Berlin

Kinder der Apokalypse

Das Festival „Children of Doom“ widmet sich der Frage, welche Wissenschafts-Disziplin unser Untergang und welche unsere Rettung wird. Wir klären vorab ein paar Fakten zum Weltuntergang

Foto: Messe Berlin

Wie gefährlich ist Künstliche Intelligenz?

„Die Künstliche Intelligenz ist die letzte Erfindung der Menschheit“, meint Fabian Weisterheide, ­Experte für Maschinenintelligenz. „Wenn wir alles richtig machen, müssen wir dank KI nie wieder arbeiten und können ewig leben.“ Aber ist die Künstliche Intelligenz dem Menschen wohlgesonnen? Laut Wester­heide ist jede Maschinenintelligenz zunächst ein unbeschriebenes Blatt, und es kommt darauf an, wer sie trainiert – und wofür. „Ich kann der KI sagen: Schreib mir einen Text! Ob der Text rassistisch oder voller Schimpfwörtern ist – das hängt davon ab, was ich der KI vorher beigebracht habe.“ Der Mensch an sich, befürchtet Westerheide, neige dazu, jede Erfindung zu missbrauchen um anderen Menschen zu schaden. So war es mit der Atomenergie, so war es mit Drohnen, die nun zur Kriegsführung benutzt werden – und das Gleiche kann mit einer KI ebenfalls passieren. 

Wie bereite ich mich auf den Weltuntergang vor?

Wichtig ist erstmal, von welchem Weltuntergang wir eigentlich sprechen. Boris Jebsen, Organisator von Children of Doom sieht beispielsweise drei wahrscheinliche Szenarien für eine Apokalypse. „Die ­erste ist total von Menschen konstruiert und betrifft das globale Finanzsystem“, so Jebsen. „Es ist durchaus möglich, dass sich die Schulden in den USA in den kommenden Jahren in eine Richtung entwickeln, die alles in den Schatten stellt, was wir von der letzten Finanzkrise kennen.“ Szenario Nummer zwei wären Pandemien, und zwar nicht durch natürliche Krankheitserreger, sondern durch welche, die in Labors zu Kriegszwecken gezüchtet werden. Und Szenario Nummer drei ist der Einschlag eines Himmelskörpers, eines Near-Earth-Objects. „Wenn du jetzt zu deinen Top-Apokalypse-Varianten die wissenschaftliche Community im Blick behältst, dann bist du eigentlich schon ganz gut informiert und brauchst erstmal nicht unnötig in einen Alarm-Modus zu verfallen“, meint Jebsen.

Kann sich die Menschheit durch gentechnisch veränderte Pflanzen aus Versehen selbst auslöschen?

„Auf einem Weizenfeld gibt es so viele unterschiedliche Halme, dass statistisch gesehen durch Sonneneinstrahlung und andere Faktoren auf natürlichem Weg jedes Weizengen einmal in mutierter Form vorliegt“, sagt Wolfgang Nellen, Gentechnik-Experte der Uni Kassel. „Und trotzdem ist uns bisher noch kein Killer-Weizen über den Weg gelaufen.“ Genetische Mani­pulation, die neuerdings durch das CRISPR-Verfahren im Labor sehr einfach durchgeführt werden kann, sei nicht viel mehr als ein Prozess des Züchtens, wie er durch natürliche oder menschengemachte Selektion ohnehin schon immer stattgefunden hat – mit präziseren Methoden. „Die Selektion im Gen-Labor ist wesentlich effizienter und zielgerichteter“, so Nellen. Statt einen möglichen Auslöser für die Apokalypse sieht er in Gentechnik eine Chance, Massensterben durch Hunger abzuwenden. „In den letzten 50 Jahren haben wir weltweit die Getreideproduktion pro Erdenbürger nennenswert vervielfachen können“, sagt der Wissenschaftler. „Ohne Gentechnik wäre das nicht denkbar gewesen.“

Kann ich den Klimawandel noch aufhalten?

Klimawandel – das bedeutet heiße Sommer und Überschwemmungen. Dass mit dem Klimawandel aber viel mehr Faktoren zusammenhängen, fanden David Nelles und Christian Serrer im Zuge ihrer Recherche zum Buch „Kleine Gase, große Wirkung“ heraus. So wird der Klimawandel in der Wissenschaft als größte globale Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Hitze kann Herzkreislauf- und Atemwegserkrankungen verschlimmern; nach Überschwemmungen können häufiger Infektionskrankheiten ausbrechen. Außerdem wird die Pollensaison verlängert und durch die Wanderbewegung von Insekten kann man sich bald auch in Europa mit Tropenkrankheiten infizieren. Der Einfluss des Einzelnen ist mittlerweile nur noch gering. 85 Prozent der CO2-Emission sind gegenwärtig auf die Verbrennung von fossilen Brennstoffen zurückzuführen – eine wichtige Maßnahme wäre also, dass neben den Individuen vor allem die Industrie und die Politik in der Energieerzeugung radikal umsteuern. Nelles und Serrer haben aber auch Möglichkeiten recherchiert, mit denen der bereits entstandene Schaden eingedämmt werden kann: Beim „Geoengineering“ greift die Menschheit gezielt ins Klimasystem ein, beispielsweise indem Substanzen in die Atmosphäre gesprüht werden, die Sonnenstrahlen zurück ins Weltall reflektieren. Oder CO2 wird aus der Atmosphäre gesaugt und in der Erde eingelagert – zum Beispiel in den Hohlräumen, die beim Bohren nach Erdöl entstanden sind.

Was sind die Schlüsseltechnologien, um mit der Menschheit nach der Apokalypse wieder durchzustarten?

Ist der Weltuntergang erstmal gekommen, geht alles ganz schnell: Der Strom ist weg und mit ihm das virtuelle Wissen. Goodbye, Wikipedia, iCloud, Dropbox und wie sie alle heißen. Gut, dass die Menschheit noch auf gedrucktes Wissen zurückgreifen kann, denn das wird sie brauchen, um schnell einige Technologien wieder aufzubauen, die für eine Zivilisation elementar sind. Und damit meint Lewis Dartnell nicht etwa Facebook oder Instagram. Nein, für den Autor des Buches „The Knowledge“ ist beispielsweise Seife viel wichtiger, denn diese Erfindung wird die Menschheit dabei unterstützen, Seuchen einzudämmen. Oder das Haber-Bosch-Verfahren zur Synthese von Ammoniak, einem wichtigen Düngemittel. Allerdings räumt Lewis Dartnell auch ein, dass wir nach einer Apokalypse nicht alle elementaren Innovationen der Menschheitsgeschichte wiederholen müssen. Die Förderung von Erdöl oder fossilen Brennstoffen etwa könnten wir überspringen, und zur Energiegewinnung direkt auf Wasser, Sonne und Wind setzen.

Was zieht man an zum Weltuntergang?

Unsere Vorstellung von zukunftspessimistischen Szenarien und dystopischen Gesellschaften ist medial geprägt durch „Mad Max“, „Die Jugger“ oder „Fallout“. Aber entgegen der medialen Vorbilder stünde in der post-apokalyptischen Mode wohl weniger die Attraktivität derselben als vielmehr ihr praktischer Nutzen im Vordergrund, meint Veit Schnetker von der Event-Agentur „Fräulein König“: „Re-design ist das, was Endzeit-Fashion ausmacht, Plündern ist das neue Shoppen. Die Weltuntergangskollek­tion besteht aus allem, was recycelt werden kann und vorzugsweise Schutz vor ­Umwelteinflüssen bietet.“ Dabei, so Schnetker, ersetzen ­tackern, kleben und knoten auch schon mal das Nähen. Wer sich, zumindest für ein Wochen­ende, in einen Wastelander aus der „Stadt der Tausend Bunker“ verwandeln möchte, kann sich an der Workstation von Fräulein König ein eigenes Endzeit-Outfit kreieren. Am 18. und 19. Mai bei der Premiere von „Children of Doom“ im Hafen Rummelsburg.

Weltuntergang als Wissenschaft, für ein breites Publikum: „Children of Doom“, 18./19.5., Nalepastr. 10-16, Oberschöneweide,
childrenofdoom.com

Highlights:

18.5., 14-15 Uhr
Fabian Westerheide: „Künstliche Intelligenz – Realität o. Fiktion“,

18.5., 10.45–11.15 Uhr
Florian Rösch/ Mainak Das Gupta: „Die Verhinderung des Doomsday durch CRISPR“

Workshop: „Biotech-Labor“ und Planspiel: „Malaria und tote Mücken“ mit Wolfgang Nellen, Anmeldung: jana@childrenofdoom.com

18.5., 16 -16.45 Uhr
David Nelles, Christian Serrer: „Klimawandel – heißer Scheiß

18.5., 12.15–13.15 Uhr
Prof. Lewis Dartnell: „Das Handbuch für den Neustart der Welt

Fräulein König: „Endzeit-Outfit“, durchgängig

Die Termine:

https://www.zitty.de/event/information/children-of-doom-festival-of-science/