. Beides ist gelungen. Die Hälfte der Künstler ist weiblich, und das nicht einfach nur, weil wir stur eine Quote einhalten wollen, sondern weil die Qualität überzeugend war“, sagt Williams.



Bereits das Eröffnungskonzert des Jazzfestes soll das deutlich machen. Die amerikanische Saxofonistin und Klangkünstlerin Matana Roberts wird im Martin-Gropius-Bau gemeinsam mit einem Quartett in einen Dialog mit der Choreografin Pina Bausch treten, der dort aktuell eine Ausstellung gewidmet ist. Überhaupt steht das Festival unter dem Motto der Konversation, sagt Williams: „Nicht nur zwischen Musikern, obwohl viele Duos auftreten werden, etwa Wadada Leo Smith und Alexander Hawkins oder Aki Takase und Charlotte Greve, aber im Sinne eines sich fortsetzenden Dialogs zwischen der Vergangenheit und der Zukunft“.

Matana Roberts

Die Saxofonistin und Klangkünstlerin Matana Roberts
Foto: Jason Fulford

Ein Dialog, der sich in dem Jubiläumsauftritt des Globe Unity Orchestras eindrücklich manifestieren dürfte. Vom Berliner Pianisten Alexander von Schlippenbach vor rund 50 Jahren gegründet, gehört es zu den prägendsten und langlebigsten Ensembles des Free Jazz. „Unser erstes Konzert bei den Berliner Jazztagen (heute Jazzfest) im November 1966 verursachte einen ziemlichen Aufruhr“, erinnert sich von Schlippenbach und zitiert die damaligen Pressereaktionen: „Sensation Schlippenbach und viel Geschrei“ und „Musikalischer Hexenkessel, in dem Brötzmann den Part des Leibhaftigen spielte“, nur „Die Zeit“ erkannte immerhin eine Verschmelzung von Jazz und Kunstmusik.

Stimmt alles heute noch. Nur, dass das Orchester noch in 50 Jahren existieren würde, hatte damals niemand vermutet. Und doch werden die 18 Musiker, darunter Weltstars wie Evan Parker, Tomasz Stańko und Paul Lovens, dazu Berliner Veteranen wie Axel Dörner und Rudi Mahall, die lange Geschichte des avantgardistischen Klangkörpers auf großer Bühne reflektieren und zelebrieren.



Auch die französische Pianistin und Komponistin Eve Risser reist mit einem Orchester an. Das von ihr in Paris formierte White Desert Orchestra hat Alben mit der Musik von Astor Piazzolla und Robert Wyatt aufgenommen und macht sich für ein „Gleichgewicht zwischen maskulinen und femininen Energien“ stark. Nicht nur im Jazz. „Ich weiß gar nicht, ob die Musik, die wir spielen, Jazz ist“, erklärt Risser, „wir treten aber gerne bei Jazzfestivals auf, weil sie Heimstätten für kreative Musiker sind“. Jazz ist für sie Freiheit, kein museales Genre, das von alten Männern gespielt wird. „Jazz ist schöpferisch“, sagt die Musikerin, „es geht um Improvisation und Austausch und darum, Dinge zu hinterfragen. Ob es swingt oder nicht, das ist egal. Jazz lebt, und in jeder kreativen Musik ist deshalb zumindest eine Spur Jazz enthalten“.

Eve Risser ist 34; sie wurde geboren, als Jazz schon zum alten Eisen gehörte und findet doch zur Quelle zurück. Das muss sich dann nicht anhören wie Louis Armstrong oder Charlie Parker. Kontinuität und Entwicklung, Dialog und Kreativität – darum geht es letztlich. Dieser Haltung ein derart prominentes Forum zu geben, ist das Verdienst des Jazzfests, eigentlich in jedem Jahr, diesmal aber vielleicht ein wenig mehr.

Di 1.11.–So 6.11., Haus der Berliner Festspiele, A-Trane, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Institut Francais u. a. Orte,  Details auf www.berliner-festspiele.de/jazzfest

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