Kunst

Karin Sander eröffnet das sanierte Haus am Waldsee

»Die Berliner Szene ist anonymer geworden«: Anderthalb Jahre war Baupause, nun macht das Zehlendorfer Haus am Waldsee wieder auf. Leiterin Katja Blomberg zieht Bilanz und blickt nach vorn

Ende Dezember gleicht das Haus am Waldsee in Zehlendorf einer Baustelle: von Baggern zerfurchte Zugänge von der Straße, staubige Planen vor den Fenstern, aufgerissene Fußböden. „Nein, nein, das meiste ist praktisch fertig“, sagt vollkommen entspannt Katja Blomberg, Leiterin des Hauses seit 2005, während sie durch das Gebäude führt. Rechts neben der ehemaligen Fabrikantenvilla aus den 1920er-Jahren ist, stilistisch ans Haupthaus angepasst, ein ­Café-Anbau entstanden, mit einem Obergeschoss für die Verwaltung. Das Dach dient nun als Workshop-Bereich. Die Ausstellungsräume sind aufgeputzt und haben eine neue, hochmoderne Beleuchtung erhalten. Rund drei Millionen Euro hat der Umbau gekostet, finan­ziert von der Lottostiftung. Der Bezirk hat einen Zuschuss von 100.000 Euro gewährt. Das Zitty-Gespräch fand im künftigen Direktorinnenzimmer statt, noch zwischen Umzugskartons.

Foto: F. Anthea Schaap
Haus am Waldsee in Berlin-Zehlendorf, kurz vor Abschluss der Bauarbeiten im Januar 2019, die weißen Vierecke an der Fassade gehören zur Ausstellung von Karin Sander. Foto: F. Anthea Schaap

Frau Blomberg, Sie arbeiten seit 15 Jahren in Berlin. Welche Veränderungen haben Sie seitdem in der Kunst hier beobachtet?
Die Szene in Berlin hat sich sehr verändert. Die Kunst ist weniger subversiv. Der Markt hat auch hier die Dominanz übernommen. Viele Künstler bedienen den Markt, was ich gar nicht verurteilen möchte. Aber das sind dann nicht unbedingt Positionen, die ich im Haus am Waldsee ausstellen möchte. Wenn ein Werk innovativ ist, geht es immer darum, dass Grenzen verschoben werden und ein Perspektivenwechsel stattfindet. Das interessiert mich.

Was macht der Markt mit der Kunst?
Mit der Kommerzialisierung ist die Berliner Szene auch anonymer geworden. Die Akteure treffen sich nicht mehr so häufig wie früher. Jeder ist mit seinen Projekten beschäftigt oder in der Welt unterwegs. Und viele Künstler verlassen die Stadt inzwischen sogar ganz wieder. Einige gehen aufs Land, wo man konzentrierter arbeiten kann. Andere übersiedeln zurück nach Los Angeles, London oder Tokio. Doch Berlin ist immer noch eine Marke – und die Stadt noch immer eine wichtige Produktionsstätte für Gegenwartskunst. Wir haben immer noch gute Möglichkeiten, erstklassige Kunst zu zeigen, die vor Ort entsteht.

Warum haben Sie sich auf Soloausstellungen in Berlin tätiger Künstlerinnen und Künstlern konzentriert?
Einzelausstellungen sind für das Gebäude, in dem das Haus am Waldsee seit 1946 agiert, eine kurz nach dem Ersten Weltkrieg erbaute Industriellenvilla am Grunewald, das ideale Format. Ich möchte, dass die Besucher bei uns mehr über eine künstlerische Position erfahren und die Fragestellungen des Künstlers als Anregung für das eigene Denken verstehen. Nach einem Besuch im Haus am Waldsee sollte man sich nicht mit Informationen erschlagen, sondern durch Einsichten erholt fühlen. Dieses Konzept macht an diesem ruhigen Ort im Grünen aus meiner Perspektive am meisten Sinn.

Ein Gegenpol zur Geschwindigkeit in der Innenstadt?
Die Schnelllebigkeit der Ausstellungen im Stadtzentrum hat ihre Berechtigung, aber wir versuchen, eine Alternative dazu zu bieten. Wir veranstalten jedoch auch Themenausstellungen und zeigen zusätzlich auch Ausstellungen der klassischen Nachkriegsmoderne, wenn sie, wie Ernst Wilhelm Nay, Henry Moore und in diesem Jahr in einer Kooperation mit dem Georg-­Kolbe-Museum Lynn Chadwick, schon früher im Haus am Waldsee ausgestellt haben. In Zukunft möchte ich den Dialog nicht nur mit dem Publikum, sondern auch zwischen den Künstlern vertiefen und Doppelausstellungen zeigen, die zwei Zeitgenossen in überraschende Beziehung setzen, wie zum Beispiel Björn Dahlem und Berta Fischer.

Soll Kunst aus Berlin Schwerpunkt bleiben?
Nicht nur, wir werden auch über die Stadt hinausblicken. Im Herbst wird zum Beispiel Tobias Rehberger, der hauptsächlich in Frankfurt arbeitet, eine große Ausstellung zum Thema Skulptur aus Papier machen. Er hat unser neues Café mitgestaltet. In Berlin hat er aber noch keine große institutionelle Einzelausstellung gehabt.

Das Haus am Waldsee hat lange hier tätige, international wahrgenommene Künstlerinnen und Künstler mit ihren ersten größeren Berliner Ausstellungen gezeigt. Inzwischen haben andere Häuser nachgezogen.
Ja, aber es gibt keine Institution, die das so konsequent durchzieht, wie das Haus am Waldsee. Von rund 60 Ausstellungen, die ich hier kuratiert habe, sind 80 Prozent Premieren für Berlin. Künstlerdinner, Führungen im Dialog und Kindervernissagen machen inzwischen auch andere. Da müssen wir uns teilweise wohl neue Formate ausdenken (lacht).

 

Katja Blomberg, Direktorin Haus am Waldsee, Foto: Janine Escher

 

Sie haben einen Schwerpunkt bei Künstlerinnen und Künstlern gesetzt, die in den 90er-Jahren hier begonnen haben. Warum?
Wir sind nicht der Ort, an dem man junge Talente entdeckt. Das überlassen wir den Galerien und Kunstvereinen in der Stadt. Wer zu uns herausfährt, kommt, weil er von den Künstlern schon einmal gehört hat. Es müssen schon Künstler sein, die international unterwegs sind, und meistens sind sie über 35. Außerdem muss ich darauf achten, dass unsere Künstler das Haus mit ihrer Position auch ganz ausfüllen können. Auf ihnen lastet während der Ausstellungszeit von zweieinhalb Monaten das ganze Augenmerk der Besucher. Wir haben keine Sammlung, hinter der sie sich verstecken könnten.

Die erste Ausstellung im frisch sanierten Haus bestreitet Karin Sander. Was wird sie zeigen?
Karin Sander arbeitet immer sehr ortsbezogen. Sie tritt fast hinter ihr Werk zurück und gibt die Autorschaft gern ab. Das macht sie auch bei uns. Sie wird sich auf die Architektur beziehen und den jungfräulichen Zustand des Hauses, den sie jetzt vorfindet, sehr spannend thematisieren. Durch die Verzögerung der Bauarbeiten beträgt die Laufzeit ihrer Ausstellung leider nur fünf Wochen. Dadurch wirkt ihr Beitrag fast wie eine Intervention oder Aktion, bei der der neue Raum im Mittelpunkt steht. Anhand dieses Werkes werden wir intensiv mit dem Publikum über Sichtbarkeit und Autor­schaft, Zeit und Raum und nicht zuletzt über die Frage, was ein Kunstwerk ausmacht, diskutieren.

Welche Vermittlungsangebote wollen Sie denn einsetzen?
In Zukunft werden wir am Wochenende immer Live-Speaker in den Ausstellungen einsetzen. Das sind junge Kunststudenten, die die Besucher und Besucherinnen mit ihren Fragen jederzeit ansprechen können. Daneben gibt es weiter dialogische Künstlergespräche und öffentliche Künstleressen, bei denen man die Künstler selbst erleben und ins Gespräch kommen kann.

Und welche Angebote haben Sie für ein Publikum mit wenig Kontakt zu Kunst?
Künftig soll sich das Haus noch sehr viel mehr Kindern und Jugendlichen öffnen. Unser Haus liegt geschützt abseits der Straße und bietet einen idealen Raum dafür. Wir möchten sie durch Kunstpädagogen, die selbst Künstler sind, frei und spielerisch an den kreativen Umgang mit Materialien heranführen. Zum Beispiel arbeiten wir seit 2015 mit dem Willkommensbündnis für Flüchtlinge in Steglitz-Zehlendorf zusammen und haben eine Ausstellung mit Zeichnungen von geflüchteten Kindern gemacht. Diesen Kontakt werden wir weiter ausbauen. Nach Karin Sander zeigen wir Arbeiten des aus Syrien stammenden Filme­machers Ammar al-Beik. Die Schau umfasst Filme aus 20 Jahren, die noch in Syrien und auch nach seiner Flucht in Berlin entstanden sind.

26.1.–3.3.: Karin Sander. Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 10–18 Uhr, Eröffnung: Fr, 25.1., 19 Uhr