Filmkunst

Jean-Pierre Bekolo

Der Filmkünstler und DAAD-Stipendiat aus Kamerun die neuen Räume von Savvy Contemporary in Wedding

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Wieso sitzen Zuschauer im Kino immer ihre Hintern im Sessel platt? Heißt es nicht Motion Picture, also „Bewegte Bilder“, und müsste man dann Filme nicht auch in einem Tunnel anschauen können, der sich dabei dreht? Die schwindelerregende Idee stammt von Jean-Pierre Bekolo, einem Filmemacher, der das Kino auf den Kopf stellen will, zum Beispiel mit solch einem Tunnel, den er für seine Ausstellung in Wedding plant.
Hollywood adressiert Bekolo damit nicht, vielmehr den unabhängigen Film, der heute konservativer sei als der kommerzielle. „Es ist ein System, das die Kreativen in einen Käfig presst“, sagt er. Er meint die öffentliche Filmförderung für Drehbücher, die sich an alte  Schemata halten. „Vielleicht hatte ich Glück, dass ich in Afrika geboren bin, da gibt es dieses System nicht“, sagt er. Daran gehalten hätte er sich wohl sowieso nicht.
Schon mit seinem Debüt „Quartier ­Mozart“ (1992), einer Hip-Hop-Fabel über ein in ­einen Jungen verwandeltes Schulmädchen, gewann der 1966 in Kamerun geborene Bekolo in Cannes den Prix Afrique en Création. „Les Saignantes“ (2005), ein Science-Fiction-Politthriller über Korruption und sexuel­le Macht, wurde bei dem Filmfestival Fespaco in Burkina Faso ausgezeichnet. Aufsehen erregte Bekolo 2013 mit „Le Président“ (2013), einer Erzählung über  ­einen greisen Präsidenten, der an seinem Amt klebt, obwohl er längst den Überblick verloren hat. Der Film lässt sich als beißende Satire auf den seit 1982 in Kamerun regierenden Paul Biya verstehe. Derzeit hält sich Bekolo mit einem Stipendium des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin auf. Ab 10. Februar stellt er bei Savvy Contemporary in Wedding aus. Zudem schneidet er ­einen Film, den er in Südafrika gedreht hat. Er handelt unter anderem von Frauen, die sich alle in einen Mann im Todes­trakt verlieben.

Mit App im Tunnel

Auf der Leinwand entwirft Bekolo auch Alter­nativen zur Wirklichkeit, Bilder einer möglichen Zukunft Afrikas. „Im Kino geht es um Träume“, sagt er. „Es kann uns helfen, über das, was wir uns wünschen, nachzudenken.“ Viele Experten zählen ihn zu den Afrofuturisten. Katharina Narbutovič, Leiterin der DAAD- Künstlerprogramm , die gemeinsam mit Bonaventure Ndikung von Savvy die Ausstellung kuratiert, sagt: „Das Besondere an Jean-Pierre Bekolos Filmen ist für mich die Entschiedenheit, mit der er die Vision einer eigenen, aus sich selbst heraus entwickelten anderen Vorstellung Afrikas jenseits äußerer Zuschreibungen verfolgt.“ Sie lobt den Wagemut, mit dem er politische Fragen stelle, seine ästhetischen Mittel – ­Bekolos Filme sind so rasant wie Musik­—videos – und sein Interesse, die Möglichkeiten des unabhängigen Film jenseits kommerzieller Standards zu erweitern.
In der Ausstellung „Applied Fiction“, mit der er seinen Berliner Aufenthalt abschließt, will Bekolo die Konventionen des Kinos nicht nur mittels des Tunnels auseinandernehmen, sondern auch mit einer App. Der Eröffnungstermin ist perfekt gewählt: Savvy weiht damit seine neuen Räume in Wedding ein, einen Tag vor dem Beginn der Berlinale. Das passende Publikum für die Diskussionen, die Bekolo anregen will, ist also in der Stadt.

10.–25.2.: Savvy Contemporary, Plantagenstr. 31,  Wedding, Di–So 14–20 Uhr