Berliner Museen

Affront gegen Käthe Kollwitz

Ein hässliches Geschenk: Dem Museum für Käthe Kollwitz droht die Vertreibung aus seinem angestammten Domizil – ausgerechnet zum 150. Geburtstag der Künstlerin

Noch befindet sich das Museum an seinem alten Platz: einer Villa in Charlottenburg. In der Fasanenstraße 24, einem Palais aus dem 19. Jahrhundert, hängen die Arbeiten aus Kaiserreich und Weimarer Republik von Käthe Kollwitz – jener Kundschafterin der Berliner Hinterhöfe, die in ihren Lithografien und Stichen die Nöte der Arbeiterklasse anprangerte. Jedes Jahr kommen über 20.000 Besucher, um die hohlwangigen, vom Hunger verzerrten Silhouetten auf diesen Passionsbildern anzusehen, die aus der Sammlung des Galeristen Hans Pels-Leusden stammen.

 

Das Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstraße Berlin. Foto: Käthe-Kollwitz-Museum

Jetzt soll dieser Solitär in der Berliner Museumslandschaft aus seinem Refugium, bewährt seit 1986, vertrieben werden – eine Nachricht in dem Jahr, in dem der 150. Geburtstag der Berliner Künstlerin am 8. Juli begangen wird. Die Eigentümerin des Gebäudes, die Stiftung des Kunsthändlers Bernd Schultz, dem Gründer des benachbarten Auktionshauses Grisebach, will den Mietvertrag kündigen. Zu den Plänen wollte sich Schultz gegenüber ZITTY nicht äußern. Im Museum ist man derweil „schockiert, überrascht, traurig, ratlos“, heißt es. Es wäre die Entwurzelung der Künstlerin aus ihrem Stammsitz. Arne Kollwitz, ihr Enkel, befürchtet einen „schweren nationalen und internationalen Schaden und Ansehensverlust für Berlin“.

Was der Hausherr wünscht

Bernd Schultz will in dem Gründerzeitbau ein Exilmuseum unterbringen, das von Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland erzählen soll, etwa den Auswanderern nach Amerika und ihren zerrissenen Identitäten zwischen alter Heimat und Neuer Welt. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hatte die begehbare Arche Noah einmal angeregt; eine eigens gegründete „Stiftung Exilmuseum“ um Christoph Stölzl, den ­früheren Direktor des Deutschen Historischen Museums (DHM), sowie Springer-Chef Matthias Döpfner sympathisiert ebenfalls. Das avisierte Datum: 2020, wenn sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal jährt.

Käthe Kollwitz: „Selbstbildnis en face, lachend“, 1888-89, Fotostudio Bartsch

Die Pläne sind so konkret, dass ein Insider von einer Kündigung im Herbst ausgeht. Weshalb der Verein des Käthe Kollwitz Museums, der Träger der bedrohten Institution, längst den Immobilienmarkt sondiert, um dem Lebenswerk der Künstlerin die Obdachlosigkeit zu ersparen. Ein Objekt im Warenkorb: die Karl-Marx-Straße 145 in Neukölln – ein Angebot von Bernd Schultz. Der Mäzen hat das Museum jahrelang mit einem billigen Mietzins von sechs Euro pro Quadratmeter subventioniert; jetzt will er offenbar ungern als dessen Totengräber in die Lokalgeschichte eingehen. Ob das alte Wohnhaus in Hipsters Paradise zum Kollwitz-Erbe passt, ist allerdings umstritten.

Zeit im Verzug

Eberhard Diepgen, Vorsitzender des Trägervereins, spricht von der Bürde, eine Bleibe zu finden, „die baulichen, finanziellen und musealen Anforderungen genügt“. Es geht also auch um ein Haus, das nicht an Hinterausgängen der Stadt beheimatet und dennoch bezahlbar ist. Das Tacheles wurde bereits geprüft und verworfen; neu auf dem Radar ist offenbar das Schoelerschlösschen, ein leerstehender Barockbau in Wilmersdorf. Die eleganteste Lösung wäre eher old school: Das Exilmuseum unter das Dach des DHM führen, wie Diepgen vorschlägt. Doch für eine solche Adoption durch den Staat, die politische Gremien in Land und Bund absegnen müssten, fehlt die Zeit. 

Sonderausstellung zum 150. Geburtstag: Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstr. 24, Charlottenburg, Mo–So 11–18 Uhr, 7/ erm. 4 €

und außerdem:

5.7. – 24.9.: Käthe Kollwitz und Berlin. Eine Spurensuche zum 150. Geburtstag. Galerie Parterre, Danziger Straße 103, 10405 Berlin Prenzlauer Berg, Mittwoch bis Sonntag 13-21 Uhr, Donnerstag 10-22 Uhr