Was mich beschäftigt:

Kann man’s bitte wieder abreißen?

Reines Dekor: Mercedes-Benz-Platz (Bild oben) und East-Side-Mall – ein quergestellter Lamellenkarton, der vor allem Fassade zeigt, aber kein Gesicht – Fotos: Friedhelm Teicke

Als vor genau 20 Jahren, mit der Eröffnung des aus einer Nachkriegsbrache neuauferstandenen Potsdamer Platzes, auch Berlins erste Shopping Mall nach amerikanischem Vorbild ihre Tore öffnete, sagte ein aus Pennsylvania stammender Journalistenkollege: „Diese Art von Einkaufszentren und -kultur ist genau der Grund, warum ich aus den USA weggegangen bin.“

Inzwischen hat mit der East Side Mall kürzlich Berlins 69. Shoppingcenter eröffnet. Und das sieht so aus, wie diese Architekturen des Konsums eben zumeist aussehen: ein fast vollständig nach ­außen abgeschotteter Betonriegel im Ufo-Stil, der zwischen Warschauer Brücke und Mercedes-­Benz-Arena wie ein quergestellter Lamellenkarton vor allem Fassade zeigt, aber kein Gesicht. Damit passt er sich durchaus in die entlang des nördlichen Spreeufers rings um die Mercedes-Benz-­Arena neu entstandene Stadtlandschaft ein. Ein aus dem Boden gestampftes ­Areal, das kaum kaschiert, dass es vor allem dem Konsum gewidmet ist. Shopping, Konzerte, Kino. Bürogebäude, Hotels. LED-Säulen und riesige Screens mit Werbung behaupten aggressiv weltstädtische Urbanität und quirliges Nachtleben. Doch ­eigentlich ist die Gegend klinisch tot.

Zwar versucht der zentrale Mercedes-Benz-Platz zwischen der gleichnamigen Arena, dem neuen Multi­plex-Riegel UCI Kinowelt und der Verti Music Hall mit Springbrunnenfontänen und Franchise-Restaurants wie Tony Roma’s ein bisschen Piazza-Feeling zu simulieren, doch es bleibt reines Dekor. Bloße Behauptung. Es ist ein Unort.

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Alltagsfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteur Friedhelm Teicke – Foto: F. Anthea Schaap

Die funktionale Architektur ringsum ist reine Hülle, entscheidend sind allein die Eingänge ins Innere, in die Konsumwelt der Shows und der Mall mit den ewig gleichen ­Franchise-Ketten. Das in den vergangenen Jahren am touristischen Hotspot East-Side-Gallery neu entstandene Viertel könnte genauso überall auf der Welt stehen, mit Berlin hat es nichts tun. Ein ganzes Stadtquartier als Fremdkörper, das keine Bewohner braucht, nur Konsumenten.

Dass im Ausland sitzende Investoren und Unternehmen gern nachhaltig das Gesicht eines Viertels oder Areals bestimmen, ist natürlich kein Novum, auch den neuen Potsdamer Platz hatten vor allem Unternehmen aus Schwaben und Japan gebaut. Und sie verkaufen die Areale auch wieder, weil sie – anders als die bis heute Berlins Architekturstruktur prägenden Bauherren früherer Zeiten von Monarchie bis Bürgertum – nichts an die Stadt bindet. Der Potsdamer Platz hat bereits mehrfach den Besitzer gewechselt. Die Gebäude, ob gelungen oder nicht, bleiben auf Jahrzehnte stehen und prägen den Ort.

Das amerikanisch-­inspirierte Vergnü­gungs­viertel um die Benz-Arena partizipiert an der auch touristischen Attraktivität der angrenzenden Orte wie der Partymeile Warschauer Brücke oder der East Side Gallery entlang des Spreeufers, es gibt dem Stadtraum aber nahezu nichts zurück. Es ist bezeichnend, dass die meisten neuen Gebäude der Spree die kalte Rückwand zeigen: Die Eingänge sind nicht zur Mühlenstraße ausgerichtet. Sehn’ Se, dit is nich Berlin.