Endzeitkunst

Julien Charrière konserviert Telefone

Der Berliner Konzeptkünstler hat Hightech-Equipment pompejanisch versteinert

Drastisch abgedunkelte Fensterfront, ­h­­yperdramatische Spotlights im Inneren der Galerie. Vulkansteine in sterilen Vitri­nen. Als sei man im Naturkundemuseum der Zukunft. Diese betonfarbenen Steine mit ihren Türkis- und Kupferfarben wirken so lange zauberschön, bis die Betrachtenden merken: Da stimmt etwas nicht, so ganz und gar nicht. Warum ranken Kabelreste durchs Gestein? Warum schimmert eine Datenplatine im erkalteten Magma? Welche Apokalypse hat unser Jahrhundert hinweggerafft?
Der 28-jährige Berliner Konzeptkünstler Julian Charrière hat Festplatten, Prozessoren, Arbeitsspeicher und Hauptplatinen in Industrielava eingeschmolzen. Die hübschen Farbspuren im synthetischen Sandstein: Sie entpuppen sich als Überreste der Metalle und Erden aus der Technik, von der unser Alltag abhängt – Techno-Fossilien des 21. Jahrhunderts.
Das gebündelte Licht im Grey Cube befeuert solche Gedanken. Was werden künftige Wesen von unserer Zeit erahnen, wenn von unserem vermeintlich Wissen tragenden Lifestyle-Equipment nur ein paar Farb­pigmente im Stein geblieben sind?  Kluge Reflexion zum Anthropozän findet nicht mehr nur im Haus der Kulturen der Welt statt. Vielleicht beschleicht uns ja in düsteren Momenten die Sehnsucht, all das asoziale Treiben unserer Zeit vulkanisch zu beenden – und pompejanisch zu konservieren.

Bis 25.6.: Dittrich & Schlechtriem, Tucholskystr. 38, Mitte, Di–Sa 11–18 Uhr