CBD

Kaffee mit Hanf-Schuss

Im Café Canna in Prenzlauer Berg gibt es seit Juli Essen und Getränke mit dem Cannabis-Wirkstoff CBD

Elke*, 68 Jahre alt, sitzt in einem Café und nippt an einer heißen Schokolade. Es wirkt wie etwas, was viele Rentner an vielen Orten in Berlin tun – wenn da nicht die spezielle Zutat wäre. In Elkes Getränk sind Tropfen mit Cannabidiol, kurz CBD, einem Inhaltsstoff der Cannabispflanze.

Das Café, in dem Elke in ihrer roten Strickjacke auf einem Hocker am Schaufenster sitzt, ist ein Barometer für den Stand der Legalisierung. Seit einigen Jahren gewinnt die Hanfpflanze immer mehr Aufmerksamkeit. Hier im Café Canna in Prenzlauer Berg sieht man seit Juli, was sich alles legal aus und mit Cannabis machen lässt.

Elke ist zum ersten Mal im Café Canna, aber CBD-Öl, das auch in Bioläden verkauft wird, verwendet sie bereits seit etwa sechs Monaten. Es hilft ihr gegen die dem Alter geschuldeten Schmerzen in ihren Händen.

Im Café Canna gibt es Kaffee, Tee, Bier und Schokolade mit CBD-Öl, Longdrinks mit Hanföl, Hanfsamen zum Knabbern oder als Bratling, Käsekuchen mit einem Boden aus Hanfsamen, Hanfpesto, Cannabis-Honig. Viele Produkte sind glutenfrei und vegan. Der 29-jährige Wirt Nico Schack, der zuvor als selbstständiger Promoter gearbeitet hat, will die Vielfältigkeit des Naturmittels Cannabis zeigen und Vorurteile aus dem Weg räumen.

Nico Schack, seit Juli Café-Betreiber
Fotos: Café Canna

Die hölzernen Möbel, das warme Licht und die ruhige elektronische Musik verleihen dem kleinen Lokal eine gemütliche und zugleich hippe Atmosphäre. Es riecht nach Kaffee und – wenn man seine Nase spitzt oder an den Blütentees schnuppert – auch ein wenig nach Cannabis. In einer Ecke hängen Holzkisten an der Wand, in denen diverse Hanfartikel wie Limos oder Samen, aber auch Fachbücher zum Verkauf stehen. Auf einer der Kisten stehen Blumentöpfe, die ausschließlich aus Hanf hergestellt worden sind.

Der gesellschaftliche Fokus lag bisher immer auf THC, dem Stoff, der für die berauschende Wirkung der Pflanze verantwortlich ist – ob in der Medizin oder in der Diskussion um Licht und Schatten von Rauschmitteln. Die Debatte war immer kontrovers. CBD ist aus pharmakologischer Sicht weniger folgenreich: Es befindet sich zwar wie THC in den Blüten der Pflanze, hat aber nicht die berauschende Wirkung auf dessen Konsumenten. Es ist deswegen auch legal.

CBD sorgt dafür, dass Muskeln sich entkrampfen und es wirkt entzündungshemmend. So kann es Menschen mit Schlafproblemen, Regelbeschwerden, Panikattacken helfen – und Hautkrankheiten wie Neurodermitis oder Akne mildern. Auch in der Krebsforschung ist CBD ein Hoffnungsträger, weil bisher keine gefährlichen Nebenwirkungen entdeckt wurden.

Die Lebensmittel im Laden kommen größtenteils aus der Region Berlin-Brandenburg, das CBD-Öl aus der Schweiz. Hanf kann aber auch als ein Werkstoff verwendet werden – ein Beispiel dafür sind die Blumentöpfe im Café. Da Hanf schneller als viele andere Pflanzen wächst, bietet es sich auch für die Herstellung von Papier an. Und Klamotten, die größtenteils aus Hanf bestehen, werden auch schon länger vermarktet. Das Produkt ist in der Modeindustrie vielseitig einsetzbar. Und Baumwolle ist nicht in Deutschland anbaubar, Plastik nicht gut abbaubar, Hanf könnte eine Alternative sein.

Eine Besucherin, die schon öfter im Café Canna war, ist Theresa Krabbenhöft. Seit zehn Jahren beschäftigt sie sich schon mit dem Wirkstoff: In dieser Zeit hat sie auch eine Bachelor-Arbeit über CBD geschrieben. Die 26-jährige, die das Öl gegen diverse Leiden einsetzt, meint: „Ich brauche keine anderen Schmerzmittel mehr und fühle mich fitter“. Sie arbeitet zur Zeit in der Gastronomie und kommt abends häufig mit Rücken- oder Nackenschmerzen nach Hause. CBD-Öl lindere die Schmerzen oft oder löse sie sogar ganz auf. Zudem setzt Krabbenhöft das Öl als Anti-Suchtmittel ein, da sie versucht, mit dem Rauchen aufzuhören und CBD das Verlangen, eine Zigarette anzuzünden, stille.

Viele berichten von den positiven Effekten von CBD in der Behandlung von Süchten. Erste Studien belegen diese Erfahrungen auch schon;  wissenschaftliche Erklärungen gibt es bisher nur in Ansätzen. Fest steht, dass Cannabidiol das menschliche Belohnungssystem im Hirn beeinflusst, das auch das Bedürfnis nach Suchtmitteln wie Nikotin oder Alkohol weckt.

Zuhause konsumiert Krabbenhöft die Blüten und das Öl, im Café Canna trinkt sie am liebsten einen Kaffee oder Tee, natürlich mit CBD-Öl, manchmal bestellt sie auch eine der CBD-Energy-Kugeln, die aus Trockenfrüchten und Nüssen bestehen.

Der CBD-Boom startete 2013 in den USA, als das Öl bei Kindern mit Epilepsie eingesetzt wurde. Ein Einfluss auf die seit Jahren andauernde Legalisierungsdebatte von THC-haltigem Cannabis ist zu erwarten. Bisher befolgen alle von Nicos Produkten den gesetzlich festgelegten Grenzwert von weniger als 0,2 Prozent THC. Aber CBD-Shops, wie „Tom Hemp’s“ in der Nähe des Schlesischen Tors oder „The Hemp Concept“ in der Friedrichstraße und das Café Canna erscheinen trotzdem wie Vorreiter der niederländischen „coffee shops“, in denen man THC-haltiges Marihuana erstehen kann.

Alternative zu Gras

Ist die Legalisierung der nächste Schritt? Einen Einfluss auf die Debatte nimmt Sascha Waterkotte vom Deutschen Hanfverband wahr: „Durch die Shops und Cafés werden andere Seiten der Hanfpflanze beleuchtet und hoffentlich Berührungsängste abgebaut“, sagt er. Auf der anderen Seite kritisiert Waterkotte die Reaktion der Staatsanwaltschaften auf den Boom. Diese sehen die Eröffnung der CBD-Läden kritisch und führen häufiger Razzien durch. „Wenn Schokolade mit Hanfsamen konfisziert wird, ist das lächerlich. Vor allem, da Hanf ja seit mehr als 20, 30 Jahren schon als nicht-psychoaktives Lebensmittel in beispielsweise Müsli konsumiert wird“, sagt Waterkotte.

Auch für die theoretische Beschäftigung mit CBD bietet das Café Canna Raum.

Dennoch glaubt er, dass die neue Aufmerksamkeit sich positiv auf die Legalisierungsdebatte ausüben wird. „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung“. Nico Schack, der Betreiber des Canna Cafés, hofft: „Die Legalisierung würde Cannabiskonsum ungefährlicher machen.“ Denn auf dem Schwarzmarkt werde immer mal wieder gestreckt und gepfuscht.

An einem Tisch sitzen sich zwei Männer, Mitte 20, gegenüber. Der eine heißt Moritz und hat im Gegensatz zu seinem Begleiter schon Erfahrungen mit CBD gesammelt: Er raucht die Blüten ab und an. „Für mich ist das ein Grasersatz, weil der Geschmack gleich, es aber eben kein Weed ist.“ Wirkung spüre er keine, aber das ist für ihn genau der Punkt. Moritz will Gras rauchen ohne high zu werden. Er hat gemerkt, dass Dauer-Kiffen ihm psychisch nicht gut tut, er den Geschmack und das Ritual in seinem Leben aber dennoch nicht missen mag.

Mehr als eine entspannte Stimmung kann man auch Elke nach ihrer medizinischen Schokolade nicht anmerken. Viel spürt man wohl nicht von dem Öl, wenn es nicht gegen ein konkretes Leid eingesetzt wird. „Im schlimmsten Fall wird man halt müde“, sagt Nico Schack.

*Name geändert

Café Canna, Lychener Str. 4, Prenzlauer Berg, Di–Do 11–19 Uhr, Fr+Sa 10–23 Uhr, So 10–18 Uhr