THEATERSTREIT

Der Vertriebenen Klage

Die Saison hat begonnen, doch der Kampf um das Open-Air-Theater im Mon­bi­jou­park geht mit einer Petition, Schuldzuweisungen und Rechtsstreit weiter – auch um die Frage: Wer kriegt den Zuschlag für die Märchenhütten?

Text: Tom Mustroph

Wer dieser Tage das Freilufttheater im Monbijoupark sucht, reibt sich verwundert die Augen. Das beliebte Amphitheater ist weg. An seiner Stelle befindet sich ein abgezäuntes Geviert, das verhängt ist mit Leinwänden, die provisorisch das alte Hohenzollern-Schloss zeichnen, das hier einst stand und dem Monbijoupark seinen Namen gab. In der Mitte dieses Gevierts wird auf einer an vier Seiten offenen Bühne Theater gespielt. Kein leichter Job für die Schauspieler*innen, die nun auch noch ringsum spielen müssen, um auch das Publikum, das hinter ihnen sitzt, zu erreichen.

Eigentlich sollte hier eine Arena als Spielort für das neue „Theater an der Museumsinsel“ stehen, dessen Betreiber, wie berichtet, im Frühjahr den Zuschlag für das Areal erhielten. „Wir durften leider unseren Entwurf nicht umsetzen“, sagt David Regehr, der Leiter des neugegründeten Theaters. „Es gibt eine komplexe baurechtliche Situation, aus Gründen des Denkmalsschutzes und wegen des Weltkulturerbes Museumsinsel.“ Er verspricht, dass es im nächsten Jahr besser wird, wenn die Entwürfe endlich durch den Genehmigungsparcours durchgekommen seien.

Wer die Freiluftbühne am Monbijoupark im Netz sucht, landet meist auf der Webseite des Monbijou-Theaters, das das Areal bis vergangenes Jahr rund zwei Jahrzehnte lang bespielt hat, aber nicht auf dem Spielplan. Stattdessen ploppt eine Petition auf: „Rettet das Original.“ Über 15.000 Unterstützer, darunter rund 11.300 aus Berlin, haben sie schon unterzeichnet. „Damit haben wir das Quorum erreicht, das auf Landesebene notwendig ist“, sagt ­Christian Schulz stolz. Der alte Chef des Monbijou-Theaters will, dass die in der Petition kritisierte intransparente Entscheidung von Bezirk und Humboldt-Uni, die Genehmigung für den Betrieb des Theaters auf öffentlichen Grundstücken einem anderen Bewerber zu geben, überprüft wird.

Übergabe der Petition für das alte Monbijou- Theater an die BVV Mitte – Foto: Monbijou Theater Initiative

„Wir haben die Unterschriften am 20. Juni an den Grünen-Verordneten und Vorsteher der BVV Mitte, Frank Bertermann, übergeben“, sagt Roger Jahnke, Gründungsmitglied der Hexenkessel-Truppe, aus der das Monbijou-Theater hervorgegangen war. Diese Gruppe war vor vier Jahren aus dem Monbijou-Theater ausgestiegen und in den Pfefferberg gezogen, ist aber jetzt wieder mit Schulz vereint.

„Es gibt im Leben immer mal Differenzen zwischen Menschen“, blickt Jahnke auf die turbulente Vergangenheit zurück. „Unsere Gründe, wegzugehen, hatten aber auch damit zu tun, dass wir bereits Probleme mit der Fraktion hatten, die jetzt das Theater an der Museumsinsel betreibt“, begründet Jahnke die neuerliche Annäherung an Schulz. Fasst man die Darstellung kurz zusammen, so verließ A B, weil B sich zu sehr mit C einließ. Und jetzt stehen A und B gemeinsam gegen C, also gegen Regehr und seine mit ihm abtrünnig gewordenen Kompagnons, dem Regisseur Maurici Farré und dem Schauspieler Matthias Horn.

Aufgeben kommt für Schulz nicht infrage, selbst wenn ihm das Wasser nun bis zum Hals steht. „Ich musste das Schloss in Schwante verkaufen“, sagt er. Das ist bitter, denn das Schloss Schwante in Brandenburg, das Schulz 2009 gekauft und saniert hat, war als Teil der Monbijou Theater GmbH wohl ein wesentlicher Grund dafür, dass der Bezirk Mitte die Nutzungsrechte nicht mehr an Schulz vergeben wollte. Die BVV argwöhnte, dass Gelder, die mit einer Sondergenehmigung auf öffentlichem Grund und Boden in Berlin gemacht werden, eigennützig für eine Immobilie in Brandenburg genutzt würden. Und zog mit der Vergabe des Nutzungsvertrags an einen anderen Bewerber die Reißleine.

„Das Schloß war als wirtschaftliche Sicherheit für den Theaterbetrieb in Berlin gedacht“, rechtfertigt sich Schulz. Jetzt aber ist er nicht nur das Theater und die damit verbundene Strandbar los, sondern konnte offenbar auch das Schloss selbst aufgrund der fehlenden Einnahmen nicht mehr halten. Ein kleines Berliner Kulturimperium bricht auseinander.

Mit allen verscherzt

Regehr, Schulz‘ ehemaliger Mitstreiter und nun also Konkurrent, sieht denn auch die Schuld vor allem in der Hybris des vom eigenen Erfolg geblendeten Kulturunternehmers: „Christian Schulz hat es sich mit allen verscherzt: mit den Politikern vom Bezirks­amt, mit der Humboldt-Uni, der das ­Gelände gehört, mit den Anwohnern und zuletzt auch mit dem Ensemble“, sagt Regehr. „So ist es eigentlich er, der das Theater gefährdet hat.“ Der gelernte Bühnenbildner, von Schulz 2002 ins Team geholt, münzt die Resonanz, die jetzt die Petition des alten Monbijou-Theaters erfährt, kurzerhand auf sich um. „Das zeigt doch vor allem, dass die Leute an diesem Ort ein Theater wollen“, meint er.

An der Petition hat sein Theater allerdings schon zu knabbern. Denn wer im Internet Tickets bestellen wollte, landete meist beim alten Monbijou-Theater – und kaufte keine Karten, sondern unterschrieb die Petition. Ein, zwei Vorstellungen der Eröffnungsproduktion „Faust – Schönheit, Liebe, Arbeit“ fielen laut Regehr mangels Pub­likum bereits aus.

Freilufttheater im Monbijoupark: Statt Amphitheater dient nun ein Provisorium als Bühne – Foto: Jekaterina Saveljeva / Theater an der Museumsinsel

„Inzwischen aber gelangt man über die Suchmaschinen zu uns, das Internet-Ticketing funktioniert. Auch die Schauspieler spielen sich ein und die Abstimmung mit der Bar wird besser“, sagt Regehr. Zur Premiere des „Faust“ übertönte die Geräuschkulisse der Strandbar zuweilen das Theatergeschehen. Das ist pikant, denn gerade das Übergewicht des Gastro-Geschäfts gegenüber dem Theater war einer der wichtigsten Kritikpunkte des Bezirksamts gegen Schulz.

Regehr merkt, wie komplex der Bühnenbetrieb ist. Weitermachen will er dennoch, auch im Winter. Für die Nutzung der Märchenhütten, die der GmbH von Schulz gehören, hofft er auf eine Eini­gung mit dem Ex-Partner. Schulz hingegen will das gesamte Vergabeverfahren am liebsten rückabwickeln. Er hat deshalb über seinen Anwalt eine Klage beim Berliner Verwaltungsgericht eingereicht. Parallel sucht er weiter einen Alternativstandort.

Kontrahent Regehr hofft nach der durchwachsenen Eröffnungs­premiere jetzt vor allem auf eine witzige Kinderfassung des „Faust“ mit Puppen, die vergangenes Wochenende herauskam. Weiter retten sollen dann „Die Vögel“ von Goethe nach Aristophanes die Saison. Hier führt Darijan Michajlovitsch ­Regie – er hatte vor zwei Jahren schon die gelungene „Macbeth“-Inszenierung im alten Monbijou-Theater verantwortet.

Offenbar unberührt von ihrem Streit betreibt David Regehr übrigens gemeinsam mit Christian Schulz weiterhin das Tanzlokal Clärchens Ballhaus. Bei gemeinsamen Interessen findet sich offenbar immer ein Weg.

Vorstellungen bis 1.9., 18 + 20 Uhr, Theater an der Museums­insel, Monbijoustr. 3, Mitte.
www.theater-museumsinsel.de