Die muss man kennen

Joyce Muniz lebt jetzt in Neukölln

Joyce Muniz ist gerade in den Neuköllner Schillerkiez gezogen. Auf ihrem Album „Made in Vienna“ durfte sie Kraftwerk sampeln. Schon mit 17 war sie Resident-DJ im legendären Wiener Club Flex.

Die 33-jährige Elektro-Produzentin bekam Herzrasen, als sie erfuhr, dass „Back in the Days“ auf einer Elektro-Party in Ibiza lief. Eine Katastrophe, die richtig teuer hätte werden können, denn der Track enthielt unautorisierte Samples der Düsseldorfer Kultband Kraftwerk, die  gerne klagt, wenn ihnen was nicht passt. Joyce Muniz hatte den Song nur als privaten Bootleg konzipiert.

Dann gelangte es über eine Ecke zu DJ-Legende Richtchie Hawtin, den das nicht kümmerte, der es einfach spielte und obendrein  im Netz veröffentlichte. Prompt ging der Track durch die Decke. Und Kraftwerk gaben tatsächlich ihr Okay. Ein Ritterschlag, denn sie tun das in etwa nie. Der Erfolg kam für Joye Muniz, 33 Jahre alt, allerdings nicht übernacht. Geboren in São Paulo, zog sie mit ihrer Mutter mit 12 nach Wien. Mit 16 hat sie sich ihre ersten Plattenspieler gekauft, für den Partykeller. Da hat sie geübt zu mixen. „Die Tapes von damals will ich nie wieder auspacken – die Übergänge waren schrecklich“, sagt sie heute. Als sie noch 17 war, wurde sie schon Resident-DJ im Flex.

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In den späten 1990ern war das einer der Clubs überhaupt in Europa, mit Partys von Montag bis Montag. Hier hat sie gelernt. Schnell wurde sie süchtig nach Platten, inzwischen hat sie 3.000. Irgendwann begann, sie eigene Vocals auf ihre Drum and Bass Sets beizusteuern. Bald hatte sie Studiomonitore und die Berliner Sequenzer-Software Ableton auf dem Rechner. Dann ging es los mit eigenen Beats. Shir Khan vom Berliner Label Exploited wurde auf sie aufmerksam. Der Horizont von Joyce ist breit, sie hört von Hip-Hop bis Techno und House. In der Familie ihrer Mama hatten viele mit Samba und Percussion zu tun.



Als Produzentin arbeitet sich Joyce Muniz vor allem am House ab, denn sie sagt: „Du kannst darin technoider werden, du kannst souliger werden oder Afrique oder Deep. Trotzdem ist es ein Style.“ Fürs Album hatte sie Leute aus aller Welt nach Wien geholt, aus London, Amsterdam, L.A. und natürlich aus Berlin. Gerade ist sie selbst in den Schillerkiez gezogen, eine Gegend, die sie schon seit 2003 gut kennt. Sie liebt das Plattenladen-Café Gordon, die Galerie von Anna Käse, das Theater im Heimathafen und das Passagenkino. Zwei Jahre hat es gedauert, das Album zu produzieren, weil sie so viel als DJ tourte. „Deeper“ entstand in Venice Beach.

Der Song „Sleepless“ handelt vom Zombie-Sein der Clubkultur-Menschen. Seit drei Jahren schwört Joyce Muniz auf Saft aus ihrem Mixer: Apfel, Ingwer, Karotten und ein bisschen Lein-Öl. Wenn man mit 20 schon jeden Abend mit den coolen Techno-Leuten in verdrogten VIP-Lounges rumhängt, muss man aufpassen: „Für Drogenprobleme bin ich zu idealistisch“, sagt sie. „Ich will Teil dieses Lebens sein, deshalb brauche ich das Wegschießen nicht.“ Gerade geht es steil bergauf. Wenn man Joyce Muniz eine Weile beim Reden zuhört, merkt man, dass sie öfter sagt: „Das Eine führt zum Anderen.“ So als wäre das irgendwie klar, dass aus dem Mädchen, das in den Keller ging, um Übergänge zu üben, die Frau werden musste, die Kraftwerk adelt.


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