Berlin

Jens Friebe, Freude, Eierkuchen

Schon klar, no jokes with names. Aber wie soll man widerstehen, wenn Jens Friebe auf seiner kämpferischen Eventplatte „Fuck Penetration“ den Maskulinismus bei den Eiern packt?

Eine Eckkneipe, eine richtig schmierige, aufrichtig uncoole, mit abgestandenem Rauch und Schultheiß und allem, so eine Kneipe ist eigentlich ein komischer Ort, um über Jens Friebes neues Album zu sprechen. Weil sie ein Ort der Gewissheiten ist, des Machen-wir-schon-immer-so hinter gelb gewordenen Vorhängen. Und weil es andererseits bei Jens Friebe, Musiker, Autor und Musikjournalist, ja immer auch darum geht, wie es anders laufen könnte. In einer besseren Welt. Aber hier, in der Zentrale der Schwergängigkeit, sitzt er jetzt nun mal und hat Limo bestellt.

Weil Friebe so umtriebig scheint, hier mal eben ein Buch veröffentlicht, dort Margarete Stokowski bei einer Lesung am Klavier begleitet, denkt man leicht, er könnte ein fixer Redner sein, aber das stimmt so nicht: Jens Friebe spricht lieber gar nicht, als Sätze zu sagen, die kein Mensch braucht. Was er zu sagen hat, ist um Plattitüden und Selbstverständlichkeiten entschlackt. Wie auch auf sein neues Album „Fuck Penetration“.

Friebes sechste Platte ist eine so lustige wie ernste Pop-Revue mit Diskursrelevantem und Novelty Songs, gut geklöppelten Percussion-Exzessen, mit großer Showtreppe und kleinen Genialitäten; eine LP gewordene Party mit klugen Gästen (Chris Imler, lässigster Schlagzeuger in town! Doreen Kutzke, Jodel-Expertin!), die nach dem Tanz vielleicht etwas derangiert aussehen, aber niemals, wirklich niemals betrunken Stadionhymnen singen würden. „Eigentlich träume ich immer davon, sehr einheitliche Platten zu machen, aber es klappt einfach nicht“, sagt Friebe.

So viel zärtliches Pathos wie etwa im Opener „Worthless“ – der graniterweichenden Eröffnungsballade am Klavier – war nie bei Friebe, so viel Mut zum Zuvielwollen. Außerdem neu: Auf „Fuck Penetration“ singt er einen guten Teil der Stücke in englischer Sprache. Warum? Für die Show. „Wenn ich auf Englisch singe, kann ich beim Singen mehr rumspinnen. Man schreibt natürlich trotzdem über dieselben Dinge, über die man auf Deutsch schreiben würde – die fremde Sprache erhöht die Distanz nicht beim Machen, sondern beim Hören der Musik“, sagt Friebe. „In seiner eigenen Sprache nimmt man sich stark als sich selbst wahr, auf Englisch kommen mir die Stücke eher wie Popsongs vor, die ich mir auch privat anhören würde.“

Und tatsächlich: „Fuck Penetration“ ist eine emanzipatorische Eventplatte, die so viel Spaß wie Arbeit macht. Für das Albumcover hat der mit dem Artwork beauftragte Künstler, Stefan Pabst von der Gruppe Ja, Panik, zwei Kunstwerke verschmelzen lassen: ein Bild der Staatlichen Universität von Moskau und einen Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, der ein megalomanisches Feuerwerk zu Ehren des Sohns von August dem Starken zeigt. Sozialismus, Humanismus und Dekadenz, nachträglich koloriert: Diese Platte sieht aus, wie sie klingt.

Jens Friebe
Foto: Max Zerrahn

Friebes erstes Album, „Vorher Nachher Bilder“ von 2004, machte ihn zum Darling der Kritik. Ein Bild aus seinen frühen Künstlertagen – ein Pressefoto, auf dem er Make-up trug – verfolgt ihn noch jetzt: Friebe, der Bryan Ferry des Berliner Kreativprekariats. Flamboyant und feministisch. Bis heute, erzählt er, würden Menschen ihn ständig als geschminkt wahrnehmen, auch wenn er es nicht ist. Lästig wird’s ihm kaum. „Ich bin noch genug Musikjournalist, um zu wissen: Man kann sich als Künstler immer nur zwischen verschiedenen Klischees entscheiden, und da ist mir das Image des androgynen Dandys noch immer viel lieber als ein anderes.“

Foto: Foto: Max Zerrahn

Und er füllt es mit Leben. Blitzschlau demonstriert der Titelsong „Fuck Penetration“, was die Gesellschaft unter Sex versteht (rein und raus, Sie wissen schon) – und was Friebe von dieser pimmelfixierten Limitation hält. „,Fuck Penetration‘ ist eher ein Lied für Petting als gegen Penetration, natürlich sollen alle im Bett machen, was sie wollen“, sagt Friebe. „Aber es ist schon erstaunlich, wie fantasielos und verklemmt unsere aufgeklärte, total sexualisierte Gesellschaft eigentlich ist. Ich glaube zwar nicht, dass eine befreite Sexualität das Rezept ist, um glücklich zu werden, wie man es in den 60ern vorstellte. Trotzdem wäre eine bestimmte Art von Frustration, Aggressivität und Unsicherheit sicher damit zu bekämpfen, über solche Dinge mehr zu reden.“

Friebe macht das mal explizit, mal ganz verrätselt: Das vorletzte Stück von „Fuck Penetration“, der sanft dahingleitende, erratische Song „Argonaut“, ist inspiriert von Maggie Nelsons autobiografischem Essay „Die Argonauten“. In dem beschreibt die Autorin ihre Liebe zu einer Person, die sich zwischen den Geschlechtern nicht entscheiden mag.

Auch, wenn Friebe weitaus seltener Lippenstift trägt als die Öffentlichkeit offenbar glaubt: Mit Nagellack und leiser Stimme ist er in einer Eckkneipe doch eine rare Erscheinung. Also schauen die Leute vom Bier auf, als man gemeinsam an der Bar bezahlt, und lachen ein bisschen, weil nur Fanta und Cola auf der Rechnung stehen. Ein Gast macht riesengroße Augen: „Mein Gott, sowas Süßes wie euch hab’ ich noch nie gesehen.“

Fr 25.1., 20 Uhr, Festsaal Kreuzberg, Am Flutgraben 2, Kreuzberg, VVK 18 €