»Natürlich braucht man Egozentrik«

Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol von Gloria

Klaas Heufer-Umlauf ist an der Seite von Joko Winterscheidt zum Fernseh-Clown geworden. Mit Mark Tavassol von Wir sind Helden gründete er die Band Gloria. Ein Gespräch mit zwei Künstlern über Erwartungshaltungen und Ernsthaftigkeit
Interview: Thomas Winkler

Gloria Zwei Typen, die nur scheinbar nicht zusammenpassen:  Mark Tavassol (links), 41 Jahre, bisher Bassist bei Wir sind Helden, und Klaas Heufer-­Umlauf, zehn Jahre jünger und TV-Entertainer. Seit 2008 arbeiten sie an Songs, 2013 gründeten sie die Band Gloria, die Debüt­single hieß  „Warten“, im September 2013 erschien das Debüt­album  „Gloria“. Am 7. August erscheint ihr zweites Album „Geister“ (Grönland/RTD) Foto: K. Hintze
Gloria Zwei Typen, die nur scheinbar nicht zusammenpassen: Mark Tavassol (links), 41 Jahre, bisher Bassist bei Wir sind Helden, und Klaas Heufer-­Umlauf, zehn Jahre jünger und TV-Entertainer. Seit 2008 arbeiten sie an Songs, 2013 gründeten sie die Band Gloria, die Debüt­single hieß „Warten“, im September 2013 erschien das Debüt­album „Gloria“. Am 7. August erscheint ihr zweites Album „Geister“ (Grönland/RTD) Foto: K. Hintze

Was ist schlimmer: singende Schauspieler oder singende TV-Moderatoren? 

Klaas Heufer-Umlauf: Das ist eine völlig berechtigte Frage. Ich fürchte, das liegt im Auge des Betrachters. Es stimmt schon: In diesen Kombinationen geht das häufig schief. Aber wenn es nach mir geht, dann darf jeder singen.

Mark Tavassol: Ich als Außenstehender würde mal sagen: Bei einem TV-Moderator vermute ich eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass der singen kann. Weil Schauspieler meist extrovertierte Typen sind und dazu neigen, sich selbst zu überschätzen.

KHU: Aber TV-Moderatoren doch erst recht!

MT: Meine Erfahrung sagt mir: Schauspieler sind die, die bei den Partys am Ende dann auf den Tischen tanzen.

KHU: Ich kann mir ja vorstellen, dass die Verzweiflung und Kaputtheit, die einem TV-Moderator innewohnen, eine gute Grundlage sind für Texte und dann, durch den Hintereingang quasi, auch für ehrliche Musik, weil die Tragik dieser Branche sich in den Songs niederschlägt.

Das wäre dann die „kleine Persönlichkeits-störung“, die Sie, Herr Heufer-Umlauf, in einem Interview kürzlich allen Moderatoren-Kollegen bescheinigt haben?

KHU: Ja, in dem Beruf geht es nun mal nicht ohne die drei sympathischen Worte ich, ich und ich. Aber ich kann nur von mir sprechen, ich weiß ja nicht, was für eine Störung andere Leute haben. Natürlich braucht man ein Mittelpunktsbedürfnis und ein gewisses Maß an Egozentrik, sonst gäbe es keine Filme, kein Theater, keine Musik. Die Frage ist, ob man den An-aus-Schalter findet in diesem Drang zum Licht. Wenn jemand schon anfängt zu performen, sobald mehr als zwei Leute im Raum sind, dann finde selbst ich das anstrengend.

Wenn man eine kleine Störung braucht, um eine TV-Sendung zu moderieren, wie groß muss die Störung sein, um Songs zu schreiben und in aller Öffentlichkeit zu singen, die von einem selbst handeln?

KHU: Das hängt von den Songs ab. Die müssen ja nicht immer nur von einem selbst handeln. Wenn die Leute eine CD gekauft haben, dann ist das ihre – und dann können sie damit auch machen, was sie wollen.

Das ist bei Ihren Songs besonders einfach, denn die Texte sind sehr kryptisch.

KHU: Ja, aber das ist nun mal so, dass Lieder gerne missverstanden werden. Das ist schon in Ordnung, solange uns nicht so etwas passiert wie den Toten Hosen, deren „Tage wie dieser“ von der CDU zur Parteitags­musik gemacht wird.

MT: Es wäre vielleicht schlauer, um kommerziell erfolgreich zu werden, den Schlüssel zu den Texten deutlicher hinzulegen. Aber ich möchte emotionale Dinge nicht konkreter formulieren. Das ist Poesie. Da muss man damit leben, dass es vielleicht nicht so verstanden wird, wie man es ursprünglich gemeint hat. Wir wollen das nicht ändern, wir wollen uns nicht dem Diktat der Radiokonformität unterwerfen.

KHU: Das wäre doch viel schmerzhafter, wenn man die Texte umschreiben müsste, um sie verständlicher zu machen.

Sind die Gloria-Texte vielleicht auch deshalb so eigen, weil einer von Ihnen als Quereinsteiger zur Musik gekommen ist?

KHU: Vielleicht. Ich finde Quereinsteiger jedenfalls immer interessant. Auch beim Fernsehen kommen die besten Ideen oft von Menschen, die vorher fünf Jahre hauptberuflich PETA-Aktivist waren. Ja, womöglich trage ich ja da etwas zur Musik bei, das so nicht entstehen würde. Aber es ist trotzdem sehr gut, jemanden dabeizuhaben, der sich auch theoretisch gut auskennt mit der Musik und manchmal dann einfach sagt: Das geht nicht!

MT: Das würde ich nie sagen.

KHU: Das habe ich aber anders in Erinnerung.

Was ist schwieriger: Auf eine Bühne gehen und witzig sein müssen oder auf eine Bühne gehen und sich als Sänger emotional nackig machen?

KHU: Nach Tagesform. Die Anforderungen sind sehr unterschiedlich, aber beides ist nicht unanstrengend. Angst habe ich weder vor dem einen noch dem anderen. Das Witzigsein ist vielleicht losgelöster von der tatsächlichen Laune herstellbar.

Sie beide haben schon vor Gloria, der eine mit Wir sind Helden, der andere im Fernsehen, großen Erfolg gehabt. Sie müssen mit der Musik weder Geld verdienen noch irgendjemandem etwas beweisen …

KHU: Das wären ja auch wohl die beiden schlechtesten Gründe, wegen denen man Musik machen sollte.

MT: Wir machen Musik aus reiner Freude an der Musik. Das ist natürlich privilegiert. Aber trotzdem arbeiten wir hart, wir investieren sehr viel Zeit und nehmen das sehr ernst, denn man kann sehr viel falsch machen und mit einer Platte auch seinen Ruf ruinieren. Wenn man nicht ehrlich ist und da nur eine Fassade hinstellt, dann fällt das auf einen zurück.

Aber finanziell nicht darauf angewiesen zu sein, das entspannt schon ungemein?

KHU: Während man Musik macht, darf man nie darüber nachdenken, ob und aus welchen Gründen das, was man da gerade macht, anderen Leuten gefallen könnte. Erst recht darf man nicht darüber nachdenken, ob Leute, die man nicht kennt und die mich nicht kennen, darüber nachdenken, ob ich entspannt war, als ich die Musik gemacht habe.

MT: Es ist vielleicht nicht so romantisch, dass wir nicht am Hungertuch genagt haben, während wir diese Musik gemacht haben. Aber ich glaube nicht, dass das nötig ist, um gute Musik zu machen. Unser Luxus besteht vor allem darin, dass wir uns aussuchen können, mit wem wir zusammen­arbeiten.

Hat Sie die Überraschung der Öffentlichkeit darüber, dass Klaas in seiner Musik nicht so klamaukig ist wie im TV, überrascht?

KHU: Tatsächlich hatte ich damit gerechnet, mehr erklären zu müssen. Ich kann mich ja ganz gut in die andere Seite des Tisches hinein­versetzen und ich weiß, mit welch spitzen Fingern ich diese Platte aus dem Umschlag genommen hätte. Ich kann mir vorstellen, wie die Erwartungshaltung war. Aber überraschenderweise wurde ich dann nie direkt gefragt, sondern eher auf der Meta­ebene: Wie ich es denn finden würde, dass es jemand scheiße finden könnte, dass ein Moderator nun singt.

MT: Ich hatte durchaus meine Bedenken, aber mir war von vornherein klar, dass die Erwartungshaltungen so deutlich gebrochen würden, dass das schnell kein Thema mehr sein würde.

KHU: Ich war einfach froh, dass die Leute bereit waren, sich diese Musik anzuhören und sich vor allem damit zu beschäftigen, was auf der Platte drauf war.

Erwartungshaltungen haben Sie auch mit dem Song „Eigenes Berlin“ gebrochen. Anstatt Berlin toll zu finden wie alle anderen, beschreiben Sie eine Art Hassliebe zu der Stadt, in der Sie seit neun Jahren wohnen, Herr Heufer-Umlauf.

KHU: Als ich nach Berlin gezogen bin, hatte ich den Eindruck, hier hat niemand auf mich gewartet. Diesen Eindruck hatte ich in anderen Städten nicht, auch wenn das vielleicht getäuscht hat. Berlin war sicher nie eine Stadt, in der ich gestanden habe und dachte: Boah, ist das schön hier, das ist meine Lieblingsstadt. Aber irgendwann habe ich angefangen, Berlin zu vermissen. Aber wenn ich hier bin, dann sitze ich eher zu Hause he­rum. Ich sitze überhaupt viel zu Hause he­rum, wenn ich mal Zeit habe. Aber das kann ich nirgendwo so gut wie in Berlin – vielleicht, gerade weil man all diese Möglichkeiten hätte, rauszugehen und was zu machen