Synthetische Wälder

Kangding Ray

Kangding Ray, Resident-DJ im Berghain, ist einer der spannendsten Klangarchitekten der Stadt – für einen Freiraum, in dem eine bessere Welt aufscheint

Kangding Ray
Foto: Marie Staggat

Über den Dächern von Neukölln hat sich David Letellier nichts Geringeres als einen Traum erfüllt. Der französische Soundkünstler, der Berghain-Community besser bekannt unter seinem Künstlernamen Kangding Ray, hat seine Dachgeschosswohnung zu einem lichterfüllten Loft ausgebaut. Durch eine große Fensterfassade fällt der Himmel in einen offenen Raum, der Studio, Atelier, Küche, Ess- und Wohnzimmer zugleich ist. Hier lebt und arbeitet David Letellier, der Sohn einer Tischlerfamilie aus der Normandie, der Anfang der Nuller Jahre nach Berlin kam, um sein Architekturstudium abzuschließen, aus dem dann aber doch kein Architekt, sondern einer der spannendsten Techno-DJs der Stadt wurde.

Was ihn am Beruf des Architekten gestört hat, das war die endlose Zeitspanne, die zwischen Planung und Realisierung eines Projekts liegen kann. „Dafür war ich zu jung und ungeduldig; auf meine Platten habe ich schnellere Reaktionen bekommen“, sagt der 41-Jährige, während er durch sein Zuhause führt, hin zu seiner Musik-Ecke – ein Sammelsurium von Knöpfen, Kabeln, Mixern, Synthesizern und Gitarren an der Wand, die daran erinnern, dass er früher Industrial-Rockmusik gemacht hat, ehe er Field Recordings zu sampeln begann und 2006 beim Chemnitzer Label Raster-Noton sein erstes Electro-Album „Stabil“ veröffentlichte. „Es war nie mein Plan, professioneller Musiker zu werden“, sagt er. Dass er es aber doch werden konnte und heute durch die Welt tourt, von Dubai über China bis Marokko, hat am Ende wieder mit der Architektur zu tun.

Kangding Ray
Foto: Marie Staggat

Denn Kangding Ray, der sich nach einer Stadt in der chinesischen Provinz Sichuan benannt hat, ist Klangarchitekt, der Musik im Raum zu gestalten vermag wie kaum ein anderer seines Fachs. Es ist, als formte er Sounds zu flüchtigen Skulpturen, die für kurze Zeit Gestalt annehmen und durch den Raum hallen, ehe sie sich wieder auflösen. „Für mich hat Musik immer einen Kontext. Wenn ich komponiere, frage ich mich: Wo wird das gespielt?“, sagt er. Besonders beeinflusst ist er dabei von der Architektur des Berghain, wo er etwa alle drei Monate im Line-up zu finden ist, aber auch vom Labyrinth-Festival im Japan, wo sich der Klang seiner Musik über bewaldeten Berghügeln ausbreitet. Oder vom Kraftwerk Berlin, in dem er mit dem Lichtkünstler Christopher Bauder „Skalar“ geschaffen hat, eine spektakuläre Licht- und Soundinstallation für das CTM-Festival 2018, in der sich die Sinne derart verwirrten, dass man Töne zu sehen und Farben zu hören glaubte. „Das sollte zwar experimentell, aber kein superintellektuelles Projekt für Kunstliebhaber sein, für das man ein Zehn-Seiten-Booklet braucht. Ich wollte direkte Emotionen auslösen.“

Dass harte Maschinenmusik überhaupt Emotionen in uns auslösen kann, ist doch eigentlich ein Wunder – und David Letelliers Lebensthema. Auf seinem letzten Album, dem düsteren Meisterwerk „Hyper Opal Mantis“, erkundete er die Vielfalt emotionaler Zustände vom sinnlichen Verlangen über die Melancholie bis hin zur Katharsis. Auch sein in diesem Jahr gegründetes Label Ara ist ausdrücklich emotionaler Clubmusik gewidmet, die nicht Schritt halten muss mit dem Gegenwartsimperativ des Härter, Schneller, Krasser. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass purer elektronischer Sound sehr natürlich klingt“, sagt er. „Eine Gitarre klingt wie eine Gitarre, eine Geige wie eine Geige, aber ein Synthesizer kann sehr nah an dem sein, was wir im Wald hören, an den Geräuschen der Vögel, der Erde oder eines Vulkans.“ Dazu passt, dass sein neuestes Techno-Projekt, die EP „Azores“ (Figure), nach den vulkanischen Inseln im Atlantik benannt ist, „weil die Platte sehr mineralisch und rau ist.“

Durch die künstliche Synthesis von Sound etwas schaffen, das die menschliche Natur tief in uns anspricht: klingt paradox, entspricht aber der Erfahrung einer Clubnacht mit Kangding Ray. Idealerweise entsteht in solchen Nächten das, was sein Lieblingsautor Hakim Bey eine „Temporary Autonomous Zone“ nennt. Ein Freiraum, in dem die sonst herrschenden Gesetze außer Kraft gesetzt sind, in dem Autoritäten ihre Macht verlieren und in der die Möglichkeit einer anderen besseren Welt aufscheinen kann. Vernetzung, Widerstand, Anarchie. „Fast jedes Mal, wenn ich eine Platte rausgebracht habe, bin ich in eine andere Wohnung umgezogen oder habe mein ganzes Studio plattgemacht“, erzählt David Letellier, dessen Musik nie ohne den Raum gedacht werden kann, in dem sie entsteht. Nach dem nächsten Album muss er das hoffentlich nicht mehr tun. Denn sein neues Zuhause über den Dächern von Neukölln, an dem er nun jahrelang geschraubt hat, ist einfach zu schön geworden.