Emanzipation

Künstlerinnen: zu gut für’s Museum

Vor 100 Jahren konnten Frauen wieder an der Berliner Akademie studieren. Deshalb zeigt die Alte Nationalgalerie „Kampf um Sichtbarkeit“ mit Werken aus dem Depot: von Künstlerinnen, die es vor 1919 in die Sammlung schafften

Splitternackt liegt ein bewusstloses Mädchen aus Marmor gleich am Eingang der Alten Nationalgalerie, während über ihr der Titan Prometheus mit frisch gestyltem Bart in Ketten kämpft. Sein Glied hat der Bildhauer Eduard Müller sittsam verhüllt. Im Treppenhaus dreht sich Georg Kolbes Skulptur „Tänzerin“ (1911/12) entblößt auf dem Geländer, und automatisch steigt die alte Frage mit auf, ob Frauen nur nackt ins Museum kommen.

foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders
Paula Modersohn-Becker: „Mädchen mit Blütenkranz im Haar“, um 1901, © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders

Eine klare Antwort gibt Anna Dorothea Therbusch, ihres Zeichens „Peintre du roi“ – Maler (sic!) des Königs. Sie präsentiert sich in hochgeschlossenem Kleid und schaut abgeklärt durch ein überdimensioniertes Mono­kel. Ihr Selbstporträt spiegelt das Selbstbewusstsein der Künstlerinnen, die es vor 1919 in die Sammlung der Nationalgalerie schafften. Die 33 Malerinnen und zehn Bildhauerinnen machten damals zwei Prozent aus. Bis heute sind es nicht viel mehr.


Weil sich vor 100 Jahren die Berliner Akademie wieder für Frauen öffnete, holte die Kuratorin Yvette Deseyve mindestens ein Werk von jeder dieser Künstlerinnen aus dem Depot und ließ es restaurieren, wenn nötig – und das war es meistens. Ihre Schau „Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919“ umfasst nun rund 60 Herrscher- und Kinderporträts, Landschaftsgemälde und Abstraktionen, Pferdeplastiken von Vorreiterinnen wie Renée Sintenis sowie Käthe Kollwitz’ Pietà, versammelt auf relativ wenig Platz.

Malweiber und Gemächte
Wie die Künstlerinnen die Hindernisse meisterten, zeigen ihre Biografien. Die Pariser Académie Royal lehnte Therbusch Mitte 18. Jahrhundert erst als „zu gut“, also männlich, ab. Therbusch bewarb sich erneut, und sie nahmen sie. Weitere Studentinnen folgten. Mitte des 19. Jahrhunderts drängten jedoch viele Kunstschaffende auf den Markt und Männer begannen, ihre Machtpositionen zu verteidigen. Einer davon war Anton von Werner, Direktor der Berliner Kunstakademie, der 1879 beschloss, dass der Anblick ­eines Gemächts dem schwachen Geschlecht nicht zuzumuten sei. Er ließ Frauen nicht mehr zu. Den „Malweibern“ blieb nur Privatunterricht, der für ihre Lehrer lukrativ war – oder Paris.


Die Ausstellung besticht mit Selbstporträts, darunter das von Marie Spieler, deren lebendig glänzende Augen zu beobachten scheinen, wie jeder ihren Spitzenkragen bewundert. Die Netzwerkerin Sabine Lepsius schaut lässig mit Pinsel und Palette durch halb geschlossene Lider auf Besucherinnen, die der Trubel auf Paula Monjés Bild „Deutsches Volksfest im 16. Jahrhundert“ (1883) anzieht. Das Werk war ein Geschenk Monjés an die Nationalgalerie, die es verlieh. In Briefen bat die Malerin, es zu ihren Lebzeiten zurückzuholen. Man vertröstete sie.

Das soll sich nicht wiederholen. Natio­nalgalerie-Direktor Udo Kittelmann will Werke dauerhaft zeigen. Wenn nicht, ließen wir unser Haupt hängen wie der gram­erfüllte Mann mit zerzaustem Bart, den die unbekannte Pauline Lehmaier in „Kopf ­eines alten Mannes“ (1908) mit zarten Pinselstrichen in Gelb- und Rottöne fasste. Wer nah heran tritt, hört ihn gleichsam seufzen.

Bis 8.3.: Alte Nationalgalerie, Bodestr., ­Mitte, Di–So 10–18, Do bis 20 Uhr, Eintritt 10/ 5 €