PORTRÄT

»Preise erfüllen mich nicht«

Geradezu atemberaubend ist Jonas Dasslers Schauspielkarriere gestartet – es regnet Preise für ihn, Filmrollen und nun spielt er in der Premiere „Die Gerechten“ bereits seine vierte Rolle am Gorki Theater

Jonas Dassler, 22, bereits als Berufsanfänger ein Star des Gorki-Ensembles – Foto: snapshot-photography / T. Seeliger / Imago

Text: Friedhelm Teicke

Das klingt nach Überflieger: 2014 wird der damals 17-Jährige gleich nach der ersten Bewerbungsrunde an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ angenommen, dreht während des Studiums bereits ­diverse Filme und bekommt prompt den Götz-­George-Nachwuchspreis beim Deutschen Filmpreis. Dann wird ­Jonas Dassler 2017 noch vor Abschluss seines Studiums fest ins Ensemble des Maxim Gorki Theaters ­engagiert, wo er seine erste Hauptrolle in ei­nem für das Gorki eher ungewöhnlichen ­Genre hat, der Musikburleske „Alles Schwindel“.

Und er haut alle um mit seiner chaplinesk-­virtuosen Darstellung eines sich gegenüber seiner Angebeteten als Millionär ausgebenden Chauffeurs. „A Star is born“, schrieb begeistert ­Kevin ­Clarke, als Direktor des Amsterdamer Operetta ­Research Centers fraglos ein Kenner der Branche. Auch sonst ist die Kritik ringsum voll des Lobes. Im ­Januar wurde der Schnellstarter für seine Auftritte in den Kinofilmen „Lomo“ und „Das schweigende Klassenzimmer“ mit dem Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet.

Soviel schneller Erfolg in jungen Jahren führt oft dazu, dass einer abhebt. ­Jonas Dassler scheint davor gefeit. Er wirkt im Gespräch sehr reflektiert und geerdet. „Ich weiß von Freunden und Kollegen, dass das auch schnell wieder vorbei sein kann. Ich habe Chancen bekommen, aber man muss sie sich auch nehmen. Und es ist nicht zuletzt auch Arbeit.“ Dassler ist merklich ein nachdenklicher junger Mann, der dem Erfolg misstraut, sich aber über ihn natürlich auch freut: „Erfolg heißt ja, dass andere Leute meine Arbeit wertschätzen. Was will ich mehr in einem Beruf, der sich im Kern darum dreht, von Leuten gesehen zu werden?“

Viel wichtiger als Preise ist dem 1996 in Remscheid geborenen und aufgewachsenen Jung­star, „zu proben und zu spielen, die gemeinsame Arbeit. Mir meine Preise anzugucken, erfüllt mich nicht.“ Gerade hat er die Hauptrolle in ­F­atih Akins Film „Der Goldene Handschuh“ abgedreht, worin er den Serienmörder Fritz Honka spielt. Anfang Oktober startet Florian Henckel von Donnersmarcks Spielfilm „Werk ohne Autor“, in dem Dassler neben Tom Schilling und Sebastian Koch zu sehen ist. Jetzt ist er in den Proben zu „Die Gerechten“ von Albert Camus, bereits seine vierte Produktion am Gorki, wo er in der Regie von Sebastian Baumgarten einen Anarchisten verkörpert.

Camus’ Drama nach einem tatsächlichen Geschehen stellt die Frage nach den Zielen und Konsequenzen eines revolutionären Attentats. „Als 1905 bis 1918 die Revolten und Revolutionen stattfanden, gab es eine klare Adresse, gegen wen sich das richten soll: gegen die Obrigkeit“, sagt Dassler. „Der heutige Terror ist ja viel beliebiger in den Zielen. Es geht vor allem darum, Angst und ­Schrecken zu verbreiten.“

In „Die Gerechten“ ist mit Mazen Aljubbeh auch ein Schauspielkollege aus dem Exil Ensemble des Gorki dabei, in dem Künstler aus dem Libanon, Syrien und Afghanistan arbeiten. „Ich habe nie Terror miterlebt, ich habe auch keine Diktatur selbst erlebt. Aber mit jemanden wie Mazen habe ich hier Mitspieler, die das kennen, die eine Waffe in der Hand hatten, Freunde, die im Bürgerkrieg gestorben sind“, sagt Dassler. „Und natürlich reden wir darüber, wenn wir ein Stück über Terror machen und heutzutage verbindet man den automatisch mit dem arabischen Raum. Kollegen wie Mazen haben das erlebt. Das spielt natürlich mit rein, ohne das wir es im Stück konkret benennen.“

Auch das programmatisch postmigrantisch zusammengestellte Gorki-Ensemble, in dem er einer der wenigen Biodeutschen ist, empfindet er als ungemein bereichernd für die Arbeit. „Was für ein Kosmos!“, meint er begeistet. „Die Entscheidung, viel mehr Spieler mit Migrationshintergrund ins Ensemble zu nehmen, weil es diesen Missstand der Repräsentanz an den Bühnen hierzulande gibt, mag radikal sein, aber es ist ein Statement. Dadurch ist der Raum sowieso schon politisch aufgeladen. Und da heraus seine Stoffe zu entwickeln, finde ich wahnsinnig stark.“

Jonas Dassler (li.) und Dimitrij Schaad als ungleiche Brüder „A Walk on the Dark Side“ – Fotos: Ute Langkafel / Maifoto

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit einem Stoff, das gemeinsame Erproben und Erkunden der Figuren, gefällt Dassler am Theater. Er fühlt sich sehr wohl am ­Gorki mit geschätzten Kollegen wie Dimi­trij Schaad, den er als einen Gastdozenten an der Busch-Schule kennengelernt hat und der ihm inzwischen ein Freund geworden ist. Wer die beiden in Yael Ronens „A Walk on the Dark Side“ als ungleiche Brüder ein urkomisches Zeitlupen-Tennismatch hat austragen sehen, ahnt, dass sich hier zwei Schauspieler gefunden haben, die sich in freundschaftlicher Konkurrenz gegenseitig befeuern und anstacheln.

„Das ist eine Spielkonkurrenz, die ist wahnsinnig beflügelnd“, meint Dassler. „Das gilt aber grundsätzlich beim Gorki-Ensemble: Ich spiele und kämpfe gegen dich auf der Bühne aber auch mit dir. Das ist wie in einer Band, wenn man zusammen Musik macht. Nämlich, dass man aufeinander hört und achtet und so zusammen etwas im Moment erschafft. Mich beruhigt dieser Gedanke immer, wenn ich Musik höre, und beim Theater übersetze ich dieses Gefühl. “

Nur Berlin liegt ihm nicht. „Ich bin ­defi­nitiv kein Berliner“, sagt er, „ich bin kein Großstädter. Ich genieße Berlin in seiner Vielfalt, mit der Geschichte, die einen in dieser Stadt umgibt und was hier kulturell passiert. Das ist ein Input, der ist schon sehr bereichernd. Und trotzdem ist es auch etwas, was mich überfordert, weil alles sehr schnell, sehr laut und sehr offensiv ist.“

Doch auch im überschaubaren Remscheid, seiner Heimat, kann er sich nicht mehr vorstellen zu leben. „Die Heimat ist eher eine Hafenstadt“, sagt er. „Ich bin sehr froh, dass ich mit meiner Jolle am Gorki anlegen durfte, und ich will gern länger in diesem Hafen ankern. Ich fühle mich sehr wohl hier, da kann mich ein größeres Haus derzeit nicht reizen.“ 

29.9. (Premiere), 30.9., 6.10., 19.30 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Regie: Sebastian Baumgarten; mit Mazen Aljubbeh, Jonas Dassler, Lea Draeger, Aram ­Tafreshian, Till Wonka. Eintritt 10–38, erm. 8 €