ROMANADAPTION

Jugend ohne Gott

Thomas Ostermeiers Fassung des Romans von Ödön von Horváth erzeugt eine ruhige Spannung

„Was verdanke ich Adolf Hitler? Alles.“ – Ein Text ist Horváths in einer totalitären Gesellschaft spielendem Krimi voran­gestellt: Ein Braunschweiger Bürger dankt Adolf Hitler für seine Arbeitsstelle und dafür, dass Ruhe und Wohlstand herrschen. Auch der Lehrer in dem Roman von 1937 ist auf seinen Job angewiesen. Weil er ­seine Schüler nicht für ihre rassistischen Äußerungen tadeln will, kommt er in einen Gewissenskonflikt. Er lebt in einer Diktatur. Seine Schüler auch. Sie reden und schreiben, was im Radio gesagt oder von den Eltern vorgegeben wird.

Thomas Ostermeier und sein Dramaturg Florian Borchmeyer haben den Roman klug zusammengeschoben, szenisch aufgelöst und innere Monologe auf verschiedene Figuren verteilt.

Moritz Gottwald, Jörg Hartmann – Foto: Arno Declair

Ein Wald aus kahlen Birkenstämmen bedeckt den hinteren Teil der Bühne: Alles dort ist Geheimnis und Abgrund, Liebe und Mord. Eine transportable, nicht zu große Video-Leinwand zeigt Bilder davon – mal liebende Körper, mal wortloses Entsetzen. Jörg Hartmann als Lehrer räsoniert mit stiller Dringlichkeit über Schuld und Verantwortung, über Gott und die kalten Fischaugen seines Schülers.

Die Inszenierung erzeugt eine ruhige Spannung von innen heraus. Jede Figur, jeder Schüler wird nach und nach kenntlich, bekommt eine Geschichte. Die Jungen sind nicht schuld. Aber wer dann? REGINE BRUCKMANN

11.+12.9., 20 Uhr, Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Regie: Thomas Oster­meier; mit Jörg Hartmann, Laurenz Laufenberg, Alina Stiegler, Lukas Turtur u.a., Eintritt 7–49 € (nur noch Restkarten)