Kino

Joker

Ginge man nach dem Applaus beim Festival in Venedig, hätte Joaquin Phoenix den Preis als bester Darsteller schon sicher gehabt. Der US-Schauspieler brilliert in der Titelrolle von Todd Phillips’ „Joker“: Auf ganz eigene Weise charakterisiert er den Joker dabei als die tragische Gestalt, die später zu Batmans schillerndstem Widersacher wird und zeigt, dass er Heath Ledgers ikonischem Auftritt in „The Dark Knight“ in nichts nachsteht.

Der Film selbst ist dabei eine Batman-freie Ursprungsgeschichte des clownesken Bösen in Gotham City und betreibt Ursachenforschung in der malträtierten Seele eines Mannes namens Arthur Fleck. „Wir hatten große Freiheit, weil der Joker nie eine Herkunftsgeschichte hatte”, erklärte Phillips („Hangover“). „Das war sehr befreiend, denn es gab keine Regeln und keine Grenzen.” Phoenix verkörpert den späteren Joker unheimlich, tieftraurig, psychisch in Trümmern und später mit kranker Coolness als dürren Schmerzensclown, hinter dessen gequältem Lachen sich Wut und Verzweiflung seiner in wirklich jeder Hinsicht tragischen Existenz verstecken.

Joaquin Phoenix als Joker
Foto: Niko Tavernise/Warner

Ein bisschen wundern konnte man sich anfangs schon über einen Platz für „Joker“ im Venedig-Wettbewerb unter all den Autorenfilmen. Doch die Platzierung macht Sinn: Schließlich nähert sich der Film nach all den mutlosen Superheldenblockbustern dem Genre endlich einmal auf neue Weise, unübersehbar geschult an Martin Scorseses Werken und anderen Hollywood-Klassikern der späten 70er und frühen 80er.

Die Charakterstudie mag letztlich psychologisch nicht so wahnsinnig nuanciert sein, und es dauert daher etwas zu lang, bis diese getretene Kreatur mit rücksichtsloser, destruktiver Energie ihr Ventil findet. Doch „Joker“ entwickelt in der Kombination von Phoenix’ beängstigender Intensität und den düsteren Bildern von den „Mean Streets“ der Großstadt mitunter eine dräuende Wucht und drängt sich mit Vergleichen zu Trumps USA förmlich auf. Und Joaquin Phoenix gewann in Venedig zwar nicht den Darstellerpreis, der Film dafür den begehrten Goldenen Löwen.

USA 2019, 122 Min., R: Todd Phillips, D: Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Frances Conroy, Start: 10.10.