Biennale 2011

Kein Land in Sicht

Thomas Kilpper, Teilnehmer der Venedig-Biennale 2011, hält an seinem Leuchtturm für Lampedusa fest

Am zweiten Mai-Sonnabend waren es 600 Menschen: Auf einem kleinen Schiff hatten sie bei hohem Wellengang die Flucht von der nordafrikanischen Küste bis zur italienischen Insel Lampedusa gewagt.  Das Boot zerschellte in pechschwarzer Nacht vor Lampedusa an einem Felsen. Die Menschen, unter ihnen Schwangere und Mütter mit kleinen Babys, sprangen panisch ins Wasser. Für die meisten von ihnen ging die Reise gerade noch einmal gut, doch andere kamen ums Leben. Seit Beginn der Revolutionen in Tunesien und Ägypten sind rund 30.000 Menschen auf der neun mal drei Kilometer großen Insel mit ihren 4.000 Einwohnern und zwei Flüchtlingslagern angekommen (Aufnahmekapazität: 800 Menschen im größeren der beiden Lager).
„Die Lage auf Lampedusa ist mehr als dramatisch“, sagt der Berliner Künstler Thomas Kilpper. Seit drei Jahren arbeitet er an einem Projekt, mit dem er direkt in die Situation eingreifen möchte. Seine ebenso politische wie ästhetisch faszinierende Idee ist es, auf der Insel einen Leuchtturm mit hoher Lichtkraft zu errichten, der den Menschen auf See den Weg auf die winzige Insel im großen Meer weist. Damit könnten Menschenleben gerettet werden. Etwa jeder Zehnte, der die Flucht vom 140 Kilometern entfernten Tunesien oder von Libyen über das Meer antritt, kommt ums Leben.

Turm mit dem gewissen Mehr
Lampedusa geht uns alle an, meint Kilpper. Wobei die hilflose Lage der Flüchtlinge und die praktische Überforderung der Inselbewohner nur ein Aspekt ist. Hinzu kommt der politische Streit: die unbeholfenen Versuche der Regierung Berlusconi, einen Umgang mit den Flüchtlingen zu finden, die Instrumentalisierung der Insel und ihrer Bewohner durch die Rechtspopulisten und Neofaschisten, die Ignoranz der anderen EU-Staaten gegenüber dem Problem. Sollen die Italiener doch sehen, wie sie es schaffen, so die alles andere als heimliche Haltung der Bundesregierung. Bei seinem „Leuchtturm für Lampedusa“ plant Kilpper daher eine zweite wichtige Funktion ein: Der Bau soll ein Kunst- und Kulturhaus aufnehmen, in dem sich Inselbewohner und Flüchtlinge begegnen. Konzerte und Ausstellungen könnten Brücken bauen.
Bereits mehrfach hat Kilpper sein Projekt in Ausstellungen vorgestellt, auf der Architektur-Biennale in Rotterdam und nicht zuletzt auf Lampedusa selbst. In Fahrt gekommen ist es noch nicht. Seine erste Idee war es, den Leuchtturm aus den Überresten jener Flüchtlingsboote zusammenzusetzen, die auf einer Art Schiffsfriedhof auf Lampedusa verrotten. Doch das erwies sich rasch als aufwändig und teuer. Dann brachte sich Kilpper bei den Betreibern der Temporären Kunsthalle ins Gespräch. „Die Gebäudehülle wäre ideal für das Projekt gewesen“, sagt der 55-Jährige. „Wenn wir die Hülle als Spende erhalten hätten, hätten wir Transport und Aufbau übernommen.“ Kilpper hat auf Lampedusa Mitstreiter für seine Idee gefunden, doch die hätten nicht nachdrücklich genug ihr Interesse an der Halle geäußert, die jetzt in Wien wieder errichtet wird.

Architekten gesucht
Kilpper hat Bewohner von Lampedusa auf seiner Seite, darunter den Bürgermeister. Dass die Inselbevölkerung den Flüchtlingen feindlich gegenüber stünde, sei eine falsche Darstellung, sagt Kilpper: „Es gibt eine lange Geschichte des persönlichen Helfens, die noch heute spürbar ist.“ Rassistische Klischees in Stellung zu bringen, wie es etwa die französische Front National-Politikerin Marine Le Pen bei ihrer Lampedusa-Visite versuchte, sei nicht durchsetzbar. Und doch sei die Unterstützung seitens der Menschen auf Lampedusa für sein Projekt derzeit nicht stark genug. So bleibt noch ein Grundstück für das Projekt zu bestimmen. Ebenso muss der Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden, den sich Kilpper wünscht. Das sind alles ziemlich dicke Bretter. Und die Menschen auf Lampedusa haben derzeit vielleicht Anderes im Kopf als ein Kunstprojekt. Doch Thomas Kilpper hat einen langen Atem. „Kilpper ist kein Künstler, der  schaut, ob er aus aktuellen politischen Themen Profit schlagen kann“, meint sein Berliner Galerist Olaf Stüber. „Er ist ein ausgesprochen politischer Künstler.“
So realisierte Kilpper zusammen mit dem Neuen Berliner Kunstverein 2009 das Projekt „State of Control“. Auf einer Fläche von 1.600 Quadratmetern ritzte er Bilder aus der deutschen Geschichte der staatlichen Überwachung in den Fußboden des ehemaligen Staatssicherheits-Ministeriums der DDR. Für die Biennale 2010 in Lodz verkleidete er leer stehende Gebäude in der Stadt mit dekorativen Barrikaden. Zudem betreibt Kilpper in Berlin den Projektraum After the Butcher, in dem er Kollegen Raum für eigene Vorhaben gibt, die meist einen deutlichen politischen Akzent haben. Auf der Biennale in Venedig, die Anfang Juni eröffnet, ist Kilpper im dänischen Pavillon vertreten, in einer Gruppenausstellung zum Thema Meinungsfreiheit.
Ob der Leuchtturm auf Lampedusa jemals entsteht, ist derzeit völlig offen. In jedem Fall bringt Kilpper mit seinem Projekt die Insel ins Gespräch. Und setzt damit seine Perspektive  den Scharfmachern entgegen, die Lampedusa scham- und rücksichtslos für ihre Zwecke benutzen.

weitere Informationen.
www.kilpper-projects.de, www.after-the-butcher.de.
ab 4.6.: 54. Biennale von Venedig, www.danish-pavilion.org, www.labiennale.org