Berliner Kunsthäuser

Plakatkünstlerinnen: Katharina Sieverding & Käthe Kollwitz

„Deutschland wird deutscher“, so hallte es im Mai 1993 von Werbetafeln auf Berliner Straßen. Unter dem Schriftzug des schwarzweißen Plakats war das Gesicht einer Frau zu sehen, die vor einer Zielwand steht. Um ihren Kopf steckt ein Kranz von Messern. Auch das stark geschminkte Gesicht der Frau hat etwas Martialisches. Eine vage Aura der Gewalt ging von diesem Plakat aus, ein Grundgefühl, das in diesen Jahren unmittelbar nach der Wiedervereinigung das uneinige Land prägte.

Foto: ZITTY
Katharina Sieverding, Trägerin des Käthe-Kollwitz-Preises 2017, während der Pressekonferenz am 11.7. 2017 in der Akademie der Künste. Foto: ZITTY

 

Mit Plakaten wie diesem hat die Fotografin Katharina Sieverding, 73, immer wieder auf Stimmungen im Land reagiert und politische Statements lanciert. Diesem bislang etwas unterbelichteten Teil im Werk der in Düsseldorf lebenden Künstlerin ist nun die Ausstellung in der Akademie der Künste gewidmet, die am Dienstag aus Anlass der Verleihung des Käthe-Kollwitz-Preises an Katharina Sieverding eröffnet wird. Sieverdings „kreativer Umgang mit dem Politischen, nicht Zitieren, nicht Benutzen, sondern ‚politisch Schaffen‘“, würde sie als Preisträgerin 2017 besonders auszeichnen, urteilte die Jury, die aus den Künstlern Jochen Gerz, Karin Sander und Klaus Staeck bestand.

Eine Ehre für zwei

Sieverding sieht in dem Preis „eine Aktualisierung meiner ersten Beziehung mit diesem Ort“. Schon 1966 hatte sie im Hanseatenweg in einem Studio an den Kostümen für die Meyerbeer-Oper „Der Prophet“ an der Deutschen Oper gearbeitet. Den Preis sieht Sieverding als Aufforderung, sich mit Käthe Kollwitz͗ Werk wieder auseinanderzusetzen. „Die nationale Gedächtniskultur hat ihr Werk und dessen künstlerische ­Bedeutung nicht unterstützt oder aktualisiert, sondern verkitscht“, meint sie.

Katharina Sieverding zählt zu den Großkünstlerinnen der Gegenwart. Neben den explizit politischen Arbeiten sind es vor allem ihre radikal persönlichen Werke, die sie international bekannt gemacht haben. Ihre auf Passbildern basierenden Selbsterkundungen in Nahaufnahme und Großformat – mal solarisiert, mal blutrot, mal mit Goldstaub auf der Gesichtshaut – haben seit Langem musealen Rang. Mit der Serie „Stauffenberg-Block“ zeigte sie aber schon 1969, dass ihre so privaten Selbstporträts einen politischen Charakter haben – eine Verknüpfung, die ihr Werk bis heute auszeichnet. Mit 16 großen, glut­roten Selbstporträts wollte sie sich der Janusköpfigkeit des Menschen nähern, auf den Widerstandshelden Stauffenberg anspielend, der als Offizier dem Diktator treu gedient hatte.

In Berlin, dieser ebenso janusköpfigen Stadt, hat Sieverding immer wieder Motive gefunden. „Empathische Kritik und kritische Empathie“ verbinde sie mit der Stadt, sagt sie. 1992 gestaltete sie im Reichstagsgebäude einen Gedenkraum für die von den Nazis verfolgten Abgeordneten, der nach dem Umbau erhalten blieb. Bis 2007 lehrte sie an der Universität der Künste. Zudem ist sie Mitglied des Vereins, der die Kunst-Werke betreibt. Dort war mit „Close up“ 2005 eine Werkschau zu sehen, eine Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art.

Ihre Ausstellung zum Käthe-Kollwitz-Preis hat Katharina Sieverding eigenhändig kuratiert. Einmal mehr erweist sie sich dabei als selbstbewusste Kämpferin im „Schlachtfeld Deutschland“ – so der Titel eines weiteren Plakats von 1978, als die vom RAF-Terror gezeichnete Republik ihre Polizei aufrüstete.

12.7.-27.8.: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di–Sa 11-19 Uhr, 5/ 3 €, bis 18 J. + Di 15–19 Uhr frei, Preisverleihung + Eröffnung: 11.7., 19 Uhr

Zum Berlin Käthe-KollwitzMuseum

 

Affront gegen Käthe Kollwitz

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